My Lai – Massaker, Proteste und elektronische Kriegführung im Vietnam-Krieg

Detlef Borchers

Missing Link: My Lai - Massaker, Proteste und elektronische Kriegführung im Vietnam-Krieg

US-Soldaten brennen eine Hütte in My Lai nieder
(Bild: Ronald L. Haeberle, Public Domain)

Vor 50 Jahren massakrierten US-Soldaten ein vietnamesisches Dorf, das sie My Lai 4 nannten. 504 Menschen starben. Das Massaker wurde zum Symbol für den Krieg und für eine USA, der auch elektronische Kriegführung nichts half.

Aus Da Nang
wurde fünf Tage hindurch
täglich berichtet:
Gelegentlich einzelne Schüsse

Am sechsten Tag wurde berichtet:
In den Kämpfen der letzten fünf Tage
in Da Nang
bisher etwa tausend Opfer

(Erich Fried, „17.-22. Mai 1966“)

My Lai, My Khe, Ap Bac: in der 30-jährigen Geschichte des Krieges in Vietnam hat es zahlreiche Massaker gegeben, wobei sich Franzosen, US-Amerikaner, die südvietnamesische Armee, die Viet Minh und der Vietcong an Brutalität in nichts nachstanden. Mit 6000 Toten war das Massaker von Hue durch den Vietcong vielleicht größer, doch das Massaker von My Lai ist aus unterschiedlichen Gründen Symbol geworden.

Da sind die Fotos, die der Armee-Fotograf Ronald L. Haeberle der eingesetzten Kompanie „zu Statistikzwecken“ schoss und dann wohlweißlich versteckte. Da ist der Kriegsverbrecher William Calley, der als einziger für das Massaker verurteilt und von US-Präsident Nixon prompt zu einer Art Hausarrest begnadigt wurde. Da ist der mutige Hugh Clowers Thompson, der als wahrer Held von My Lai erst im Jahre 1998 geehrt wurde. Er landete mit dem Funkspruch „There is a Nazi thing going on down there.“

Da ist der Journalist Seymour Hersh, der 1969 zunächst nur über Calleys Prozess berichten wollte und dann nach und nach das ganze Ausmaß des Massakers aufdeckte. Da ist der Whistleblower Daniel Ellsberg, der die Pentagon Papers veröffentlichte, die das völlige Scheitern der US-Armee dokumentierten. Die Papiere zeigten deutlich, wie die US-Präsidenten Kennedy und Johnson die Öffentlichkeit über den Vietnamkrieg belogen und betrogen hatten. Und da ist der US-Stratege und Verteidigungsminister Robert Mc Namara, der mit dem Versuch scheiterte, den Krieg mit Hilfe von schnellen Computern und einem „electronic battlefield“ zu gewinnen. McNamara hatte nicht nur die Pentagon Papers in Auftrag gegeben, sondern ließ ein computersiertes Counterinsurgency-Programm entwickeln, mit dem das rätselhafte Land unter Kontrolle gebracht werden sollte.

Zurück zum Weiler My Lai. Sie kamen am 16. März 1968 um neun Uhr morgens und hatten freie Hand, das Dorf „von der Landkarte zu wischen“, wie es der vorgesetzte Captain Ernest Medina es einem Ohrenzeugen zufolge formulierte. Die rund 100 Soldaten einer Kompanie, die bereits 28 Soldaten verloren hatte, ohne direkt gegen einen Feind gekämpft zu haben, waren im Zuge der Tet-Offensivebei My Lai abgesetzt worden, um das Dorf von Vietcong zu „säubern“. Sie fanden nur Kinder, Frauen und alte Männer vor, die zusammen getrieben und erschossen wurden. Granaten wurden in die Erdlöcher geworfen, in denen sich Zivilisten versteckten. Wo Kinder weinten, wurde nachgeladen und geschossen, bis Ruhe war.

Gegen Mittag kam der Befehl, das Feuer einzustellen. Die Soldaten machten Mittagspause und packten inmitten der Toten ihre Rationen aus. Dann wurden sie von Hubschraubern abgeholt. Offiziell hatten sie 128 Vietcong getötet, bei einer einzigen Verletzung, weil sich ein Soldat in den Fuß geschossen hatte.

Computing War Narratives: The Hamlet Evaluation System in Vietnam
Eine von den IBM-Rechnern des Hamlet-Überwachungssystems ausgedruckte Landkarte mit den Sicherheits-Einstufungen in der Umgebung von Saigon (30. November 1970) (Bild:  Abbildung aus Computing War Narratives: The Hamlet Evaluation System in Vietnam,APRJA)

Ein besonderes Lob kam vom kommandieren General Westmoreland. Dieser hatte noch im November 1967 erklärt, dass der Sieg nur eine Formsache sei und nach zwei Jahren Bodenkrieg nunLicht am Ende des Tunnels zu sehen sei. Westmorelands Rede richtete sich aber auch gegen die US-Amerikaner, die ihre Einberufungsbescheide verbrannten. Er nannte sie Drückeberger, die den Soldaten in den Rücken fielen.

Bevor das Massaker von My Lai bekannt wurde, gab es bereits Widerstand gegen den unsinnigen Vietnamkrieg, den die USA als Nachfolger der französischen Kolonialmacht antraten. Der „Preis“ war übrigens die Bewaffnung der westdeutschen Bundeswehr, zur Sicherung von Europa gegen den Osten. Frankreich akzeptierte die Bewaffnung und die Übernahme der Vietnam-Verpflichtungen durch die USA, nur um sich einer anderen abtrünnigen Kolonie namens Algerien widmen zu können.

Der Ort des Massakers: My Lai heute, eine vietnamesische Gedenkstätte
Der Ort des Massakers: My Lai heute, eine vietnamesische Gedenkstätte (Bild:  Gonzo Gooner, Lizenz Creative Commons CC BY 3.0)

Der amerikansiche Traum platzt

In den USA nahmen schon an der ersten Antikriegsdemonstration 1965 25.000 Menschen teil, an der Demonstration 1967 waren es fast 400.000 Menschen. Im Oktober 1967 rief der Friedensnobelpreisträger Martin Luther King zu einem „Marsch auf Washington“ auf, weil besonders viele afro-amerikanische Soldaten Opfer des Krieges wurden. Seine Rede war deutlich: „Wir sprechen für die, die keine Stimme haben, für die Bauern in Südvietnam, die deportiert werden; sie wissen, sie müssen sich deportieren lassen, wenn sie nicht unter unseren Bomben umkommen wollen – vor allem Frauen, Kinder, Alte (…) was denken sie, wenn wir unsere neuesten Waffen an ihnen ausprobieren, genauso wie die Deutschen neue medizinische Behandlungsmethoden und neue Foltereien in den KZ Europas erprobten?“

Eine Vietnamesin und ihre Kinder, kurz bevor sie während des Massekrs von My Lai ermordert wurden
Eine Vietnamesin und ihre Kinder, kurz bevor sie während des Massekrs von My Lai ermordert wurden (Bild: Ronald L. Haeberle, Public Domain)

Obwohl der Vietnamkrieg die erste militärische Auseinandersetzung war, die die Amerikaner am Bildschirm verfolgen konnten, gab es in den Nachrichten keine Bilder von Kämpfen oder gar zerstörten Dörfern. Bilder eines sauberen Krieges, mit schicken Hubschraubern und mutig abgesetzte, in Deckung gehende Soldaten vermittelten den Eindruck eines Krieges, der ständig Fortschritte machte.

Im krassen Kontrast stehen dazu die unzensierten Bilder, die heute auf Youtube zu finden sind. Was dann mit den Recherchen von Seymour Hersh und den schockierenden Bildern von Ronald Haeberle ab November 1969 an die Öffentlichkeit gelangte, erschütterte die Öffentlichkeit. Das Bild von Amerika änderte sich nachhaltig, der amerikanische Traum war geplatzt. „Für viele, vorwiegend junge Linke, schuf der Vietnamkrieg eine neue Vorstellung von Amerika. Er wurde zum Sinnbild einer menschenverachtenden kapitalistischen Ordnung. Für die Auseinandersetzung der APO mit dem ‚Establishment‘ besaß er deshalb eine kaum zu unterschätzende Bedeutung“, meint der Vietnamkriegs-Historiker Marc Frey von der Universität der Bundeswehr.

Die „68er“ mochten große Theorien diskutieren und den latenten Faschismus ihrer Eltern bekämpfen, doch für jüngere Generationen in Deutschland war es der Vietnamkrieg und seine Bilder und die Musik, wenn Country Joe McDonald vom „next stop Vietnam“ sang und Jimi Hendrix (Soldat der 101. Luftlandedivision) die Nationalhymne zerfetzte. Bis zum Ende des Krieges war die BRD übrigens der größte zivile Geldgeber der verschiedenen korrupten südvietnamesischen Regierungen.

Ein Vietnamese während des Massakers von My Lai

Ein Vietnamese während des Massakers von My Lai(Bild: Ronald L. Haeberle, Public Domain)

Die ruhmreiche USA, das Land, das nach Aussagen wie denen von US-Präsident Obamakeine einzige Schlacht in Vietnam verloren hatte, befand sich prompt in einer tiefen Krise, als die Nationalgarde bei Antikriegsprotesten am 4. Mai 1970 beim Kent State Massaker auf unbewaffnete Demonstranten schoss und vier Studenten getötet wurden. Auch die Moral in der Armee war dahin: 1970 waren von 300.000 in Vietnam stationierten Soldaten nach Schätzungen über 40.000 von ihnen heroinabhängig. Am Ende türmte man.

Dabei hat es nicht an Anstrengungen gefehlt, dieses verflixte „Ding der Schlitzaugen“ (so My Lai-Rapporteur Colin Powell unter Kontrolle zu bringen. Dabei spielten Computer und das „elektronische Schlachtfeld“ eine wichtige Rolle. Es gab Computer und die Erkenntnisse der Spieltheorie, aus denen man errechnete, wann der Sieg fällig wird. Für 1,7 Milliarden US-Dollar wurde das Sensorsystem Weißer Iglo hochgezogen, das melden sollte, wenn sich auf dem kriegswichtigen Ho Chi Minh-Pfad im benachbarten Laos etwas bewegte.

Das mit Abstand wichtigste Computersystem war jedoch das nach einem Befehl von Verteidigungsminister Robert McNamara aufgebaute HES, das Hamlet Evaluation System(HES), das penibel über alle Wehr-Dörfer und Weiler (Hamlets) Buch führen sollte. In diesen Wehrdörfern, von den Franzosen Agrovilles, von den Amerikanern „Pinkvilles“ genannt, wurde die Landbevölkerung zusammengefasst, um gemäß der der Guerillatheorie vonRobert Ker Thompson vom Einfluss der Guerllla geschützt zu sein.

Das Hamlet Evaluation System sollte präzise „wie ein Thermometer“ die Stimmung in den rund 15.000 eingerichteten Dörfern erfassen und daraus ein tägliches Lagebild errechnen, für das zwei parallel laufende Rechner des System /360 von IBM in Saigon und Thailand in Betrieb waren. Wenn die Daten nur schnell genug vorhanden seien, könnte man errechnen, wo der Gegner nachts operiert, erklärte es der Kommunikationsforscher Ithiel de Sola Poolin einem HES-Bericht.

Tote Frauen und Kinder nach dem Massaker von My LaiTote Frauen und Kinder nach dem Massaker von My Lai (Bild: Ronald L. Haeberle, Public Domain)

McNamaras HES kostete 777 Millionen Dollar und half nicht weiter. Durch die Zwangsumsiedlungen in diese Dörfer wurden die Vietnamesen von ihren Ahnen getrennt und sahen es als Strafe an, in Wehrdörfern leben zu müssen. Lieber verließ man die Dörfer, um den Ahnen nah zu sein. Dies wiederum wurde von den US-Soldaten und ihrer Führung als Parteinahme für die Guerilla interpretiert.

My Lai war so ein Dorf. „Amerikas Krieg in Vietnam wurde aus den falschen Gründen, zur falschen Zeit, am falschen Ort gegen den falschen Feind und auf falsche Weise geführt“, resümierte Houston Gordon, der Verteidiger von William Calley. Die mächtige US-Armee wusste nichts von der vietnamesischen Gesellschaft, Denkweise und der Kultur, als sie die französischen Kolonialherren ablöste. „Schlimmer noch, sie weigerte sich, zu lernen.“ Bis heute konnte Gordon nicht klären, welche Informationen zu dem Einsatz in My Lai führten. Einheiten der 48. Infanterie-Brigade des Vietcongs, die in den Militärberichten genannt wurden, waren jedenfalls nicht vor Ort. (Detlef Borchers) / (jk)

Quelle:  https://www.heise.de/newsticker/meldung/Missing-Link-My-Lai-Massaker-Proteste-und-elektronische-Kriegfuehrung-im-Vietnam-Krieg-3997673.html

 

 

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