Der große Verlust

Wie die politische Korrektheit meine Arbeit als freie Schriftstellerin einschränkt.

DIE ZEIT Nr. 25/2018, 14. Juni 2018

AUS DERZEIT NR. 25/2018

Politische Korrektheit: Die Schriftstellerin Tina Uebel lebt in Hamburg-St. Pauli, wenn sie nicht gerade auf Reisen ist.
Die Schriftstellerin Tina Uebel lebt in Hamburg-St. Pauli, wenn sie nicht gerade auf Reisen ist.© Anna Weise/akg-images

Ich bin, und zwar von ganzem Herzen, Schriftstellerin, Reisejournalistin, Literaturveranstalterin und Weltreisende – und in allen diesen meinen Inkarnationen nagt die Political Correctness zunehmend an meinen Fundamenten. Nicht zuletzt an meinen Idealen: Aufklärung. Gleichberechtigung. Empathie und eine Mitmenschlichkeit, die blind ist für Kategorien wie Ethnie, Gender, Herkunft. War PC nicht einst, vor ihrer Hysterisierung, für ebendiese Ideale angetreten? Mittlerweile abersind die Kollateralschäden mannigfaltig, uns Schreibende treffen sie hart, denn Sprache ist das Medium unseres Denkens und unserer Kommunikation. Ich habe von schmerzlichen Verlusten zu berichten.

Verlust des Weltverständnisses:

Nicht jeder kann und will reisen – uns Reisenden obliegt damit eine wichtige Verpflichtung: von der Welt zu erzählen. Machen wir unseren Job gut, erweitern wir das Verständnis für andere Kulturen und minimieren die Angst vor dem Fremden. Wir haben ein Problem, dürfen wir nicht mehr über die Welt, die wir erleben, berichten, sondern nur über eine, wie sie sein sollte:

– Ich bin mit einer kolumbianischen Familie auf einem Festival, wesentlicher Teil der dortigen Kultur ist der Hahnenkampf. In meinem Reisebericht für die ZEIT findet sich eine Passage darüber – zwischen skeptisch und amüsiert, so wie der Reisende der Welt bestenfalls begegnet –, ich soll sie streichen. Zu problematisch, sagt die Redaktion, im erwartbaren Leser-Shitstorm drohe jegliche positive Wahrnehmung der Haupterzählung unterzugehen.

– Eine Freundin schreibt ein tiefgründiges Buch über die verschwindende Inuit-Kultur Grönlands, das Buch heißt Heute gehen wir Wale fangen . Reaktion: Hass von „Lesern“, die nicht mehr als den Titel gelesen haben.

– Ein Freund beschreibt in einer Reisereportage eine aggressive Konfrontation – und deren Auflösung. Die Geschichte wird von einer Redaktion abgelehnt, weil das Verhalten der Einheimischen zu negativ sei.

– Im wunderbaren Reisebuch Schrecklich schön und weit und wild von Matthias Politycki erscheinen in einem Kapitel, in dem er sich damit beschäftigt, dass sich daheim in Deutschland PC-unkonforme Erlebnisse und Erkenntnisse nicht mehr berichten lassen – wenn man nicht scheele Blicke bis nacktes Entsetzen ernten will –, die diesbezüglich zitierten Aussagen von Reisenden als geschwärzte Passagen. Des Autors Kompromiss mit dem Lektorat; wenn er schon Dinge nicht erzählen soll, sieht man so wenigstens noch, dass er Dinge nicht erzählen soll.

Tja. Wer eine Idee hat, wie sich andere Kulturen verstehen und lieben lassen, wenn man von ihnen nur ein Zerrbild haben darf, dass unseren kulturellen Präferenzen entspricht, möge es uns mitteilen.

Verlust der Empathie:

Eine Vorabrezension des Jugendbuches American Heart über ein dystopisches Amerika, in dem Muslime verfolgt werden, löst einen Shitstorm aus, weil die weiße Protagonistin einer Muslimin hilft und die Autorin sich somit eine Art kulturell übergriffige Anmaßung zuschulden kommen lässt. Ich ringe um Verständnis und verliere. Die Doktrin der „kulturellen Aneignung“ scheint darauf abzuzielen, eine neue Rassensegregation zu errichten: Empathie soll sich anscheinend künftig auf Angehörige der eigenen Ethnie/Geschlechtsgruppe/Altersgruppe/Steuerklasse beschränken. Dachte ich noch hoffnungslos oldschool, das Ziel von Antirassismus und Feminismus sei es, in meinem Gegenüber den Menschen zu sehen, nicht Ethnie oder Geschlecht, soll ich nun nichts anderes mehr sehen. Im Hintergrund kommt die Entwicklung der Menschheit zu einem bremsenquietschenden Halt: Da das Lernen von anderen Kulturen nunmehr als cultural appropriation tabu ist, wird es recht tribalistisch fad werden auf diesem Planeten. Sich die Stagnation mit guter Lektüre vertreiben zu können, ist unwahrscheinlich – beruht doch Literatur auf Empathie für Protagonisten, die anders sind als man selbst.

Das N-Wort

Ich hatte eine Romanidee, inspiriert von drei Menschen, die ich bewundere, einem Kameruner König mit hinreißender Chuzpe, einem äthiopischen König, den ich im dortigen Knast besuchte, und einem innigen Freund und atemberaubenden Künstler aus Kamerun. Mein Romanheld wäre schwarz gewesen, da lass ich mal besser die Finger von und schreibe stattdessen nunmehr Bücher, die von der Interaktion weißer neunundvierzigjähriger Schriftstellerinnen mit weißen neunundvierzigjährigen Schriftstellerinnen handeln. Sicher ist sicher. Die anderen Geschichten werden unerzählt bleiben.

Verlust des Sprachverständnisses:

„But 100 years later the Negro still is not free. One hundred years later, the life of the Negro is still badly crippled …“ – „Aber 100 Jahre später ist der Neger immer noch nicht frei.“ Ein Zitat aus der berühmten „I have a dream“-Rede Martin Luther Kings von 1963.

50 Jahre später sitze ich mit einem Lektor und zwei Übersetzern an einem Kneipentisch, die Übersetzer erzählen von der Arbeit an einem Roman aus den Fünfziger Jahren, in dem von „negroes“ die Rede ist; ich argumentiere arglos, man müsse das historisch korrekt mit „Neger“ übersetzen, als mich der Lektor anfaucht, ich solle in diesem unserem Gespräch nicht „Neger“, sondern „das N-Wort“ sagen.

Ich halte es mit der Maxime: Nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Gegenwart verstehen und die Zukunft gestalten. Bis in die sechziger Jahre hinein war „Neger“ die – im Gegensatz zu „Nigger“, dem anderen N-Wort – politisch korrekte Bezeichnung für schwarze Menschen. Heute ist es eine rassistische Beleidigung. Die Sprache der Vergangenheit nach den Maßstäben der Gegenwart umzugestalten bedeutet, dass uns Geschichte verloren geht. Wer wird sich daranmachen, „I have a dream“umzuschreiben?

Wie sollen wir miteinander reden – und Rassismus diagnostizieren! –, wenn sich die Ansicht durchsetzt, nicht Kontext und Intention bestimmten die Bedeutung eines Wortes, sondern die schlichte Abfolge von Vokalen und Konsonanten? Jemanden einen „Halbneger“ zu nennen ist eine Ganzbeleidigung. Über die Wandlung des Wortes „Neger“ zu sprechen ist Kommunikation. Auf der Bezeichnung „Negerkuss“ zu bestehen ist böswillig oder empathielos. Das Siebziger-Jahre-Kinderspielzeug „Negerpuppe“ als „80 Zentimeter Rassismus“ zu bezeichnen, wie es Sarah Kuttner in einem Roman tat, worauf jemand bei ihrer Lesung die Polizei rief, ist Antirassismus. Ein Buch Singen können die alle! Handbuch für Negerfreunde zu betiteln ist Satire. Der schwarze Comedian Marius Jung hat in diesem Zusammenhang natürlich trotzdem den Rassismus-Antipreis des Student_innenRats der Universität Leipzig kassiert.

In der nächsten Umdrehung der N-Wort-Schraube kommt es zu Absurditäten wie beim Berliner Theatertreffen, wo dem Darsteller eines Neonazis verboten wurde, auf der Bühne „das N-Wort“ auszusprechen. In den Kulissen verabschiedet sich die narrative Darstellung von der Wirklichkeit. Die Rollenprosa, ohnehin eine bedrohte Art, schließt sich ihr an; dass die Meinung eines Protagonisten eine andere oder sogar gegenteilige als die des Verfassers sein kann, ist erfahrungsgemäß eh kaum noch vermittelbar. Wenn aber fiktive Schurken nicht mehr sprechen und handeln können wie Schurken, werden wir in Romanen, Filmen, Theatern eine schöne neue Welt haben, die die reale nicht mehr abbilden kann.

Verlust des Humorverständnisses:

All das entbehrte nicht einer gewissen Komik, stünde Humor nicht ebenfalls auf der Liste der bedrohten Kulturtechniken. Und zwar in einem Maß, das nicht zum Lachen ist.

Ich schreibe einen Antarktis-Expeditionsbericht, habe darin einen kleinen frotzelnden Originaldialog zwischen mir und meinem Zeltpartner: Des Abends, beim Hineinwursteln in ein Minizelt, führen wir Schatz-wie-war-dein-Tag-Dialoge, ich die Hausfrau, er heimkommend aus dem Büro, er fragt nach dem rumänischen Kindermädchen, ich antworte, Schatz, du weißt doch, das haben wir an einen Mädchenhändlerring verkauft, er bedauert das, ich sage, Schatz, du weißt, wir brauchten das Geld für deine Kaution.

„Gut, dass uns keiner gehört hat“

Drama im Lektorat. Weswegen ich unbedingt politisch unkorrekt sein muss; ich sage, das ist nicht un-PC, sondern ein kleiner schwarzhumoriger Anflug in einem Dialog. Lektorat: Man macht keine Witze über schlimme Dinge; ich: Doch, das ist die Definition von schwarzem Humor. Lektorat: Das sei zu heikel, und es komme doch für die Story nicht drauf an; ich: Wenn alle immer nachgeben, folgt der schwarze Humor dem Weg des Dodos. Kompromissvorschlag aus dem Lektorat: Ich könne doch schreiben, das polnische Kindermädchen habe das Auto geklaut und sei damit abgehauen. Ich: Das sei jetzt weder schwarzer Humor noch Ironie oder Sarkasmus, sondern ein seit Dekaden abgestandenes Ressentiment; außerdem erkläre ich, wie sich hier das Objekt des Scherzes verschiebe: In dem einen Fall skizzierten wir uns als ein spießig-fieses Gangster-Ehepaar, im anderen bashten wir Polen – was mir nicht in den Sinn käme. Fazit Lektorat: Schwarzer Humor sei nur da akzeptabel, wo er hingehöre, zum Beispiel in der Satirezeitschrift Titanicoder in einem Sachbuch über Mädchenhandel.

Verlust der Unterscheidungsfähigkeit

zwischen Realität und Fiktion: Eine Freundin schreibt einen Thriller, in dem ein Kindesentführer die Mutter zu immer scheußlicheren Gräueltaten erpresst, eine davon ist, ihrem geliebten Hund eine Pfote abzuschneiden, sonst sterbe ihr Kind; der Hund überlebt die Prozedur nicht, und auch der Thriller kommt nur angeschlagen davon. Ein Hassausbruch wegen Tierquälerei geht über meine Freundin nieder. Wegen des Todes eines fiktiven Hundes. Dass im selben Buch auch mehrere Menschen gemeuchelt wurden, was in Thrillern traurigerweise immer noch vorkommt, hat übrigens niemanden gestört. Weniger putzig und pelzig, nehme ich an.

Verlust der Debatte:

Zunehmend konstatiere ich beunruhigt, mit welcher Selbstverständlichkeit Debatten sich nicht mehr um Standpunkte, Meinungen, falsche oder richtige Fakten drehen, sondern wie nach Beweisen gesucht wird, der Gesinnung eines Autors habhaft zu werden – bei Simon Strauss galt ja schon eine lang zurückliegende Salondiskussion mit Götz Kubitschek als inkriminierendes Indiz. Der Vorrang derartiger Gesinnungsbestimmung verhindert echte Debatten über alle komplexen Fragen, die sich klarem Schwarz/Weiß entziehen; anstelle von inhaltlichem Pro und Contra tritt ein tribalistisches Entweder/Oder. Eine Art Halal/Haram-Bekenntnissystem, von dem man besser nicht abweicht, will man nicht plötzlich mit Götz Kubitschek als einzigem Freund dastehen.

Wie klein dann in dieser Freund/Feind-Logik der Schritt von der symbolischen zur angewandten Kampfansage wird, sei hier mit einer letzten Anekdote belegt: Ich veranstalte mit einer Kollegin Lesungen, zu Gast unlängst Harald Martenstein mit seinem aktuellen Kolumnenband. Alarmiert davon, dass ein solches Buch inzwischen als Vorwort eine Gebrauchsanweisung für Ironie braucht, bestelle ich wohlweislich für den Abend einen Freund ein, der Kung-Fu kann. Ich weiß schon, warum: Inmitten der Lesung spaziert eine Gruppe schwarz uniformierter junger Menschen, vier Frauen, ein Mann, in den Saal – identische schwarze Bomberjacken, jeweils ein silbernes Emblem auf der linken Brust. Setzt sich in die letzte Reihe, beginnt zu pöbeln und Parolen zu schreien. Martenstein lädt höflich dazu ein, auf die Bühne zu kommen und zu diskutieren. Zurückgebrüllt wird „Frauenfeind“ oder Ähnliches, ich stehe auf und sage, ich, Frau, und meine Kollegin, Frau, sähen das anders, und wir hätten Martenstein eingeladen, man spreche bitte nicht in unserem Namen, gehe aber gern auf die Bühne und spreche im eigenen.

Der Minimob zieht pöbelnd ab, mein Kung-Fu-Beauftragter hat die richtige Ahnung: Im Vorraum, dort, wo sich die Leute nach der Lesung ihre Zigarette anzünden, steht des Winters ein Heizofen mit einer großen Gasflasche, und, ja, natürlich, unsere sympathischen Social-Justice-Warriors haben die Flasche aufgedreht und das Ventil rausgerissen, damit Gas ausströmt.

Wir haben übrigens den Rest des Abends noch eine Menge schwarzhumoriger Witze darüber gerissen, mal gut, dass uns keiner gehört hat.

 

Quelle:  https://www.zeit.de/2018/25/politische-korrektheit-einfluss-schriftstellerin-tina-uebel/komplettansicht

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