Krieg um Öl von Karatschi bis Triest

Thomas Immanuel Steinberg

Wie groß sind die kaspischen Gas- und Öllagerstätten? Geht es um mehr als um Transportinfrastruktur? Was haben deutsche Konzerne von den Kriegen?

Für den NATO-Krieg gegen Jugoslawien warb Bundesverteidigungsminister Rudolf Scharping mit der Behauptung, Deutschland müsse humanitär intervenieren helfen. Der linkische Verteidigungsminister erzählte vorm Fernsehen frei Erfundenes über physikalisch unmögliche Gasexplosionen, erklärte Racak zum Ort eines Massakers, das nie stattgefunden hat, und wedelte vor der Kamera mit einem angeblich serbischen Hufeisen-Plan, der, böse Panne, einen kroatischen Titel trug. Wozu so viele Lügen, wozu Joseph Fischers Auschwitz-Verharmlosung während des Krieges, wozu überhaupt dieser Krieg und jetzt auch der gegen – ja, gegen wen eigentlich?

Kosovo-Krieg

Wer bei Jugoslawien nicht an eine humanitäre Intervention glauben mochte und nach handfesten Interessen suchte, wurde schnell belehrt: Im Kosovo gäbe es nichts zu holen. Einer wußte es besser: Dick Cheney, der heutige US-Vizepräsident, war vor seinem Amtsantritt Generaldirektor der Firma Halliburton Energy und ist immer noch ihr Teilhaber. Die britische Tochter von Halliburton heißt Brown & Root Ltd. Sie hat die Machbarkeitsstudie erstellt für eine Ölpipeline namens AMBO, mit deren Bau im Herbst 2001, also genau zu dem Zeitpunkt begonnen wurde, als die amerikanisch finanzierte UCK auch in Mazedonien die Waffen ruhen ließ. Investitionssumme, wie die FAZ vom 27. August 2001 schreibt: 1,13 Milliarden US-Dollar. Die Trasse führt vom Schwarzmeerhafen Burgas durch Bulgarien und Mazedonien, unweit der Grenze zum Kosovo bis Vlorë an der albanischen Adria. Mit ihrer Kapazität (750000 bbl/d) wird die Pipeline den laufenden Durst von 20 Millionen europäischen Autos stillen können. Über sie wacht die US-Festung Camp Bondsteel in der amerikanischen Besatzungszone des Kosovo – die größte Militärbasis außerhalb der USA seit dem Vietnamkrieg. Ausstattungs- und Versorgungsfirma von Camp Bondsteel: Dick Cheneys Halliburton.

Bei AMBO geht es um mehr als eine Balkan-Pipeline für das Konsortium aus den Gruppen BP-Amoco-ARCO, Chevron und Texaco: Es geht um den transeuropäischen Korridor Nummer 8 mit Straßen, Tunnels, Brücken, Schienen, Hafen- und Wasserstraßenanschlüssen, Gas- und Glasfaserleitungen. Es geht um die infrastrukturelle Erschließung aller Profitmöglichkeiten auf dem Balkan. Der Schweizer Zeitschrift Zeit-Fragen zufolge sitzen deshalb die Konzerne Bechtel, Enron und General Electric mit im Boot. Die öffentliche Trade and Development Agency (TDA), der deutschen Hermes-Rückversicherung vergleichbar, hat das Projekt abgesichert. Die »Durchlauf«-Länder Bulgarien, Mazedonien und Albanien dagegen mußten staatliche Souveränitätsrechte an AMBO abgeben und sich zum Schweigen über die Pläne des Konsortiums verpflichten. Michel Chossudovsky, Ökonom an der Universität Ottawa meint: Mit AMBO sollte außerdem Total-FINA-Elf, der italienisch-französisch-belgische Konkurrent, ausgeschaltet werden.

Der italienische Ölgigant ENI, unter anderem mit Libyen über eine Mittelmeerleitung gut im Geschäft, hat eine andere Balkanüberquerung für das Öl aus dem Osten im Auge: Vom rumänischen Schwarzmeerhafen Constanca durchs nördliche Jugoslawien zuerst nach Omisalj in Kroatien soll eine Leitung führen, später bis zum italienischen Triest mit Anschluß an das westeuropäische Pipelinenetz. Auch bei diesem, SEEL genannten, Projekt handelt es sich, wie Matthias George in den Schweizer Zeit-Fragen schreibt, um einen der Korridore des paneuropäischen Netzes. Mit der Gefangennahme Milosevics und der Regierungsübergabe an die jugoslawischen Weltbankangestellten in Belgrad ist auch von Jugoslawien nun alle Unterstützung für dieses westeuropäische Konzerngeschäft zu erwarten. Auf der internationalen Konferenz »Adriatic pipeline – new perspectives for transport of Caspian oil to the European markets«, die im Juni 2000 im Rahmen des Inogate-Programms stattfand, sei genau diese Route als profitträchtigste ausgewählt worden. Die politischen Gründe gegen diese Pipeline seien mit dem NATO-Sieg entfallen, und Kroatien bestünde nicht mehr auf einer kostspieligen Umgehung Jugoslawiens via Ungarn. Allerdings hat die US-Airforce im jugoslawischen Abschnitt des SEEL-Korridors vier Brücken in die Donau gebombt – womöglich, um dem AMBO-Konsortium den Vorsprung vor der europäischen Konkurrenz zu sichern.

Tschetschenien-Krieg

Laut U.S. Trade and Development Agency vom Mai 2000 soll das Öl für AMBO aus Südrußland und Zentralasien kommen, von russischen und georgischen Häfen. Es muß also über den kaukasischen Isthmus zwischen dem Schwarzen und dem noch weiter östlichen Kaspischen Meer. Wie auf dem Balkan war auch hier immerfort Krieg: Georgien gegen die russisch unterstützten Separatisten in Abchasien; Armenien – um Nagorny-Karabach – mit Rußlands Hilfe gegen Aserbaidshan; und vor allem Tschetschenien, mit saudischer Unterstützung, gegen Rußland. Die nordkaukasische Leitung von Baku ans russische Schwarze Meer ist seit 1994 unterbrochen. Die Tschetschenen wollten mehr Wegezoll, als die Russen zahlen mochten.

Nun gibt es eine Umgehung sowohl Tschetscheniens als auch Rußlands: eine – allerdings dünne – Ölleitung von Aserbaidshan nach Supsa an der georgischen Küste. Viel wichtiger: Im Bau ist eine gigantische Trasse von den riesigen Tengiz-Feldern in Kasachstan zum russischen Schwarzmeerhafen Noworossisk. Das Förderkonsortium ist zwar amerikanisch dominiert, die Leitungsgebühr aber kassieren russische Konzerne.

Auch in der Erdgasbeförderung haben russische Konzerne – hauptsächlich Gasprom – immer noch die Nase vorn:

1. über Belarus (Weißrußland) nach Polen und Deutschland. Das ist der Grund, weshalb die USA Michael Kozak als Botschafter nach Minsk geschickt haben. Er ist ein alter Nikaragua-Contra aus Bush Seniors Zeiten, agitiert gegen die belorussische Regierung und finanziert die Wahlkämpfe der prowestlichen Opposition. Doch Belarus und Rußland halten (noch) zusammen.

2. von Noworossisk über den 2000 Meter tiefen Boden des Schwarzen Meeres nach Samsun in der Türkei. Konsortialführer: die italienische ENI. Im Konsortium sitzt die Ruhrgas AG. Die Meeresbodenleitung, in 2000 Meter Tiefe über Berg und Tal, ist im Bau.

Wie können sich die US-amerikanischen Konzerne in dieser Lage den Profit sichern?

Der Iran ist mit den USA verfeindet. Er böte sich als billigster Weg zum Meer an, nämlich zum Persischen Golf. Die zweitbeste Wahl für Öl: von Baku über Georgien durch das ehemals kurdisch beherrschte Ostanatolien nach Ceyhan am Mittelmeer. Zwar ist die kurdische Bevölkerung dezimiert worden. Sie könnte nicht mehr, wie die Tschetschenen in Rußland, »auf den Gartenschlauch treten«, also teilhaben am Reichtum über Leitungsrechte. Aber der Weg bis Ceyhan ist lang und die Rentabilität nur bei einem dauerhaft hohen Welt-Ölpreis gegeben. Das Baku-Ceyhan-Konsortium setzt sich freilich genauso zusammen wie das AMBO-Konsortium: US-amerikanisch.

Afghanistan-Krieg

Für Erdgas, zunächst einmal aus Turkmenistan, ferner auch aus Kasachstan, bietet sich die Strecke zum Indischen Ozean durch Afghanistan und Pakistan. Rußland wäre ausgebootet, ebenso der Iran. Aber auch hier besteht die gleiche Konstellation: Wer bekommt wieviel Wegezoll?

1979 gelang es den US-amerikanisch finanzierten Mudschaheddin, die Sowjetunion zu einem Krieg zu provozieren. Nach großen Verlusten zogen die Sowjets zehn Jahre später ab, und die verbliebenen afghanischen Gruppen zerfleischten sich untereinander. Die Taliban wurden ins Land gebracht, von Saudi-Arabien, Pakistan und den USA finanziert. Sie schienen die Leitungs- und Transportsicherheit jedenfalls soweit gegen rivalisierende Gruppen garantieren zu können, daß der argentinische Konzern Bridas einerseits, die texanische Unocal und die saudische Delta andererseits eine transafghanische Erdgasleitung in Angriff nehmen wollten. Bridas wurde ausgestochen und unterlag bei einer Klage vor einem – texanischen – Gericht. Unocal und Delta handelten 180 Millionen Dollar jährlich mit den Taliban als Wegezoll aus. Die Taliban haben dann aber 1998 die US-Amerikaner, angeblich mit Attentaten, verprellt und wohl das Geschäft allein mit den Saudis machen wollen. Was genau passiert ist, liegt noch im dunkeln. Im August 1998 jedenfalls zog sich Unocal aus den Afghanistan-Plänen zurück, einen Tag, nachdem die USA Stützpunkte der Taliban in Afghanistan bombardiert hatten. Die italienische Zeitung Il Manifesto meint: Die Taliban wollten eine Konkurrenzfront zu den Amerikanern aufbauen. Jedenfalls wurde erst einmal nichts aus der Pipeline. Dafür setzen die Amerikaner jetzt offenbar auf die Nordallianz.

Doch stellen sich mindestens drei Fragen: Um wieviel Öl und Gas geht es überhaupt? Geht es nur um Transportinfrastruktur? Was haben die deutschen Konzerne damit zu tun?

Die kaspischen Lagerstätten

Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe, Hannover, schätzte das Gesamtpotential des Kaspischen Raumes (ohne Iran) 1998 für Erdöl auf gut 18 Milliarden Tonnen, für Erdgas auf zirka 24 Billionen Kubikmeter. »Damit ist es etwa doppelt so groß wie das Potential der Nordsee, steht aber deutlich hinter dem Nahen Osten (137 Milliarden Tonnen Erdöl, bzw. 78 Billionen Kubikmeter Erdgas) … zurück.« Da eine Milliarde Tonnen Erdöl etwa den gleichen Brennwert hat wie eine Billion Kubikmeter Erdgas, bedeuten die kaspischen Öl- und Gasvorkommen: noch mal ein Fünftel auf den Nahen Osten drauf.

Transportinfrastruktur heißt ökonomisch sehr viel: Man denke an die Erschließung des amerikanischen Kontinents durch die Eisenbahn – Rockefeller baute sein Imperium auf dem Öltransportmonopol per Eisenbahn auf, nicht auf dem Öl. In diesem Sinne konnte ausgerechnet Clintons Energieminister, Bill Richardson, die jetzt begonnene Eroberung des kaspischen Raumes quasi ankündigen: »Es geht um Amerikas sichere Energieversorgung. Und auch darum, strategische Querschläge durch die zu verhindern, die unsere Werte nicht teilen. Wir versuchen, die neuerdings unabhängigen Länder nach Westen zu bewegen. Wir möchten, daß sie sich auf westliche wirtschaftliche und politische Interessen ausrichten, statt andere Wege zu gehen. Wir haben politisch erheblich in die kaspische Region investiert, und für uns ist es sehr wichtig, daß die Pipelinekarte und die Politik zusammenpassen.« (Monbiot: A discreet deal in the pipeline. Guardian, 15.02.2001)

Die lebendige Internetseite http://www.emperors-clothes.com (www.tenc.net, auch deutsch) geht weiter. Ihr zufolge versuchen die Vereinigten Staaten nach der gelungenen Auflösung der Sowjetunion nun das russische Umfeld zu destabilisieren und letztlich Rußland zu zerlegen. Dorthin mag die Hoheit über die Rohstofftransportwege, über die Rußland die Hälfte seines Staatshaushalts finanziert, ein wichtiger Schritt sein.

Deutschlands industrielles Schwergewicht liegt auf Maschinenbau, Chemie, Straßenfahrzeugbau, Elektroindustrie. Alles, alles davon wird gebraucht für die geplanten Verkehrskorridore, Rohstoffextraktionen, zivilen und militärischen Sicherungsanlagen. Der einzige Kriegsgrund dürften Gas, Öl und Straßen für unsere regierungsamtlichen Exekutoren des Konzernwillens dennoch nicht sein. Es geht auch um die – nun erneute – Teilnahme Deutschlands an einer imperialistischen Schlacht. Das muß auch erst einmal sacken in Volkes Kopf.

T:I:S, 2003. Erschienen in der jungen Welt vom 10. November 2001

URL dieses Beitrags: http://www.steinbergrecherche.com/askaratschi.htm#Triest

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