Gaye Su Akyol

Gaye Su Akyol „Hologram Imparatorlugu“ / Review

Keine Mitgröhl-Refrains, keine Süßlichkeiten: Gaye Su Akyol verwehrt dem handelsüblichen Ballast westlicher Popmusik den Eintritt.

Was wissen Sie über türkische Musik? Wenn Sie nicht zur türkischsprachigen Minderheit gehören, „Weltmusik“-Lover sind oder Fatih Akins Crossing The Bridge gesehen haben: vermutlich wenig bis nichts. Türkische Musik findet in Deutschland in fest abgesteckten Grenzen statt, in türkischen Musikakademien, auf Partys und auf gerne sehr gut besuchten Konzerten türkischer Popstars in abgelegenen Mehrzweckhallen. Nicht jedoch: im deutschen Mainstream-Radio, in der Tages- oder Musikpresse, nicht mal in einem ansonsten breit interessierten Magazin wie SPEX. Einstweilen bleibt ihre Ästhetik selbst für den informierten Intensivhörer ein fremdes, exotisches Fragezeichen, schwer zu dechiffrieren und in Bezüge zu setzen.

Gaye Su Akyol könnte hier als Vermittlerin dienen, denn wiewohl aufgewachsen und verwurzelt in den diversen Spielarten anatolischer Musik, waren es nach eigener Aussage Nirvana, Nick Cave und die Einstürzenden Neubauten, die ihr entscheidende Hörerlebnisse bescherten und eine Forschungsarbeit auslösten, die sie weiter zu Joy Division und Jefferson Airplane führte. Es ist also kein Zufall, dass ihr Gesang genauso oft an Grace Slick erinnert wie an Selda Bagcan.

VORWERFEN KANN MAN GAYE SU AKYOL LEDIGLICH, DASS SIE ETWAS ZU OFT IN JENER SOUNDWELT HÄNGENBLEIBT, DIE VON DEN CALEXICOS DIESER WELT MITTLERWEILE EIN PAAR MAL ZU OFT VERKLÄRT WURDE.

Nun sind türkische Psychedeliker (bzw. Ex-Psychedeliker) wie Bagcan, Erkin Koray oder Cem Karaca unter globalen Rock-Gourmets ja keine Unbekannten mehr. Akyol hat es mit diesem Referenzrahmen sicherlich leichter, als wenn sie beispielsweise im Arabesk-Fach vergraben wäre. Aber sie macht es auch geschickt, knüpft an die Sounds der Siebziger an ohne zu retroselig zu werden, schafft trotz hoher Komplexität der Musik Orientierung durch eine gut funktionierende Balance zwischen Saz, Rahmentrommel und Streichern einerseits und Drum-Kit, verhallter Orgel und verzerrter Gitarre andererseits.

Dabei gelingt ihr und ihrer Band sogar immer wieder das Kunststück, auch vertrackte, ungerade Takte zum Grooven zu bringen. Vorwerfen kann man ihr lediglich, dass sie etwas zu oft in jener Soundwelt zwischen Morricone, Lee Hazlewood und Surf hängenbleibt, die von den Calexicos dieser Welt mittlerweile ein paar Mal zu oft verklärt wurde. Umso höher ist ihr anzurechnen, dass sie keinen Fingerbreit abrückt von den harmonischen und rhythmischen Konzeptionen anatolischer Musik und dem ganzen handelsüblichen Ballast westlicher Popmusik einfach den Eintritt verwehrt: keine Mitgröhl-Refrains, keine Süßlichkeiten, keine Kopfnick- und Faustreck-Parts – danke.

Quelle:  http://www.spex.de/2016/11/23/gaye-su-akyol-hologram-imparatorlugu-review/

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