THE PRODIGY – “ The Day Is My Enemy „

VÖ: 27. März 2015 (Vertigo Berlin)
Electronic

„Firestarter“? Wir haben noch jede Menge davon, hinten im Haus.

Review von

Momente, in denen Musik verheißt, die Welt zu verändern, sind wahrlich dünn gesät. Irgendwo zwischen „Music For The Jilted Generation“ und „The Fat Of The Land“ gaben uns The Prodigy mit den Singles „Voodooo People“, „Poison“, „Firestarter“ und „Breathe“ trotzdem das Versprechen, eine Revolution liege in greifbarer Nähe. Eine Prophezeiung, die bis heute nicht in Erfüllung ging.

 

Damals legten The Prodigy einen Waldbrand, heute rösten sie ihre Marshmallows über einem Elektrogrill. Ein weiteres Mal bietet Onkel Liams fetzige Fete konkrete Druckmucke für Crazy Party People mit ein wenig Bock auf Ultra-Brutale. Aus dem Zeittunnel ins Jahr 1998 schlüpfen wenig subtile Songtitel wie „Rebel Radio„, „Nasty„, „Rok-Weiler“ und „Rhythm Bomb“. Prost, Mahlzeit!

Der Sound und die Attitüde der drei Briten steckt in einer Ära fest, in der Helmut Kohl Bundeskanzler war, das Bundeskanzleramt seinen Sitz in Bonn hatte, der irdische Stellvertreter Jesu Christi auf den Namen Johannes Paul II. hörte und die Spice Girls die Pop-Welt regierten. Betraten Liam und seine Hupfdohlen bis „The Fat Of The Land“ mit jedem neuen Longplayer eine weitere Stufe ihrer Entwicklung, stagnieren sie mittlerweile in ihrer lange vergangenen Blütezeit und zelebrieren den kompletten Stillstand.

Auf ihrem sechsten Album „The Day Is My Enemy“ sind sie nicht mehr kreativ, nicht mehr aggressiv, sondern nur noch laut. Wie bei einem in die Jahre gekommenen Boxer erahnt man jeden Haken, jeden Jab und jeden Punch bereits lange im voraus.

Einst hatte Howlett das Händchen für den besonderen Song, für die entscheidende Facette, die The Prodigy von ihren Konkurrenten abgrenzte. Ein Nirvana-Sample („Very Ape„) in „Voodoo People“, die schneidenden Gitarren von Pop Will Eat Itself in „Their Law“, Keith Flints kompletter Wahnsinn in „Firestarter“ und nicht zuletzt die grandiose und aus drei Teilen bestehende „The Narcotic Suite“ eröffneten Möglichkeiten und wiesen in neue Richtungen. The Prodigy waren in jeder Sekunde spannend. Auf „The Day Is My Enemy“ weichen nur das von Beats befreite „Beyond The Deathray“ und das entschleunigte und von derber Gitarre zersetzte „Invisible Sun“ etwas vom Schema MDMA ab, bleiben aber zu blass, um eine neue Geschichte zu erzählen.

Die militärischen Snareschläge des Titeltracks „The Day Is My Enemy„, das sich bei Cole Porters „All Through The Night“ bedient, eröffnen den Budenzauber. Die Nummer mit den Vocals der furiosen Martina Topley-Bird, von denen unzählige Effekte jedoch nur wenig übrig lassen, gehört mit monströs wabernden Bässen, einer Wall-Of-Noise, stechendem 8-Bit-Gefiepe und jeder Menge Remmidemmi zu den Highlights, wirkt aber bereits zu statisch.

Auch das finale „Wall Of Death“ fängt noch einmal etwas der vergangenen Energie und von Flints Irrwitz ein, wartet aber bereits jetzt auf seine Nutzung in einer brenzligen Verfolgungsszene in der Sat.1-Reportage-Reihe „24 Stunden Toto & Harry – Die Zwei vom Polizeirevier“.

Im weiteren Verlauf bedienen sich die Drei vom Recylinghof munter bei sich selbst und verwursten jede Idee, die ihnen in der Vergangenheit nicht einmal für eine B-Seite ausgereicht hätte. Schlecht gelaunt meckert sich Flint durch das verstaubte „Invaders Must Die„-Überbleibsel „Nasty„.

Mit dem dumpfbackigen „Rebel Radio“ erreichen The Prodigy einen neuen Tiefpunkt. Wieder einmal muss der gärige „Firestarter“-Beat herhalten um diese schnullernuckelnde Krabbelstuben-Rebellion zu untermalen. Ein hanebüchener Refrain, wahllose Effekthascherei, halbgarer Kokolores und Lyrics, für die sich Großpoet H.P. Baxxter in Grund und Boden schämen würde, geben dem Stück den Rest. Man wünscht sich spontan „Baby’s Got A Temper“ zurück.

Immer noch nicht genug vom „Firestarter“? Wir haben noch haufenweise davon, hinten im Haus! Also hauen wir das ganze nochmal unter „Destroy„. Das klingt mit seinen Yello-Tröten und seinen „Experience„-Parts wirklich so abgrundtief gestrig, dass es zusammen mit dem Internet Explorer eingemottet gehört.

In „Ibiza“ regt sich Howlett gemeinsam mit den zutiefst britischenSleaford Mods über die böse Jugend auf. Über die heutige Superstar-DJ-Kultur, deren Akteure ihr ganzes Set auf einem USB-Stick mitbringen und dazu nur noch mit den Händen winken. „What’s he fucking doing„, meckert Jason Williamson. Früher war halt alles besser. In seiner Kritik sicherlich nicht von der Hand zu weisen, sollte sich Liam trotzdem mal ganz kurz an seine Anfangstage erinnern, in der nicht wenige ihm vorwarfen, kein Musiker, sondern nur ein Typ zu sein, der auf Knöpfchen herum drückt.

Auf die 2013 von Ylvis gestellte Frage „What Does The Fox Say?“ liefern The Prodigy mit ihrem Reineke Fuchs-Album „The Day Is My Enemy“ eine starrköpfige Antwort. Dieser angejahrte Fuchs gähnt. Seine krächzende Stimme verliert sich im Echo verflossener Tage. Behäbig täuscht er seine Listigkeit nur noch vor. Die Nacht ist sein Freund, da einzig ihr Rausch die Plattitüde verschleiert.

  1. 1. The Day Is My Enemy
  2. 2. Nasty
  3. 3. Rebel Radio
  4. 4. Ibiza ft. Sleaford Mods
  5. 5. Destroy
  6. 6. Wild Frontier
  7. 7. Rok-Weiler
  8. 8. Beyond The Deathray
  9. 9. Rhythm Bomb ft. Flux Pavilion
  10. 10. Roadblox
  11. 11. Get Your Fight On
  12. 12. Medicine
  13. 13. Invisible Sun
  14. 14. Wall Of Death

 

Quelle:  http://www.laut.de/The-Prodigy/Alben/The-Day-Is-My-Enemy-95950

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