Wenn es tatsächlich einen Fachkräftemangel gäbe …

… dann hätte das in der Realität zu mehreren logisch absehbaren Effekten geführt, die aber seltsamerweise alle ausgeblieben sind. Die deutlichste Auswirkung wäre gewesen, dass die Löhne in den letzten Jahren spürbar gestiegen wären. Denn bei einem Fachkräftemangel könnte jeder Angestellte sagen: „Chef, ich will mehr Geld, ansonsten bin ich bald weg. Wir haben Fachkräftemangel – es gibt da draußen genügend andere Jobs. Überall werden händeringend Fachkräfte gesucht“. Deshalb hätte sich nie die Frage gestellt, ob wir uns einen Mindestlohn leisten können, denn alle Unternehmen hätten ihn bereitwillig gezahlt. Das Wort „Lohndumping“ wäre ausgestorben. Die vielen schlecht bezahlten Arbeitsverhältnisse würden nicht existieren. Kein Mensch müsste jahrelange unbezahlte Praktika machen. Es wäre kaum jemand gezwungen, weit entfernte Arbeitsstellen anzunehmen, wir hätten also viel weniger Pendler. Nirgends wäre zu beobachten, dass Unternehmen ihre Angestellten entlassen und über Zeitarbeitsfirmen billiger wieder einstellen.

Ein wenig sind die Löhne und Gehälter in den letzten Jahren zwar gestiegen, aber diese geringen Beträge glichen nur etwa die Inflation aus. Auswertungen kamen sogar zu dem Ergebnis, dass die Einkommensentwicklung noch unter der Steigerung des Verbraucherpreisindex lag, der für die Inflationsberechnung verwendet wird. Bei einem allgemeinen Fachkräftemangel müsste das Ergebnis anders aussehen.

Haben wir einen Fachkräftemangel? Und was ist eigentlich eine Fachkraft? Laut Definition ist eine Fachkraft ein Mensch mit einer erfolgreich abgeschlossenen Berufsausbildung. Davon sollten wir einen Mangel haben? Einen Mangel an entsprechend ausgebildeten Menschen ausgerechnet hier in Deutschland, wo fast jeder einen Berufsabschluss hat, sofern er nicht zu jung dafür ist?

Bis vor ein, zwei Jahren wäre es noch ein linker Standpunkt gewesen, diese Behauptung anzuzweifeln, es gäbe einen Mangel an Fachkräften. Es wäre konsequent gewesen, sie als neoliberales Märchen anzuprangern. Immerhin ist es eine Frechheit gegenüber den immer noch vorhandenen Arbeitslosen, zu behaupten, Arbeitslosigkeit sei gar nicht unser Problem, denn ganz im Gegenteil hätten wir sogar einen Fachkräftemangel – die indirekte Aussage davon ist nämlich: Wer heute, im Zeitalter des Fachkräftemangels, immer noch keinen Job findet, der scheint wohl selbst schuld daran zu sein. Derjenige ist wohl zu blöd für den Arbeitsmarkt.

Paradox ist aber, dass ausgerechnet die Grünen und die (ehemaligen?) Arbeiterparteien SPD und LINKE das Märchen vom Fachkräftemangel am eifrigsten nachplappern, wobei sich die LINKE immerhin lange als einzige Partei dabei zurück gehalten hat. Aber inzwischen macht sie da auch mit. Und noch verrückter ist, dass man sich umgekehrt als Kritiker dieser Geschichte bereits Gedanken macht, ob die eigene Position irgendwie rechts sein könnte. Denn man kratzt mit dieser Kritik ja an der Vorstellung, die zu uns kommenden Flüchtlinge wären dank Fachkräftemangel problemlos mit Arbeitsplätzen zu versorgen.

Aber woher kommt diese Geschichte mit dem angeblichen Fachkräftemangel? Es gibt zwei Ursprünge. Einerseits basiert es auf einem simplen Interpretationsfehler von Zahlen. 2009 hatte der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) bei einer Umfrage festgestellt, dass nur jede siebte offene Ingenieursstelle bei der Bundesagentur gemeldet wird. Deshalb multiplizierte der Verein für einen Vergleich mit der Anzahl der arbeitslos gemeldeten Ingenieure die offenen Stellen mit dem Faktor sieben und kam so auf einen theoretisch sehr hohen Bedarf an Ingenieuren, der durch die vorhandenen Ingenieure nicht gedeckt sei. Ausführlicher wird das hier und hier beschrieben. In der Praxis spüren arbeitssuchende Ingenieure aber nichts von diesem angeblich so hohen Bedarf. Der Dresdner Blogger Paul Balzer hatte das einmal in einem Artikel beschrieben.

Der erste Grund für einen angeblichen Fachkräftemangel bestand also aus einer falschen Hochrechnung. Zusätzlich hatte diese auch gar nichts mit einem allgemeinen Mangel an Fachkräften im Sinne „Mensch mit abgeschlossener Berufsausbildung“ zu tun, sondern wurde ausschließlich im Ingenieursbereich gesehen.

Erstaunlich ist, dass Journalisten den Fachkräftemangel fast nie hinterfragen. Dabei müssten ausgerechnet sie in ihrem Berufsumfeld am deutlichsten spüren, dass daran etwas nicht stimmen kann – ein Mangel an Journalisten und sonstigen „irgendwas mit Medien“-Ausgebildeten ist immerhin nicht auszumachen. Ganz im Gegenteil. Aber anstatt in dieser Richtung einmal zu recherchieren, schreibt man größtenteils lieber voneinander ab, wie „händeringend“ die Wirtschaft angeblich Fachkräfte suche und hilft so noch dabei, dieses Märchen weiter zu verbreiten. Es gibt nur seltene Fälle von kritischen Medienproduktionen, in denen beschrieben wird, warum es gar keinen Fachkräftemangel gibt. Im Anhang sind einige Beispiele aufgeführt.

Der andere Grund für einen Fachkräftemangel ist eine reine Theorie, denn er wird erst in der Zukunft gesehen. Aufgrund der Bevölkerungsentwicklung (immer mehr Ältere und weniger Kinder) vermutet man irgendwann einen Mangel an Fachkräften, wobei es hier eigentlich allgemein um Rückgang von Erwerbstätigkeit geht. Das hat aber nichts mit einem aktuell existierenden oder kurzfristig absehbaren Fachkräftemangel zu tun. Und ob es wirklich so eintreten wird, dass in der Zukunft Arbeitsplätze unbesetzt bleiben, ist völlig offen. In dieser Theorie wird schon einmal der Effekt ignoriert, dass durch Automatisierung und neue Produktionsmethoden, durch weitere Verbreitung von Softwarelösungen, durch bessere Organisation und ähnliche Prozesse menschliche Arbeit ohnehin in vielen Bereichen allgemein immer überflüssiger wird.

Ich will hier nicht gleich behaupten, dass es auf dem Arbeitsmarkt nie Mangelerscheinungen geben würde. Sicher gibt es das. In einzelnen Berufsfeldern gibt es solche Fälle, allerdings meist zeitlich oder lokal begrenzt. Es gibt auch immer wieder offen bleibende Lehrstellen. Aber eine Lehrstelle ist noch keine Arbeitsstelle. Berühmte Dauer-Problemfälle wie den Ärztemangel auf dem Land und Mangel an Pflegediensten haben erklärbare Ursachen. Mit einem allgemeinen flächendeckenden Fachkräftemangel hat das alles nichts zu tun. Den gibt es nicht.

Warum schreibe ich das jetzt eigentlich, obwohl das Thema doch schon mehrere Jahre alt ist? Es hat durchaus etwas mit dem aktuellen Thema „Flüchtlinge“ zu tun. Wenn in den letzten Monaten in Internetdiskussionen das Argument auftauchte, Flüchtlinge würden unseren Fachkräftemangel beseitigen, erwischte ich mich immer wieder bei der Frage, ob man diesen überhaupt noch abstreiten dürfe, weil das ja vielleicht irgendwie fremdenfeindlich auslegbar wäre. Aber eine falsche Behauptung bleibt eine falsche Behauptung, selbst wenn man sie als unterstützendes Argument für eine als positiv betrachtete Sache verwenden will. Mehr reale Jobs entstehen durch falsche Behauptungen nicht. Wie schon erwähnt, wäre die Kritik am angeblich so schlimmen Fachkräftemangel vor noch gar nicht so langer Zeit eine klar linke Position gewesen. Irgendwie finde ich es sehr beeindruckend, dass man diese linke Denkweise durch das Flüchtlingsthema neuerdings schon auf rechte Auslegbarkeit hinterfragt. Schön, dass ich in einer intellektuell so herausfordernden Zeit leben darf.

Und was mich auch mal interessieren würde: Wie muss man sich das eigentlich konkret vorstellen, wenn jemand händeringend Fachkräfte sucht?


Einige der seltenen Medienberichte zum Thema

ARD: Das Märchen vom Fachkräftemangel

ZEIT: Das F-Wort

ZEIT: Experten sehen keinen Mangel an Ingenieuren

Es gibt auch einen Wikipedia-Artikel.


2015-10-08_karikatur-fachkraefte

Das Motiv stammt ursprünglich von Rattelschneck (in W. Drostes Buch „Sieger sehen anders aus“). In der Version sucht jemand vom Fernsehen händeringend nach neuen witzigen Ideen.

 

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