WEISSBLAUE GESCHICHTE

veröffentlicht am 24. Mai 2016

titel

Wilde Geschichten machen die Runde: Die Bundespräsidentenwahl sei gefälscht, Norbert Hofer Präsident. Tatsächlich gibt es zur Zeit keinen Hinweis auf Manipulationen bei der Wahl. Ein Überblick über vier vermutete Manipulationen, die keine sind, und warum die Wahlbehörden dennoch dringend handeln müssen. 

Fall 1:  Waidhofen

waidhofen

146,93 % Wahlbeteiligung in Waidhofen/Ybbs

Ein Fax ist Schuld. 2016 werden Ergebnisse am Wahlabend tatsächlich noch gefaxt. Drei Bezirkswahlbehörden in Niederösterreich faxen die Ergebnisse nach der Auszählung in die Landeswahlbehörde. So auch jene von Waidhofen an der Ybbs. In der Landeswahlbehörde passiert dann ein recht harmloser Tippfehler. In die Spalte für das Briefwahlergebnis, wird das Gesamtergebnis eingegeben. Auf der Seite des BMI fällt das falsche Ergebnis weniger stark auf, da das Innenministerium das Briefwahlergebnis getrennt ausweist. Nur Medien, die die kummulierten Daten darstellen, kommen dann auf eine völlig absurd wirkende Wahlbeteiligung von 146,93%. Wahlrelevant ist das alles nicht, da die Faxübermittlung nur der schnellen Information der Öffentlichkeit dient. Es gilt nur der Wahlakt, und da gab es diesen Fehler nie. Online wird der Fehler noch einige Tage zu sehen sein, aber es war, ist und bleibt ein Tippfehler.

Fall 2: Sprengel 2/11

hofer-weboptimiert

Blauer Triumph im Grünen Bobo-Kernland

77,8% für Norbert Hofer direkt hinter dem Karmelitermarkt in Wien Leopoldstadt. Alexander Van der Bellen, der seine Wahlkampfvideos dort gedreht hatte, erreicht nur 22,2%. Ein Triumph für Hofer, wie ihn niemand erwartet hat, ein Triumph, wie er auch nie passiert ist. Auch hier ist der Fehler ein schlichter Vertipper. Noch am Abend fällt auf, dass die Spalten beim Eintragen vertauscht wurden. Die Bezirkswahlbehörde tritt zusammen und lässt neu zählen, alle Beisitzer, auch jene der FPÖ, stimmen zu, dass das Ergebnis korrekt ist, aber nur falsch eingetragen. Das Ergebnis für Sprengel Elf wurde bereits auf der Homepage der Stadt Wien korrigiert. Das grüne Kerngebiet Karmelitermarkt hat zu 78 % Alexander Van der Bellen und zu 22% Norbert Hofer gewählt.

 

Fall 3: Linz

sprengel-weboptimiert

Der Sondersprengel, das unbekannte Wesen

Wer liest, ist klar im Vorteil. Eigentlich ist dieser Fall keiner, aber auf Facebook macht der Linzer Sondersprengel als „Beweis“ für Manipulationen die Runde. 3.518 Wahlberechtigte, aber 21.060 abgegebene Stimmen, wie kann das gehen? Ganz einfach, und eigentlich steht die Antwort schon dabei. Wahlkartenwähler werden bei der Ergebnisermittlung nicht gewissen Sprengeln zugewiesen, sondern einfach in einem Sondersprengel gesammelt. Analog zu den Wahlbezirken. Denn Wahlkarten werden nicht auf Gemeindeebene ausgewertet, sondern nur auf Bezirksebene. Die Gemeindeergebnisse sind also ohne Wahlkarten. (Statutarstädte, wie Waidhofen an der Ybbs, siehe oben, sind ein eigener Wahlbezirk). So ist es möglich, dass in Linz ein Sprengel mehr Stimmen als Wahlberechtigte hat. Bei der Bundespräsidentschaftswahl 1980 lag die Wahlbeteiligung im Burgenland bei 101,9%. Die Erklärung: Damals gab es Wahlpflicht und viele Wiener waren auf Sommerfrische im Burgenland.

Update 22:38 Uhr:
Eine frühere Version dieser Tabelle auf facebook, enthielt die Anmerkung mit den Briefwahlstimmen noch nicht, was offenbar bei vielen Menschen Verwirrung stiftete. Eine nicht sehr gelungene Datenpräsentation der Stadt Linz, die diese unbedingt ändern sollte. Danke für die Anmerkungen.

Fall 4: Götzens

13267980_1788521818059088_4304538255614619651_n

Die Schultafel als Beweis

Mehr als 100mal geteilt und dennoch keine Manipulation. Die FPÖ Götzens postet eine mutmaßliche Wahlmanipulation zuerst auf Facebook, erst dann beschwert sich die FPÖ Beisitzern über das falsche Resultat. Eigentlich lag Norbert Hofer vorne, doch die Daten der Gemeinde zeigen Van der Bellen vorne. Auch hier ist bei der Übermittlung der Wahldaten zur Landeswahlbehörde ein Fehler passiert. Die beiden Ergebniszeilen wurden vertauscht. Die Behörde reagiert blitzschnell und korrigiert noch vor Übermittlung des vorläufigen Endergebnisses am Sonntagabend das Resultat von Götzens. Noch am Wahlabend wird das Ergebnis von Götzens also richtig an alle Medien übermittelt, auch hier: Im Wahlakt stand es immer richtig, wahlrelevant war und ist die fehlerhafte Übermittlung nicht.

Fall 5: Robert Stein

stein-min

Die Stein-Verschwörung

Robert Stein hat schon einiges erlebt. Der Leiter der Wahlbehörde organisiert bereits seine 20. Wahl. Nun steht er selbst im Kreuzfeuer der Kritik. In der ZiB 2 am Dienstag nach der Wahl sagt FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache: “ Und die Frage stellt sich, wie können solche Pannen passieren (…) Wenn am Wahlsonntag in der Zeit im Bild 2, der oberste Wahlleiter davon spricht, dass 740 000 Briefwahlkarten noch vorhanden sind. Davon wahrscheinlich 700 000 gültig sind. Und am Ende sind es 766 000 gültige.“ Tatsächlich hat Robert Stein in der ZiB2 am Sonntag vom 740.00 Stimmen gesprochen und mit etwa 700.000 Gültigen gerechnet. Auf Anfrage gibt Stein zu, er habe sich „verschätzt“. Die Gemeindewahlbehörden haben noch bis Montag Zeit die in den Wahllokalen abgegebenen Wahlkarten an die Bezirkswahlkommission zu übermitteln, die diese dann am Vormittag auszählt. Hier seien wesentlich mehr als bisher üblich übermittelt worden. In einem Punkt liegt aber auch Heinz Christian Strache falsch, es waren nicht 766.000, sondern nur 746.110 gültige Wahlkartenstimmen.

Alles also harmlos und nicht so schlimm? Nun, nicht ganz. Die Debatte zeigt: Die Übermittlung der Ergebnisse an Wahltagen ist hoffnungslos veraltet und bedarf dringend einer Erneuerung. Ergebnisse werden teilweise telefonisch, mit Fax oder mit Computern übermittelt, je nach Landeswahlbehörde gibt es einen Wildwuchs an Methoden. Auch Medien bekommen die Ergebnisse in einem antiquierten File-Format. Bei Bundeswahlen schickt das BMI aktualisierte .txt-Files mit Zahlenkolonnen per Mail. Vernünftige Datenformate wie JSON oder zumindest xml gibt es nicht. Die Infrastruktur dafür stammt noch aus dem vorigen Jahrtausend, eine Modernisierung ist zur Zeit nicht in Sicht, es fehlt dem Ministerium an Geld. Auch Landeswahlbehörden geben Wahldaten in unterschiedlichsten Formaten aus. Auch hier gilt: Es fehlt an Standards, Infrastruktur und Transparenz. Nur, wenn die Bürger das Ergebnis nachvollziehen können, haben Verschwörungstheorien keine Chance.

Aufruf: Wenn Sie von vermuteten Manipulationen wissen, die hier fehlen, dann erzählen Sie mir davon!

Quelle:  https://www.martinthuer.at/2016/05/weissblaue-geschichten/

16 KOMMENTARE

  1. WINFRIED STRUDL 24. Mai 2016 14:27

    Zum 3. Punkt und der Aussage „wer klar lesen kann“. Das Problem ist, es kursiert ein Bild auf dem die Erklärung zu den Wahlkarten fehlt und nur die Rede von „besonders“ und „fliegend“ ist. 😉

  2. Wien-Wieden ist suspekt, da Hofer in der Briefwahl stärker als an der Urne. Potenziell ist Sprengel 12 vertauscht, wobei der an sich nicht völlig unplausibel ist und eigentlich zu wenig ausmacht.

    Erklärung durch reales Wahlverhalten ist nicht ausgeschlossen, insbesondere falls es da aus irgendwelchen Gründen viele Fremdbriefwähler gibt. Der Unterschied zum 1. Wahlgang ist aber auch beachtlich.

  3. HAMBURGER JUNG 24. Mai 2016 17:53

    Vielleicht keine Verschwörungstheorie, aber ich finde (noch) keine logische Erklärung dafür: Am Sonntag in der Sonder ZiB sprach der Hr. Stein von 740.000 Briefwahlstimmen, von denen rund 700.000 gültig sein werden. In der Endabrechnung erscheinen aber 766.076 abgegebene bzw. 746.110 gültige?

  4. RATINGER LINKE 24. Mai 2016 18:22

    Erich Neuwirth hat in seinem Blog sogar eine exakte Zahl von 738’055 Wahlkarten angegeben, und das „brutto“ von Stein hab ich so verstanden, dass das mit nichtigen Stimmen ist und dann bei „netto“ die ungültigen Stimmen noch dabei sind.

  5. Danke für die Erklärung. Dachte selbst schon da stimmt was nicht

  6. MEINEREINER 25. Mai 2016 12:09

    mir ist bei waidhofen beim vorläufigen amtlichen ergebnis nun richtig oder falsch verkündet wurde. ein detail, aber interessant. oder habe ich überlesen?

  7. Ich bin dem nachgegangen Roland. Es wurde auf Twitter von anon_austria verbreitet. Das sind Brandstifter die Information fälschen und verbreiten. Lässt sich leicht dort prüfen. Die Wahlzettel am Screenshot haben einen anderen Wortlaut als der echte Wahlzettel. Auch sonst sieht man minimale Detailunterschiede. Fake.

  8. PHILIPP BAMMER 25. Mai 2016 12:14

    Das ganze kann ich super leicht nachstellen,- einfaches Word dokument, ein paar Blatt Papier und einen Müllsack. Mehr braucht es nicht

  9. MARTIN THÜR 25. Mai 2016 12:32

    Das Ergebnis in Waidhofen wurde richtig in den Wahlakten vermerkt, aber in der ersten Information falsch eingetragen. Das wird bei der Verkündung des endgültigen Ergebnisses korrigiert.

  10. Der Fall Linz ist insoferne etwas suspekt, da

    a) Das Ergebnis am Wahlabend bereits inklusive der Wahlkarten vorgelegen ist (Screenshots mit dem Ergebnis liegen vor)

    b) Das jetzige vorliegenden Endergebnis mit dem Hinweis versehen ist, dass die Briefwahlstimmen erst am Tag danach ausgezählt wurde

    c) Einerseits erklärt der Wahlkampfleiter im BM dass ein auszählen der Briefwahlstimmen am gleichen Abend nicht möglich ist, andererseits ist es in Linz anscheinend doch möglich

    d) Nachdem übermittelte Daten anscheinend einfach vom BMI übernommen werden ist davon auszugehen, dass zumindest diese Briefwahlstimmen im vorläufigen Endergebnis vom Sonntag ohne Briefwahlstimmen schon enthalten war.

    Unabhängig der etwas misslungenen Datendarstellung der Stadt Linz – sie hat gezeigt das es möglich wäre auch am Wahlabend die Briefwahlstimmen bereits auszuzählen

  11. Die Erklärung für Linz akzeptiere ich so nicht. Die Spalte „Wahlberechtigte“ in der betroffenen Zeile hat so keinen Sinn – die Zahlen sagen nichts aus. Auch die Briefwahlstimmen kommen von Wahlberechtigten und müssten auf männlich/weiblich aufgeteilt werden, was sie nicht sind.

  12. RATINGER LINKE 25. Mai 2016 14:08

    Wahlberechtigte sollten bei den Briefwählern immer 0 sein, weil die in den Wählerverzeichnissen der Wahlsprengel enthalten sind (ist in der Aufstellung des BM.I auch der Fall). Wer zur Briefwahl berechtigt ist, ist auch zur Stimmgabe in einem beliebigen Wahllokal berechtigt. Das Problem bei Linz ist bloß, dass Sachen zusammengeschmissen werden, die nicht zusammengehören.

    Sinnvoll wär eine Angabe bei den jeweiligen Bereichen, wie viele Wahlkarten ausgegeben und bei der Urnenwahl wieder eingenommen worden sind. Der Rest sind dann (zumindest in der Summe über ganz Österreich) potenzielle Briefwähler.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: