Die gesicherten Fakten über den Hergang des Germanwings Absturzes sind begrenzt. Bisher kursieren vor allem Hypothesen und Spekulationen. Eine Spurensuche.

Ermittler markieren die Wrackteile der Germanwings-Maschine an der Absturzstelle. (Foto: dpa)

 

Die französische Staatsanwaltschaft hat in ihrer Pressekonferenz überraschend schnell eine Hypothese in die Welt gesetzt, wie es zu der Katastrophe gekommen ist. Staatsanwalt Brice Robin sagte, die „am meisten plausible und wahrscheinlichste Interpretation“ der Aufzeichnungen des Cockpit Voice Recorders sei, dass der Co-Pilot das Flugzeug absichtlich zum Absturz gebracht hat“ (Video am Anfang des Artikels).

Die Fakten der französischen Staatsanwaltschaft:

In seiner Darstellung der Ereignisse sagte Robin allerdings deutlich weniger: In einem vorbereiteten Statement sagte er, man habe „menschlichen Atem“ in der Kabine gehört. Daraus könne man schließen, dass der Co-Pilot, der nach Darstellung von Robin zu diesem Zeitpunkt allein im Cockpit war, bis zum Aufprall am Leben gewesen sei. Er habe bewusst den Sinkflug eingeleitet, der zum Absturz geführt habe.

Warum er das getan haben soll, konnte Robin nicht belegen. Er zieht in seiner „Interpretation“ den Schluss, der Co-Pilot habe die Maschine „zerstören“ wollen.

Einen Beleg für diese Mutmaßung gibt es nicht. Die Möglichkeit, dass der Pilot die Maschine retten wollte und gegebenenfalls falsch gehandelt hat, ist nicht Teil der Hypothese der Ermittler. Die Möglichkeit, dass ein technischer Defekt zum Absturz geführt oder kontaminierte Luft im Cockpit den Co-Piloten außer Gefecht gesetzt haben könnte, sind derzeit keine der bekannten Hypothesen, denen die Ermittler nachgehen.

Robin sagt, die Luftsicherung habe mehrfach versucht, den Co-Piloten zu erreichen und habe keine Antwort erhalten. Daraufhin habe die Luftsicherung andere Flugzeuge aufgefordert, mit der Maschine Kontakt aufzunehmen. Sie hätten ebenfalls keine Antwort erhalten.

In seiner Beschreibung dessen, was zu hören gewesen sei, nennt Robin die Anruf-Versuche der anderen Maschinen nicht.

Die Bodenkontrolle habe darauf einen Alarm in der Maschine ausgelöst, als sie feststellte, dass sich das Flugzeug dem Boden nähert: „In diesem Moment hören wir starke, heftige Schläge, fast so, als wolle jemand die Türe öffnen.“

Wer an die von innen verschlossene Tür geklopft hat, sagt der Ermittler nicht. Er sagt nicht, dass der Pilot, der die Kabine verlassen hatte, an der Tür geklopft habe.

Schließlich schildert der Ermittler, dass es offenbar zwei Aufschläge gegeben habe: Die Maschine habe auf einem Hang aufgeschlagen, ehe sie mit 700 Stundenkilometern am Berghang zerschellte.

Nach der Bekanntgabe dieser Fakten durch die französische Staatsanwaltschaft durchsuchten deutsche Ermittler die Wohnung des Co-Piloten.

Die Fakten der Staatsanwaltschaft Düsseldorf:

Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf teilte am Freitag in einer Pressemitteilung mit:

„Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf hat am gestrigen Abend die Durchsuchung der Wohnungen des verstorbenen Co-Piloten in Düsseldorf und Rheinland-Pfalz abgeschlossen. Die Maßnahmen haben nicht zur Auffindung eines sog. Abschiedsbriefes oder Bekennerschreibens geführt. Ebenso wenig haben sich Anhaltspunkte für einen politischen oder religiösen Hintergrund des Geschehens ergeben. Allerdings wurden Dokumente medizinischen Inhalts sichergestellt, die auf eine bestehende Erkrankung und entsprechende ärztliche Behandlungen hinweisen. Der Umstand, dass dabei u.a. zerrissene, aktuelle und auch den Tattag umfassende Krankschreibungen gefunden wurden, stützt nach vorläufiger Bewertung die Annahme, dass der Verstorbene seine Erkrankung gegenüber dem Arbeitgeber und dem beruflichen Umfeld verheimlicht hat. Vernehmungen hierzu sowie die Auswertung von Behandlungsunterlagen werden noch einige Tage in Anspruch nehmen. Sobald belastbare Erkenntnisse vorliegen, werden wir die Angehörigen und die Öffentlichkeit weiter informieren. Die Kolleginnen und Kollegen in Frankreich sind vom Dezernenten des Verfahrens über die vorläufigen Ergebnisse der auch von französischer Seite angeregten Maßnahmen in Kenntnis gesetzt worden.“

Die Schlussfolgerung der Staatsanwaltschaft, dass der Co-Pilot seine Erkrankung dem Arbeitgeber „verheimlicht“ habe, ist eine Vermutung: Es besteht keine Pflicht des Arbeitnehmers, eine Krankmeldung beim Arbeitgeber vorzulegen. Die Krankmeldung dient in erster Linie der sozialversichungstechnischen Entgelt-Regelung im Krankheitsfall. Es ist unbekannt, welcher Art die Krankheit gewesen ist und ob der Co-Pilot mit seinem Arbeitgeber über eine Erkrankung gesprochen hat.

Die Spekulationen haben sich darauf auf eine psychische Erkrankung des Co-Piloten verlagert. Es ist unbekannt, ob Germanwings eine psychische Erkrankung des Co-Piloten bekannt war. Das Unternehmen hat sich dazu bisher nicht geäußert.

Der Co-Pilot war im Universitätsklinikum Düsseldorf als Patient behandelt worden.

Die Fakten des Universitätsklinikums Düsseldorf:

Das Universitätsklinikum Düsseldorf teilte in einer Pressemitteilung mit:

„Das Universitätsklinikum möchte die Öffentlichkeit darüber in Kenntnis setzen, dass der Co-Pilot der Germanwings Flug 4U 9525 im Februar 2015 und zuletzt am 10. März 2015 als Patient im Universitätsklinikum Düsseldorf vorstellig geworden ist. Es handelte sich um diagnostische Abklärungen. Einzelheiten unterliegen der ärztlichen Schweigepflicht. Die Krankenakten werden heute der ermittelnden Staatsanwaltschaft Düsseldorf übergeben….Aus ermittlungstechnischen Gründen kann das UKD keine weiteren Auskünfte erteilen. Meldungen, wonach Andreas L. wegen Depressionen in unserem Haus in Behandlung gewesen sei, sind jedoch unzutreffend.“

Berichte in Medien:

Die BBC berichtet unter Berufung auf die Rheinische Post, dass sich der Co-Pilot nicht wegen einer psychischen Erkrankung, sondern wegen eines physischen Problems habe behandeln lassen. Die Süddeutsche Zeitung berichtet, dass der Co-Pilot „seit langer Zeit bei mehreren Medizinern in psychiatrischer Behandlung“ gewesen sein soll und beruft sich auf Unterlagen, die bei der Durchsuchung sichergestellt wurden: „Die Krankschreibung stammt angeblich von einem im Rheinland arbeitenden Neurologen und Psychiater, bei dem der Copilot seit einer Weile in Behandlung war.“

Aus dieser Information geht nicht hervor, warum der Co-Pilot „angeblich“ eine Krankschreibung eines „Neurologen und Psychiaters“ erhalten haben soll. Auf andere neurologische Krankheiten geht die Zeitung nicht ein.

Die Europäische Pilotenvereinigung und die Internationale Pilotenvereinigung haben die vorzeitige und teilweise Veröffentlichung von Ermittlungsergebnissen durch die französischen Ermittler scharf kritisiert und festgestellt, dass dieses Vorgehen die Aufklärung der Katastrophe erschwere und nicht dazu beitrage, die Luftfahrt in Zukunft sicherer zu machen.

Quelle:  http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2015/03/28/germanwings-absturz-die-gesicherten-fakten-eine-spurensuche/

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