Trevor Paglen fotografiert Orte und Dinge, die es offiziell nicht gibt. Geheimgefängnisse, Spionagesatelliten, Drohnen, Abhörstationen, Spezialeinheiten der US-Streitkräfte – alles, was eigentlich unsichtbar sein soll, macht Paglen sichtbar. Der 39-Jährige ist Künstler, Geograf, Journalist und Detektiv in einem. Die Geschichten hinter seinen Bildern sind oft abenteuerlich und manchmal absurd. In Deutschland sind sie bisher kaum bekannt, aber das ändert sich gerade.

Paglen sucht die „black world„, die schwarze Welt. So nennen Insider den gigantischen und trotzdem weitgehend unsichtbaren Teil des US-Militärs und der Geheimdienste, der aus geheimen Codenamen, geheimen Orten, geheimen Flugzeugen und mehr als 52 Milliarden geheimer Dollars besteht.

Doch nur weil Dinge geheim sind, sind sie noch nicht unsichtbar. Paglen sucht die Orte und die Momente, an denen sich die schwarze Welt zeigt. „Ein unsichtbares Flugzeug kann man nicht in einer unsichtbaren Fabrik von unsichtbaren Menschen bauen lassen“, sagte er vor einigen Wochen beim 30. Chaos Communication Congress (30C3) in Hamburg. „Dinge neigen dazu, Licht zu reflektieren.“ Also kann man sie sehen und fotografieren, jedenfalls mit der geeigneten Ausrüstung und mit sehr viel Hartnäckigkeit.

So deckte Paglen ein geheimes Gefängnis der CIA in Afghanistan auf, in dem der Geheimdienst Gefangene folterte. Fast acht Jahre ist die Geschichte nun her, aber sie verdeutlicht wie keine zweite die Arbeitsweise von Paglen. Sie beginnt mit der Idee, Hinweise auf die CIA-Entführungen in der Welt der Bürokratie zu suchen. Denn Folter hinterlässt Spuren, in Form von Akten und Daten.

Paglen und die Journalisten, mit denen er zusammenarbeitete, besorgten sich mithilfe des amerikanischen Informationsfreiheitsgesetzes zuerst die Namen aller zivilen Fluglinien, die eine Landeerlaubnis für alle US-Militärflughäfen auf der Welt haben. Bei manchen dieser Fluglinien, so nahmen sie an, musste es sich um CIA-Tarnfirmen handeln. Irgendwie musste der Geheimdienst die von ihm entführten Menschen ja in Länder transportieren, in denen sie ohne rechtlichen Beistand festgehalten, verhört und gefoltert werden konnten.

Enttarnte Tarnfirmen

Als Paglen Nachforschungen über diese Fluglinien anstellte, fand er Briefköpfe und andere Dokumente, auf denen Namen und Adressen standen. Er fuhr dorthin und entdeckte Merkwürdigkeiten. Wo eine Fluglinie ihren Sitz haben sollte, fand er das Büro von Scheidungsanwälten. Zu manchen Namen gab es keine Anschrift, sondern nur ein Postfach. Paglen suchte anhand der Nummer des Postfachs die dazugehörenden Namen – und bekam Hunderte, allesamt erfunden. Das Postfach hat er fotografiert. Es ist einer dieser Punkte, an denen sich die schwarze und die sichtbare Welt überschneiden.

Dann ließ sich Paglen von der Luftfahrtbehörde die Flugzeugnummern und Flugpläne jener Linien geben, die ihm seltsam vorkamen. In den USA ist jedes von einem Beamten erstellte Dokument ein öffentliches Gut, das Informationsfreiheitsgesetz ist dort ein dementsprechend machtvolles Werkzeug. Paglen sah sich die Flugpläne an und wurde dadurch unter anderem auf einen Flughafen bei Kabul aufmerksam. Er recherchierte weiter, las unter anderem die Aussagen des von der CIA entführten Deutschen Khaled el Masri und flog schließlich nach Afghanistan.

Die ganze Suche dauerte Monate, aber dort, nördlich der Hauptstadt, fand er am 20. Mai 2006 eine ehemalige Fabrik, die von der CIA in ein Geheimgefängnis umgebaut worden war – intern Salt Pit genannt. Paglens Foto ist bis heute das einzige, das es von der Anlage gibt.

Kunst als Beweismittel

In den USA ist die Geschichte um das Salt-Pit-Gefängnis bekannt, in Deutschland sorgte Paglen damit beim 30C3 und einige Wochen später bei der transmediale in Berlin für Aufsehen. In Berlin saß er mit der Dokumentarfilmerin Laura Poitras und dem Tor-Aktivisten Jacob Appelbaum auf einem Podium, mit beiden ist er seit Jahren befreundet. Poitras und Appelbaum arbeiten für den Spiegel und veröffentlichen dort Artikel zur NSA-Überwachung. „Art as evidence“ hieß ihr Thema bei der transmediale – Kunst als Beweismittel.

Paglen schafft Kunstwerke, seine Fotos hängen in Galerien und Museen. Und sind gleichzeitig Beweise für das, was niemand wissen soll: Fotos von Militäranlagen, die auf keiner Karte verzeichnet sind und die er mithilfe von Objektiven für Astrofotografie aus 29 Kilometern Entfernung macht. Um sie zu schießen, erklimmt er unwirtliche Berge mitten in der Wüste oder mietet sich tagelang in hochgelegenen Hotelzimmern ein.

Paglens Kunst sind auch Fotos von Uniform-Aufnähern. In der amerikanischen Armee ist es wie in vielen anderen auch üblich, dass jede Einheit ihre Insignien auf der Schulter oder Brust trägt. Auch Geheimprojekte. Bei denen steht dann beispielsweise „Gottes Werk tun mit dem Geld anderer Leute“ auf dem Patch oder eine Abkürzung wie NOYFBNone of your fucking business. Paglen sammelt solche Aufnäher nicht nur, er hat auch gelernt, ihre Codes und Abkürzungen zu entschlüsseln.

Für ein Foto nach Südafrika

Paglens Kunst, das sind auch Fotos von geheimen Spionagesatelliten, deren Flugbahn von Hobby-Astronomen beobachtet, aufgezeichnet und vorausberechnet wurden. Für ein einziges Bild ist Paglen einst nach Südafrika geflogen, weil der Spionagesatellit, den er fotografieren wollte, dort am besten zu sehen sein würde. Mit einem anderen Foto wies er nach, dass die USA die gesamte Kommunikation im arabischen Raum abhören. Paglen wollte einen Spionagesatelliten fotografieren und stellte hinterher fest, dass er zwei Objekte auf dem Film hatte. Die USA hatten ihren Satelliten direkt neben dem zivilen Kommunikationssatelliten Thuraya-2 postiert.

Er tut das alles, „um eine neue Art des Sehens zu schaffen“, sagt er im Gespräch mit ZEIT ONLINE. Er wolle „den historischen Moment sehen, in dem wir leben“.

Trevor Paglen – Sohn eines Militärarztes, Punkrocker, Doktor der Geografie

Als Sohn eines Luftwaffen-Arztes ist Paglen auf Militärbasen groß geworden, er lebte in Maryland, Texas, Kalifornien, Wiesbaden und heute in New York. Er hat sich für die Rechte von Gefangenen eingesetzt, in einer Punk-Band gespielt und später einen Abschluss der Kunsthochschule in Chicago und einen Doktorgrad in Geografie an der Universität von Kalifornien in Berkeley gemacht. Wer möchte, findet all das in seiner Arbeit wieder.

Er selbst würde das vermutlich nicht unterschreiben, er ist kein Freund einfacher Antworten. „Die Welt ist ein chaotischer, mehrdeutiger Ort. Ich versuche, auch dieses Chaos und diese Mehrdeutigkeit zu transportieren“, sagt er. Seine Fotos sind selten scharf, das Licht selten natürlich, Paglen will Raum für Zweifel lassen: „Ich will Bilder schaffen, die kurios, abstrakt oder überspannt sind, nicht unbedingt unkompliziert.“

Kann einer wie er vielleicht auch die NSA-Überwachung sichtbar machen? Die interessiert schließlich auch deshalb so wenige, weil sie so wenig anschaulich, so schwer greifbar ist. „Ich versuche es definitiv“, sagt er. „Meine Aufmerksamkeit wird oft von Dingen angezogen, von denen ich will, dass sie verschwinden. Ich will nicht in einer Welt mit Guantanamo Bays, Geheimgefängnissen und Massenüberwachung leben.“

„Wie kann man die Verwandlung des Internets in eine Waffe sehen?“

Schon vor Jahren hat er Abhöranlagen aus Echelon-Zeiten tief in den Wäldern von West Virginia fotografiert und geheime Flugplätze, die ohne Spezialobjektiv nicht zu entdecken wären. „Aber verwanzte USB-Kabel oder die Foxacid-Server der NSA, die Internetnutzern verseuchte Kopien von Seiten wie LinkedIn unterjubeln, sind selbst für Spezialisten extrem schwer zu finden“, sagt er. „Deshalb ist auch für mich die große Frage: Wie kann man die Verwandlung des Internets in eine Waffe sehen?“

Er behilft sich mit einem Ansatz, den auch Jacob Appelbaum propagiert: „Vielleicht müssen wir Alltagsgegenstände, die wir als selbstverständlich betrachten, neu bewerten. Nehmen wir die Tastatur hier auf diesem Schreibtisch. Sieht aus wie eine Tastatur, und ich bin sicher, dass sie auch als solche funktioniert. Aber wir wissen jetzt, dass sie auch eine Waffe sein könnte. Vielleicht müssen wir über so etwas nachdenken, wenn wir mit diesen Geräten umgehen.“

Das Unsichtbare ist ihm näher gekommen, als er für möglich gehalten hat. Trevor Paglen muss nicht mehr in die Wälder von West Virginia oder die Wüste von Nevada fahren, nicht mehr nach Südafrika oder Afghanistan fliegen, nicht mehr den Himmel absuchen. Die schwarze Welt liegt jetzt vor ihm, auf dem Schreibtisch. Und ist doch schwerer zu sehen als alles, was er bisher gesucht hat.

Quelle: http://www.zeit.de/digital/internet/2014-02/fotograf-trevor-paglen-portrait