Eugene Faust: Unersättlichkeit & Klitoris (der Frau)

Unersättlichkeit

Nachdem die Frau, wie erwähnt, über Jahrhunderte zunehmend entsexualisiert wurde, waren Ende der 60er Jahre einige Sexualwissenschaftler geradezu fasziniert von der starken Orgasmusfähigkeit der Frau. Vor allem die Arbeiten von MASTERS und JOHNSON (1967) sorgten für dieses neue Interesse.
   
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Die Potenz der Frau

MARY JANE SHERFEY, eine amerikanische Psychiaterin, entwickelte die Entdeckungen von MASTERS und JOHNSON konsequent weiter und veröffentlichte 1972 ihr sexualwissenschaftliches Buch ‚Die Potenz der Frau’ (deutsch 1974). Sie bereicherte die Theorien über die weibliche Sexualität um ethnologische, vergleichende embryologische Forschungen und Erkenntnisse auf dem Gebiet der Gynäkologie, der Evolutionsbiologie und der Endokrinologie. Ihr Forschungsinteresse galt vier ungeklärten Erscheinungen, die praktisch nur bei der menschlichen Frau vorkommen: Das prämenstruelle Spannungssyndrom; der „stille“ Eisprung, der nicht in einer periodisch auftretenden Brunst vorkommt; der weibliche Orgasmus und das Klimakterium, denn die meisten weiblichen Tiere höherer Ordnung behalten ihre Fruchtbarkeit. (S.11 ff.) Sie ging von der Annahme aus, dass „nichts die genetische Struktur des Menschen enger mit seiner Kultur verknüpft, als sein Fortpflanzungsapparat.“ (S.15)
  
Weibliche sexuelle Uranlagen
Auf eine ausführliche Darstellung ihrer Erkenntnisse, beispielsweise auch hinsichtlich der von FREUD entwickelten Vorstellungen zur Minderwertigkeit der Klitoris und der angenommenen bisexuellen Embryonalanlage, soll in dieser Arbeit weitgehend verzichtet und nur ein relativ kleiner Ausschnitt dargestellt werden. Nur so viel: Gestützt auf die ‚Induktortheorie sexueller Differenzierung’ (BURNS, 1961), geht sie von einem weiblichen embryonalen Geschlecht und von weiblichen Uranlagen sämtlicher Sexualorgane bei Säugetieren aus. Wenn die Keimdrüsen eines Fötus in den ersten Wochen vor der Differenzierung entfernt werden, wird sich der Embryo, unbeeinflusst von dem genetischen Geschlecht, zu einem normalen weiblichen Körper entwickeln, dem lediglich die Eierstöcke fehlen. (SHERFEY, 1974, S.73) „Embryologisch gesehen ist es durchaus richtig im Penis eine wuchernde Klitoris, im Skrotum eine übertrieben wuchernde Schamlippe, in der weiblichen Libido die ursprüngliche zu sehen!“ (S.85)
     
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Die ‚Klitoris-Leitzonen-Theorie’

Sie revidierte die weiter oben angesprochene Vaginal-Orgasmus-Theorie FREUDs und stellte in ihrer ‚Klitoris-Leitzonen-Theorie’ fest, dass orgastisches Erleben an der Klitoris ausgelöst und über Nervenendigungen an die Vagina lediglich weitergeleitet wird. Einen vaginal ausgelösten Orgasmus gäbe es nicht, allerdings sei eine indirekte klitoridale Reizung durch Penisstöße durchaus möglich. (S.135) Sie wies darauf hin, dass dabei die Klitoris durch die rhythmische Retraktion in die angeschwollene Klitorishaube gereizt wird. Funktionell betrachtet sei diese Haube analog zum männlichen Geschlechtsakt eine Art „Miniaturvagina“ für die Klitoris. (S.141) Der HITE REPORT bestätigt, dass etwa ein Drittel der rund 3000 befragten Frauen während eines vaginalen Verkehrs auch ohne begleitende manuelle Stimulation der Klitoris regelmäßig einen Orgasmus erlebt. (HITE, 1978, S.198) Trotzdem ist der Mechanismus beim normalen Koitus oft schwer in Gang zu setzen, was vermutlich durch die vielen Varianten der sexuellen Anatomie begründet ist. (SHERFEY, 1974, S.209)

Die Klitoris – Nur die „Spitze eines Eisbergs“

Außerdem übernahm sie die Erkenntnis von MASTERS und JOHNSON, dass Frauen zu multiplen Orgasmen fähig sind und berücksichtigte sehr gründlich den Aufbau und die Funktion der lustempfindsamen verborgenen inneren Strukturen der weiblichen Sexualorgane. Die Klitoris, von der nur ein Bruchteil sichtbar ist, ist ein äußerst beeindruckendes komplexes Organ, das sich fast über den gesamten genitalen Bereich erstreckt, bestehend aus der Haube, beziehungsweise der Klitorisvorhaut oder Kapuze, der klitoralen Glans, dem Schaft, den Schenkeln und den Vorhofzwiebeln. In der klitoralen Glans enden zwischen 6000 und 8000 Nerven, mehr als in jedem anderen Körperteil und viermal so viel wie beim Mann. (CHALKER, 2002, S.36) Zusätzlich ist die Blutversorgung über weiträumige Venengeflechte im Becken dichter und größer, und die Beckenmuskeln sind stärker und länger. SHERFEYs Untersuchungen ergaben, dass das Verhältnis vom gesamten erregten Klitoralsystem zur Klitoris (Glans und Schaft) fast 30:1 ist, (SHERFEY, 1974, S.107) und damit nur wenig kleiner als die homologen Strukturen des Mannes. (S.108) „Anhand dieser Ausführungen könnte man leicht mutmaßen, weibliche Orgasmen seien intensiver als männliche.“ Sie wies jedoch darauf hin: „Niemand kann fühlen, genau fühlen, was der andere fühlen mag.“ (S.105) Mit der Klitoris besitzt die Frau jedenfalls ein Organ, „das ausschließlich dem Lusterleben“ dient. (KENTLER, 1988, S.131)
 
Abb-
    
Sexuelle Erregung und Monatszyklus
Es ist allgemein bekannt, dass Frauen während der zweiten Zyklushälfte sexuell am ansprechbarsten sind. Schon KINSEY (1953, S.461) hat in seinen Umfragen festgestellt, dass etwa 90% der Frauen in der zweiten Zyklushälfte, die meisten davon ein bis vier Tage vor der Menstruation, eine starke Sekretion bei erotischer Erregung erleben. Die ebenfalls bekannte Tatsache der Ödematisierung der Beckenregion während dieser prämenstruellen Phase, zeige deutlich, dass sexuelle Ansprechbarkeit mit Blutstauung und Ödematisierung zusammenhängt. (SHERFEY, 1974, S.155)
   
Multiple Orgasmen

MASTERS und JOHNSON haben festgestellt, dass weitaus mehr multiple Orgasmen mittels selbstreizender Techniken als mittels vaginalem Koitus zustande kommen. Auch in ihrer Praxis sind SHERFEY zahlreiche Frauen begegnet, die mithilfe eines Vibrators bis zu 50 Orgasmen während einer einzigen Sitzung erreichten. CHALKER (2002, S.195) hat in einigen Fällen sogar über 100 beobachtet. SHERFEY benutzte anfänglich das Schlagwort: „Nymphomanie ohne Promiskuität“. Bald war ihr jedoch klar, dass die Anzahl der Orgasmen lediglich zeigte, „wie die wirkliche weibliche orgastische Potenz beschaffen ist.“ (SHERFEY, 1974, S.177) Der Grund weshalb diese weniger beim Koitus sichtbar wurde, scheint darin zu liegen, dass nur wenige Männer ihre Erektion so lange aufrechterhalten können, „bis die Frau drei oder vier Orgasmen erlebt hat.“ (S.174) Man muss ebenfalls bedenken, dass eine Frau ununterbrochen stimuliert werden sollte, besonders während der Plateau- und Orgasmusphase, weil sonst, im Gegensatz zum Mann, die Spannung sofort wieder absinkt. Kann die Frau dagegen das Spannungsniveau selbst bestimmen, ist sie in der Lage aufeinander folgende Orgasmen zu erleben. „In der Regel beendet nur körperliche Erschöpfung eine solche fortdauernde Masturbation.“ (MASTERS & JOHNSON, 1967, S.69)
   
Sexuell ungesättigt
SHERFEY zog aus ihren Analysen den Schluss, dass die weibliche Sexualität von ihrer Anlage her unersättlich sei. Jedem Orgasmus folgt ein neues Sichanfüllen der Schwellkörper; Ausdehnung erzeugt wiederum Stauung und Ödematisierung, die ihrerseits weitere Gewebsspannung zur Folge hat usw.; Blutzufuhr und Ödematisierung der Beckenregion sind unerschöpflich. „Daraus folgt, je mehr Orgasmen die Frau erlebt, desto stärker werden sie; je mehr Orgasmen sie erlebt, desto mehr kann sie erleben. Also ist die Frau angesichts eines Höchstmaßes an sexueller Sättigung sexuell ungesättigt.“ (S.180, Hervorhebungen durch SHERFEY)
  
Primatenforschung

Die These einer universellen und physisch bedingten Unfähigkeit der Frau, selbst bei intensiven und wiederholten orgastischen Erlebnissen gänzliche sexuelle Befriedigung, beziehungsweise Sättigung zu erlangen, erhärtete SHERFEY durch Beobachtungen aus der Primatenforschung. Primaten stellen für sie enge Verwandte des Menschen ohne kulturelle Restriktionen dar. (S.181) Weibliche Schimpansen täten fast alles, um in der Woche höchster Brunst möglichst viele Paarungen zu erreichen. Manchmal seien sie am Ende dieser Perioden völlig erschöpft und mit Wunden bedeckt, die ihnen verausgabte, abweisende Männchen zugefügt haben. „Ich möchte meinen, dass, hielte die Zivilisation sie nicht zurück, ein nicht unähnliches Verhalten von der Frau zu erwarten wäre.“ (S.182) Das Verhalten der Primatenweibchen macht insofern Sinn, dass sie nach dieser Paarungszeit ziemlich sicher Nachwuchs bekommen. Wie uns Evolutionsbiologe ROBIN BAKER in seinem Buch ‚Krieg der Spermien’ (1999) wissen lässt, hat sich dabei außerdem intravaginal das überlegene Sperma durchgesetzt.

Krieg der Spermien

BAKER suchte nicht bei den Primaten, sondern beim Menschen nach Hinweisen und ist davon überzeugt, dass auch das Menschenweib eine ähnliche Sexualstrategie verfolgt. Umfragen zufolge sei eines von zehn britischen Kindern nicht von dem Mann gezeugt, der glaubt, der leibliche Vater zu sein. Im Südosten Englands fanden Ärzte sogar 30% solcher „Kuckuckskinder“. In einer US-amerikanischen Studie entdeckten Forscher, dass eines von 70 weißen und eines von 10 schwarzen Kindern mit dem Vater nicht genetisch verwandt war. (BAKER, 1999, S.192) Solche Daten sind allerdings von sozialen Schichten, Ländern und Untersuchungsmethoden abhängig und bisher noch nicht unabhängig überprüft worden. Aber auch seriöse Fachblätter wie die ‚Zeitschrift für das gesamte Familien-Recht’ operieren mit Schätzungen, nach denen „etwa 10 Prozent der Kinder in Deutschland sogenannte Kuckuckskinder“ sind. (zit. n. BÖLSCHE, 2004, Spiegel-online)BAKER schließt daraus, dass das menschliche Sexualverhalten auf einen „Krieg der Spermien“ im Körper der Frauen optimiert sei. Denn wenn diese mit mehreren Männern Sex haben, so fand er heraus, dann haben sie diesen fast immer innerhalb der Lebensdauer der männlichen Spermien, sodass diese mittels Killer- und Blockiererspermien gegeneinander konkurrieren können. (S.236)Eine der wichtigsten Waffen bei dieser Strategie zur Auswahl fremder Gene, erklärt BAKER, sei der Verlust der Brunst. SHERFEY nannte das den „stillen Eisprung“. (S.11) Indem die Frauen den Zeitpunkt des Eisprungs verstecken können, erschwerten sie den Männern, sie in ihrer fruchtbarsten Phase zu bewachen. So hätten sie mehr Freiheit, meint er, sich durch einen Seitensprung Gene zu „besorgen“ und die „Ressourcen verschiedener Männer zu nutzen, indem sie die Vaterschaft verschleiern.“ (BAKER, 1999, zit. n. BREDOW, Spiegel 5/1999)
 
Der weibliche Orgasmus – biologisch überflüssig?
Bevor BAKER seine Entdeckungen publizierte wurden SHERFEYs Ausführungen von Evolutionsforschern nicht ernst genommen, vielmehr belächelt, mit dem Argument, dass eine Frau auch Nachwuchs bekommen kann, ohne jemals einen Orgasmus erlebt zu haben. Die Tatsache des weiblichen Orgasmus und der Fähigkeit zu multiplen Orgasmen verleitete den Anthropologen DONALD SYMONS (1981) zu der Annahme, der weibliche Orgasmus sei ein Zufallsprodukt der Evolution, ein Artefakt – sinnlos und biologisch überflüssig. SYMONS vergleicht die Klitoris mit den männlichen Brustwarzen, die für den Mann ebenfalls funktionslos sind und nur deshalb bei ihm angelegt sind, weil sie beim weiblichen Körper so wichtig sind. Multiple Orgasmen könnten ein zufälliger Effekt sein, aufgrund der weiblichen Unfähigkeit zu ejakulieren. (zit. n. GOULD, 1999, S.166). BAKER stellte wiederum fest, dass der weibliche Orgasmus zur Optimierung des Fortpflanzungserfolgs dadurch beiträgt, dass bereits vorbereitend das Zervixsekret als Transportmasse für die Spermien optimiert wird. Die ausgelösten Kontraktionen bewirken außerdem, dass der Gebärmuttermund mehrfach in das Sperma eintaucht, wobei es gewissermaßen „hineingesaugt“ wird. (BAKER, 1999, S.277)
 
Kulturelles Dilemma
Das Wesen weiblicher Sexualität mit der ungewöhnlichen orgastischen Potenz war nach SHERFEY nicht für monogame, sesshafte Kulturen gedacht. Die weibliche unersättliche Sexualität musste also unterdrückt werden. Die Stärke des zu unterdrückenden Triebes bestimme dabei die Kraft, die notwendig sei, um ihn zu unterdrücken. (SHERFEY, 1974, S.202) Auch die Anthropologin HRDY ist davon überzeugt, dass sexuelle Zurückhaltung, Diskretion und die Sorge um den Ruf vieler Frauen, nicht, wie DARWIN annahm, dem vormenschlichen „alten Erbe“ entstammt. Diese Schamhaftigkeit lasse sich auch erklären als „gelernte Anpassung von Frauen, die den Bestrafungen entfliehen wollten“, welche das Patriarchat für „ungebärdige Partnerinnen und Töchter“ ausgedacht hat. (HRDY, 1999, zit. n. BREDOW, Spiegel 5/1999) Die meisten Kenner sind sich einig, dass die Bedeutung der gesicherten Vaterschaft seit dem 17. Jahrhundert auch auf dem „patrilinearen Erbschaftssystem“ beruht, das den Erstgeborenen bevorzugt. Daher waren sexuelle Abenteuer des Mannes auch entschuldbar, bei der Frau jedoch „verbrecherisch“ (GOREAU in ARIÈS et al., 1990, S.132)
  
Diplomarbeit-Unersaettlichkeit (pdf, 150 KB)
  
Das nächste Thema – Neosexualitäten – schließt dann das Kapitel: „Nymphoman, sexsüchtig, pervers, unersättlich oder neosexuell?“ ab.
  
Für neue Leser:
Sie lasen soeben einen Teil aus meiner Diplomarbeit.

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