Es folgt ein Text von Ulrike Hensel, Autorin des myMONK-Buchs Hochsensibel das Leben meistern.

Das veranlagungsbedingte Wesensmerkmal Hochsensibilität ist ein Gesamtpakt mit Licht- und Schattenseiten. Mit der Hochsensibilität einhergehende Befähigungen und Begabungen stehen Begrenzungen und Belastungen gegenüber. Und auch jedes Charakteristikum für sich genommen kann von Vor- oder Nachteil sein, je nach Lebenslage, aktueller Anforderung, konkretem Vorhaben und persönlichen Zielen. Es kann als wertvolle Qualität wirken und in seiner Übersteigerung in einen unerfreulichen Bereich abrutschen. Es kommt darauf an, wie der Einzelne damit umgeht und inwieweit es ihm gelingt, die Balance zu halten.

Es liegt mir fern, die Schwierigkeiten wegreden oder beschönigen zu wollen (das haben Hochsensible schon zu oft erlebt und sich zu Recht missverstanden gefühlt), mir liegt allerdings sehr wohl daran, die wesentlichen Stärken, die in der Hochsensibilität liegen, hervorzuheben. Meiner Erfahrung nach werden die hochsensiblen Gaben häufig als so selbstverständlich genommen, dass sie nicht die ihnen gebührende Beachtung und Würdigung erfahren. Genau das ist aber die Voraussetzung dafür, diese Gaben zur Entfaltung und zum Einsatz zu bringen – und daran Freude zu haben. Zugleich ist mir wichtig, auf die jeweiligen möglichen Kehrseiten hinzuweisen, damit hochsensible Personen (kurz HSP) ihnen mit wachem Bewusstsein und geeigneten Handlungsstrategien begegnen können.

Zwei Anmerkungen noch: Selbstverständlich verfügen nicht nur HSP über die aufgeführten Gaben, nur sind sie bei ihnen in der Regel von Natur aus in besonders hohem Maße vorhanden. Und selbstverständlich sind die Stärken nicht bei jeder HSP in gleicher Weise ausgeprägt bzw. abrufbar. Auch eine im Menschen angelegte natürliche Begabung will entwickelt und durch Dazulernen und Üben zur Reife gebracht werden.

1. Feingefühl

Zu den Schätzen der HSP gehört zuvorderst ihre Sensibilität, ihre Empfindsamkeit. Das feine Gespür bezieht sich auf Menschen und auf Lebewesen überhaupt, auf Beziehungen und Verbindungen, auf Dinge, Situationen und Entwicklungen. Mit dem daraus resultieren Sinn für Ganzheitlichkeit, Stimmigkeit und Ethik können HSP ihr Umfeld inspirieren und bereichern.

HSP erspüren leicht Atmosphärisches, (Miss-)Stimmungen, Unstimmigkeiten, problematische Entwicklungen, sie verfügen meist über eine gute Menschenkenntnis. Eine mögliche Kehrseite dieser Gabe ist, dass HSP von ihrem guten Spürsinn so überzeugt sind, dass sie ihre Einschätzung für untrüglich halten und glauben, zu wissen, was andere denken, fühlen, beabsichtigen und brauchen bzw. was richtig und falsch ist. Wenn sie das unüberlegt kommunizieren, müssen sie schmerzlich erfahren, wie ihnen Ablehnung entgegenschlägt.

Die Aufgabe der HSP sehe ich darin, zu erkennen, dass sie trotz erstaunlicher Treffsicherheit wie andere auch der Subjektivität in der Einschätzung unterliegen und dass durch persönliche Vorerfahrungen und Vorannahmen immer Verzerrungen und Fehldeutungen zustande kommen können. Es gilt überdies, in ihrer Kommunikation sensibel – im Sinne von rücksichtsvoll, taktvoll und unaufdringlich – zu sein.

2. Wahrnehmungsbegabung

Durch ihre Art der Verarbeitung von Sinneseindrücken nehmen HSP sehr intensiv, nuancenreich und umfangreich wahr. Sie hören, sehen, riechen, schmecken, fühlen schon etwas, wenn für die meisten anderen die Wahrnehmungsschwelle noch gar nicht überschritten ist oder sie der schwachen Wahrnehmung noch keine Beachtung schenken. Damit können HSP zum Beispiel frühzeitig Gelegenheiten und Gefahren wahrnehmen und mitteilen.

HSP haben eine gute Beobachtungsgabe, betrachten die Dinge differenziert, achten auch auf Kleinigkeiten. Sie haben eine Liebe zum Detail, streben nach Vollkommenheit. Entsprechend sind sie prädestiniert für alle Aufgaben, bei denen es auf Feinheiten, auf Genauigkeit und auf Qualität ankommt.

Ein offensichtlicher Nachteil ist, dass die umfangreiche Wahrnehmung relativ schnell zur Übererregung führt, wenn starke oder anhaltende Reize oder mehrere Reize auf einmal auf die HSP einströmen. Das kann sich durch Nervosität, Unwohlsein, Reizbarkeit und Leistungsabfall äußern und in Erschöpfungszustände münden. Es liegt in der Verantwortung der HSP, einer Reizüberflutung vorzubeugen bzw. entgegenzusteuern, indem sie ihre Lebensführung, ihren Wirkungskreis und ihre Aufenthaltsorte passend wählen bzw. nötigenfalls anpassen.

3. Denkfähigkeit

HSP sind gut im übergreifenden und vernetzten Denken. Sie interessieren sich für Ursachen und Folgen, erkennbare Muster, den Kontext und das große Ganze. Für sie ist es natürlich, über den Tellerrand hinauszuschauen, in größeren Zusammenhängen zu denken und Querverbindungen herzustellen. Vor Entscheidungen wägen sie Handlungsalternativen gründlich gegeneinander ab. Daraus kann sich ein verantwortungsvolles, weitsichtiges, besonnenes Handeln ergeben.

Die Schattenseite dieser Gabe ist belastendes Grübeln sowie Schwierigkeiten in der Entscheidungsfindung. X Faktoren ins Denken mit einzubeziehen, kann die Handlungsfähigkeit lähmen. Oftmals ist es auch so, dass andere Menschen den Gedankengängen der HSP nicht mehr folgen können und wollen, was HSP als frustrierend erleben.

Die Lernaufgabe für HSP liegt darin, auch einmal eine willkürliche Reduktion von Komplexität vorzunehmen, Prioritäten zu setzen und sich zu fokussieren. Außerdem zu verstehen, dass man mit noch so vielen Überlegungen den Lauf der Dinge nicht vorhersehen kann. Manches Vorhaben will nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum beherzt angegangen werden.

4. Einfühlungsvermögen

HSP werden in ihrem Umfeld besonders wegen ihres Einfühlungsvermögens geschätzt. Ihr verständnisvolles Zuhören und ihre Hilfsbereitschaft machen HSP zu beliebten Gesprächspartnern und Freunden. Da HSP vielfach ein offenes Ohr für andere haben und eine hohe Bereitschaft aufbringen, auf andere einzugehen, schenken ihnen ihre Mitmenschen leicht Vertrauen, öffnen sich, erzählen von sich.

Hochsensible müssen jedoch aufpassen, sich die Befindlichkeiten, Stimmungen und Probleme anderer nicht zu eigen zu machen, das Gefühl für sich nicht zu verlieren. Immer wieder braucht es ein Innehalten und Sortieren: Was ist meins, was sollte ich beim anderen lassen? Was liegt außerhalb meiner Verantwortung? Wo ist es nötig, mich abzugrenzen? Wann ist es Zeit, meine Belange und Bedürfnisse vorzubringen?

Letztlich kann nur empathisch sein, wer zuvor gut für sich gesorgt hat. Es ist also unbedingt nötig, sich auch selbst wichtig zu nehmen, die Aufmerksamkeit beizeiten wieder auf sich zu richten und sich auch selbst Einfühlung zu geben.

5. Intuition

HSP haben typischerweise einen guten Zugang zu ihrer Intuition und sind meist auch geneigt, ihr Raum zu geben. Mithilfe der Intuition – dem nicht steuerbaren Zugriff auf die große Menge der im Unbewussten abgespeicherten Informationen – ist es möglich, schnelle und umfassende Einsichten zu gewinnen, die dem langsameren, sequenziell arbeitenden Verstand nicht zugänglich sind. Intuition kann zu stimmigen Entscheidungen verhelfen, ohne dass man alle Zusammenhänge versteht, manchmal obwohl offensichtliche Argumente in eine andere Richtung deuten.

Das intuitive Erfassen und Einschätzen von Situationen und Menschen hat allerdings nicht automatisch den Anspruch auf größere Wahrheit, denn es bezieht sich nicht nur auf einen zuverlässigen Erfahrungs- und Wissensschatz, sondern ebenso auf Prägungen, Vorurteile und Glaubenssätze.

Für einen klugen Umgang mit der Intuition gilt es, die Gabe „vernünftig“ einordnen (das heißt nicht gleich als übersinnliche Fähigkeit zu interpretieren), sowie vor wichtigen Entscheidungen mit dem Verstand einen Fakten-Check vorzunehmen. Die besten Ergebnisse werden erzielt, wenn Intuition und Verstand im Team arbeiten.

6. Kreativität

HSP verfügen über ein reiches kreatives Potenzial, auch wenn das vielleicht bisher nicht zum Ausdruck gekommen ist und kein bestimmtes Ausnahmetalent erkennbar ist. Zur Kreativität gehören künstlerisches und (kunst-)handwerkliches Schaffen ebenso wie das Entwickeln von Problemlösungen. Wer wie sie Probleme umfassend wahrnimmt und übergreifend und vorausschauend denkt, entwickelt oft brauchbare Verbesserungsvorschläge und kommt auf neuartige, integrierte und nachhaltige Lösungen. HSP lieben das Besondere, mögen ästhetische und geschmackvolle Dinge und entfalten ihre Kreativität in verschiedenen Richtungen der Kunst sowie beim alltäglichen Organisieren, Gestalten und Arrangieren.

Voraussetzungen für Kreativität sind Gestaltungsfreiraum, Muße und Entspanntheit. Kreative tun sich mit engen Vorgaben, festgelegten Zeitplänen und starren Abläufen schwer. Zeit- und Erfolgsdruck sowie eine lärmende, irritierende Umgebung behindern oder verunmöglichen Kreativität. Wie alle Menschen brauchen auch HSP ein gewisses Maß an Stimulation, nur darf es um sie herum nicht auf Dauer zu laut und zu turbulent zugehen (was „zu“ laut und „zu“ turbulent ist, ist individuell unterschiedlich). Ausruhen und Sich-Sammeln zwischen den Schaffensphasen ist unerlässlich.

7. Engagement

Wenn HSP sich aus eigenem Interesse heraus einem Thema bzw. einer Aufgabe zuwenden, sind sie engagiert und pflichtbewusst bei der Sache. Sie haben zumeist eine starke Werteorientierung und verfügen über eine große Portion Idealismus. In der Regel sind sie aus sich heraus motiviert, zuverlässig und gewissenhaft zu arbeiten und in sie gesetzte Erwartungen zu erfüllen.

Aus all dem ergibt sich ein hoher Anspruch an sich selbst. Da kann es leicht passieren, dass sie sich überfordern und wichtige andere Bedürfnisse (z. B. nach Erholung) vernachlässigen. HSP sollten unbedingt darauf achten, dass sie sich durch ihre Bereitschaft, sich zu engagieren, nicht verausgaben, und sehr gut prüfen, wie weit ihre Verantwortung reicht, wie viel Arbeit sie wirklich selbst übernehmen müssen und was realistisch machbar ist.

Quelle:  http://mymonk.de/gaben-hochsensible/