Erster Weltkrieg

© Dieter Wunderlich 2006

Erster Weltkrieg: Vorgeschichte

In der Nacht zum 11. Juni 1903 erschossen serbische Offiziere im Belgrader Palast König Alexander I. Obrenovic und Königin Draga, malträtierten die zuckenden Körper mit ihren Säbeln und warfen sie aus dem Fenster. Der brutale Militärputsch brachte mit König Peter I. Karadordevic eine russophile Dynastie auf den serbischen Thron. Die „Radikale Volkspartei“ ergriff die Macht in Serbien; ihr Gründer, Nikola Pasic (1846 – 1926), regierte von 1904 bis zu seinem Tod fast ununterbrochen als Ministerpräsident. Von Russland unterstützt, entwickelte sich Serbien zum Zentrum des südslawischen Nationalismus. Die k. u. k. Monarchie reagierte auf die Machtverschiebung und die österreichfeindliche Politik des neuen Regimes, indem sie Einfuhren von landwirtschaftlichen Erzeugnissen aus Serbien unterdrückte („Schweinekrieg“, 1906 – 1911).
Im Sommer 1908 zwang ein Staatsstreich Sultan Abdul Hamid II., die osmanische Verfassung von 1876 wieder in Kraft zu setzen (Jungtürkische Revolution, 1908/09). Bei den Aufständischen handelte es sich vorwiegend um junge Studenten und Offiziere, die sich im thessalonischen Untergrund und im Pariser Exil gegen das autokratische Regime in Konstantinopel verschworen und zugleich jede ausländische Bevormundung ablehnten.

Innerhalb weniger Wochen verlor das Osmanische Reich Kreta, Bulgarien, Bosnien und die Herzegowina. Eleftherios Venizelos (1864 – 1936) proklamierte im September 1908 den Anschluss Kretas an Griechenland. Der aus dem Hause Sachsen-Coburg stammende bulgarische Fürst Ferdinand I. rief am 5. Oktober 1908 das unabhängige Königreich Bulgarien und sich selbst zum Zaren aus. Am selben Tag annektierte Kaiser Franz Joseph die seit der Berliner Konferenz (1878) österreichischer Militärverwaltung unterstehenden osmanischen Balkanprovinzen Bosnien und Herzegowina. In einer geheimen Besprechung hatte der österreichische Außenminister Alois Lexa Freiherr von Aehrenthal am 16. September 1906 zwar seinen russischen Amtskollegen Alexander Petrowitsch Iswolski vage darauf vorbereitet, aber die Berliner Regierung sah sich vor vollendete Tatsachen gestellt. Als das Osmanische Reich, Serbien und Montenegro heftig gegen das österreichische Vorgehen protestierten, drohte Krieg auszubrechen (Bosnische Annexionskrise, 1908/1909). Kaiser Wilhelm II.und Reichskanzler Bernhard Fürst von Bülow ermächtigten Generalstabschef Helmuth von Moltke, der österreichischen Militärführung zu versichern, dass ihr das Deutsche Reich zur Seite stünde, falls sich die Krise zum Krieg ausweitete.

Das Osmanische Reich musste am 26. Februar 1909 den Verlust seiner beiden Balkanprovinzen akzeptieren. Russland glaubte, einer militärischen Kraftprobe mit den Mittelmächten noch nicht gewachsen zu sein und kam deshalb der ultimativen deutschen Aufforderung nach, die Annexion Bosniens und der Herzegowina zu billigen (22. März 1909). Serbien, das auf keinen militärischen Beistand mehr rechnen konnte, sah sich gezwungen, ebenfalls formell zuzustimmen (31. März 1909). Damit wurde die Krise oberflächlich beigelegt. Berlin hatte sich noch stärker als vorher an Wien gekettet: Bülow sprach am 29. März 1909 vor dem Reichstag von der „Nibelungentreue“.

Italien empörte sich gegen die rigorose Balkanpolitik der Österreicher. Hinter dem Rücken der Dreibund-Vertragspartner traf sich König Viktor Emanuel am 24. Oktober 1909 im Schloss von Raccognigi bei Turin mit dem russischen Zaren und sicherte diesem heimlich zu, die russische Vorherrschaft auf dem Balkan zu unterstützen.

In der Türkei versuchten die Anhänger des Sultans, das Rad der Geschichte noch einmal zurückzudrehen und ihm wieder zur absoluten Herrschaft zu verhelfen. Doch am 27. April 1909 stürzten die Jungtürken Sultan Abdul Hamid II., schickten ihn ins Exil und hoben seinen Bruder Mohamed V. auf den Thron. Faktisch übte allerdings das „Komitee für Einheit und Fortschritt“, das Führungsorgan der Jungtürken, die Macht aus (Jungtürkische Ära, 1908 – 1918). Die ursprünglich liberale Einstellung der Jungtürken schlug bald in eine nach innen repressive und nach außen expansive Politik um.

Von Russland ermutigt, schlossen sich Serbien und Bulgarien am 13. März 1912 gegen das Osmanische Reich und die Doppelmonarchie zusammen (Balkanbund), Griechenland und Montenegro traten dem Bündnis wenige Monate später bei. Das Osmanische Reich musste sich angesichts der neuen Gefahr beeilen, durch Zugeständnisse an Italien den Tripoliskrieg (1911/12) zu beenden: Am 18. Oktober unterzeichneten die italienischen und die türkischen Unterhändler in Lausanne einen Friedensvertrag. Am selben Tag erklärten Serbien, Bulgarien und Griechenland dem „Kranken Mann am Bosporus“ den Krieg und folgten damit dem Schritt ihres montenegrinischen Bündnispartners vom 8. Oktober (Erster Balkankrieg, 1912/13). Die Albaner, die sich seit 1910 gegen die Osmanen auflehnten, riefen am 28. November 1912 das unabhängige Albanien aus. Die Auseinandersetzungen auf dem Balkan drohten sich zum europäischen Krieg auszuweiten. Am 2. Dezember 1912 erklärte Bethmann Hollweg, das Deutsche Reich werde an der Seite der Doppelmonarchie kämpfen, wenn Russland auf dem Balkan interveniere. Am 8. Dezember 1912 drängte Helmuth von Moltke in einer Besprechung („Kriegsrat“) mit Wilhelm II. darauf, sofort loszuschlagen. Doch die Kriegsgegner setzten sich durch und hielten sowohl die Österreicher als auch die Russen davor zurück in den Balkankrieg einzugreifen. Am 17. Dezember 1912 begannen in London die Friedensverhandlungen (Londoner Botschafterkonferenz, 17. Dezember 1912 – 30. Mai 1913). Im Präliminar-Friedensvertrag vom 30. Mai 1913 verzichtete das Osmanische Reich auf die ägäischen Inseln und fast den gesamten Besitz auf der Balkanhalbinsel. Albanien wurde als unabhängiger Staat anerkannt und Wilhelm Prinz zu Wied (1876 – 1945) als albanischer Fürst (Mbret) eingesetzt. Er konnte sich allerdings nur ein halbes Jahr lang halten (7. März bis 5. September 1914).

Wie sie ihre Eroberungen aufteilen sollten, darüber konnten sich die Balkanstaaten nicht einigen. Als am 24. Juni 1913 in dem von Serbien beanspruchten Makedonien bulgarische Truppen einmarschierten, kam es zum Krieg zwischen den bisherigen Bündnispartnern (Zweiter Balkankrieg, 1913). Rumänien griff den südlichen Nachbarn am 10. Juli an, um die Grenzen am Schwarzen Meer (Dobrudscha) zu verschieben. Am 12. Juli trat auch die Türkei auf der Seite der Feinde Bulgariens in den Krieg ein. Österreich wurde von Italien und Deutschland davor zurückgehalten, zugunsten Bulgariens zu intervenieren. So wurde Bulgarien innerhalb weniger Wochen geschlagen; es musste die südliche Dobrudscha an Rumänien abtreten und auf beinahe die gesamte Beute aus dem Ersten Balkankrieg verzichten (Frieden von Bukarest, 10. August 1913). Obwohl die Serben als Hauptgewinner aus den beiden Balkankriegen hervorgingen, fanden sie sich nicht damit ab, dass sie noch immer nicht über einen Zugang zur Adria verfügten. Der Balkan blieb das „Pulverfass Europas“.

Das Attentat von Sarajewo
Am 26. Juni 1914 kam Erzherzog Franz Ferdinand mit seiner Frau in die bosnische Hauptstadt Sarajewo. An diesem Sonntag erinnerte das benachbarte serbische Königreich erstmals mit einem offiziellen Staatsfeiertag an die Schlacht auf dem Amselfeld: Dort hatten die Osmanen am 28. Juni 1389 die serbischen Völker vernichtend geschlagen und fast den gesamten serbischen Adel ausgerottet.Bei der Ankunft entging das österreichische Thronfolgerpaar nur knapp einem Bombenanschlag. Um die dabei Verletzten im Krankenhaus aufzusuchen, bestiegen Erzherzog Franz Ferdinand und Sophie Gräfin Chotek, Herzogin von Hohenberg, nach einem Empfang im Rathaus einen Wagen. Da sprang ein serbischer Gymnasiast aus der Menge hervor und schoss. Er traf Franz Ferdinand in die Schläfe und Sophie in den Unterleib. Der Thronfolger war sofort tot; seine Frau starb auf dem Weg ins Krankenhaus.An Ort und Stelle festgenommen wurde der Täter, Gavrilo Princip (1895 – 1918). Princip gehörte zu der 1911 im serbischen Königreich gegründeten nationalistischen Geheimorganisation „Ujedin jenje ili smrt“ (Einheit oder Tod); „Schwarze Hand“ wurde sie auch genannt.

Auf Franz Ferdinand hatten es die Verschwörer abgesehen, weil dieser die Slawen als Gegengewicht zu den Ungarn zur dritten Staatsnation der Habsburger Monarchie hatte erheben wollen – und damit den slawischen Nationalisten den Wind aus den Segeln genommen hätte.

Der serbische Regierungschef Nikola Pasic ahnte wohl seit Anfang Juni etwas von dem in Bosnien geplanten Attentat, befürwortete es zwar nicht, verhinderte es aber auch nicht.

Zwei Tage nach dem Mord in Sarajewo erklärte der österreichisch-ungarische Außenminister Leopold Graf von Berchtold dem deutschen Botschafter in Wien, dass gegen die Serben vorgegangen werden müsse. Dazu hatte sich die Wiener Regierung schon vor dem 26. Juni entschlossen; das blutige Attentat in Bosnien lieferte bloß noch den geeigneten Vorwand dafür.

Das serbische Königreich dominierte auf der Balkanhalbinsel und bereitete sich darauf vor, zum „Piemont der Südslawen“ zu werden. Auf dem Balkan prallten die österreichischen und die russischen Interessen aufeinander: Die Habsburger Monarchie, die ohnehin zu zerreißen drohte, sah sich durch den südslawischen Nationalismus und dessen serbische Machtbasis ernsthaft bedroht. Die Russen dagegen unterstützten die nationalistischen Bewegungen und betonten, dass sie selbst zu den Slawen gehörten, weil sie glaubten, dadurch ihren Einflussbereich ausweiten zu können. Jede militärische Intervention auf dem Balkan beschwor einen russisch-österreichischen und – infolge der Bündnissysteme – europäischen Krieg herauf.

Auf das Wagnis, trotzdem gegen Serbien loszuschlagen, konnte sich die österreichische Regierung allenfalls einlassen, wenn sie von der politischen und militärischen Führung in Berlin unterstützt wurde. Der deutsche Botschafter in Wien, Heinrich von Tschirschky und Boegendorff, warnte davor, auf dem Balkan einzugreifen, aberKaiser Wilhelm II. schrieb an den Rand seines Berichtes vom 30. Juni: „Mit den Serben muss aufgeräumt werden, und zwar bald. – Jetzt oder nie.“ Als der österreichische Sondergesandte Alexander Graf von Hoyos und der österreichische Botschafter in Berlin, Ladislaus Graf Szögyény-Marich, den deutschen Standpunkt sondierten (Hoyos-Mission, 4. – 6. Juli 1914), sagte der Kaiser am 5. Juli die deutsche Rückendeckung auch für den Fall einer Ausweitung des Konfliktes zu („Blankoscheck“), und der Reichskanzler bestätigte dies am folgenden Tag in einer Unterredung mit den Grafen Hoyos und Szögyény.

Die deutsche Staatsführung sorgte sich, dass ihr einziger verlässlicher Bundesgenosse durch die nationalistischen Bewegungen zerbrechen könnte und sie dann vollends isoliert der feindlichen Allianz gegenüberstünde. Ein Krieg werde sich ohnehin nicht auf Dauer vermeiden lassen – das offenbare sich in den fortwährenden Krisen auf dem Balkan und in Nordafrika; es gehe letztendlich um den Aufstieg des Deutschen Reichs zur Weltmacht oder den Niedergang zum ohnmächtigen Staat dritter Ordnung. Die Zeit arbeitete gegen die Mittelmächte: zusehends wuchs die feindliche Übermacht. Die deutschen Militärs glaubten, dass die in Sarajewo ausgelöste Krise die letzte Gelegenheit bot, den Zusammenbruch des Partners zu verhindern, die Einkreisung zu durchbrechen und einen Krieg zu gewinnen. Die Berliner Regierung hoffte, der Krieg werde sich auf den Balkan begrenzen lassen, weil weder Russland noch Frankreich kriegsbereit seien und Großbritannien nicht eingreifen werde.

Dreieinhalb Wochen nach dem Attentat in Sarajewo, am späten Nachmittag des 23. Juli, stellte Österreich-Ungarn dem serbischen Königreich ein auf achtundvierzig Stunden befristetes Ultimatum. Die Belgrader Regierung sollte zusichern, alle gegen Österreich-Ungarn gerichteten Veröffentlichungen zu zensieren und mit Hilfe österreichischer Beamter gegen die in Serbien vermuteten Hintermänner des Anschlages polizeilich vorzugehen.

Die Serben antworteten fristgerecht am 25. Juli, gingen in dem ausführlichen Schreiben auf beinahe alle österreichischen Forderungen ein, betonten ihre Verständigungsbereitschaft, machten allerdings Vorbehalte hinsichtlich ihrer Souveränitätsrechte und ordneten parallel dazu die Teilmobilmachung an. Die Regierung in Wien brach die diplomatischen Beziehungen zum serbischen Königreich daraufhin ab und erließ noch am selben Tag ebenfalls einen Teilmobilmachungsbefehl.

Der britische Außenminister Sir Edward Grey versuchte zu vermitteln und schlug vor, den serbisch-österreichischen Konflikt auf einer internationalen Botschafter-Konferenz beizulegen (26./27. Juli 1914). Am frühen Morgen des 28. Juli las Kaiser Wilhelm II. den Text der serbischen Antwortnote, meinte: „Damit fällt jeder Kriegsgrund fort“, und wies das Auswärtige Amt an, den Österreichern zu raten, sich mit den Russen über einen begrenzten Schlag gegen Serbien zu verständigen und auf jede weitreichende militärische Operation gänzlich zu verzichten. Es war schon zu spät. Noch an diesem Morgen erklärte die Wiener Regierung dem serbischen Königreich den Krieg.

Erster Weltkrieg: Kriegsbeginn
Nachdem die Wiener Regierung dem serbischen Königreich am 28. Juli 1914 den Krieg erklärt hatte, gab es kein Halten mehr: Die Europäer schlitterten in den Weltkrieg hinein. Am 29. Juli beschossen österreichisch-ungarische Truppen die serbische Hauptstadt Belgrad.In der Nacht vom 29./30. Juli erklärte Bethmann Hollweg dem britischen Botschafter in Berlin, seine Regierung sei bereit, sich in einem Krieg mit Frankreich mit kolonialen Erwerbungen zu begnügen, falls Großbritannien neutral bleiben würde. Schroff wurde dieses Ansinnen zurückgewiesen.Obwohl der irische Bürgerkrieg gerade auszubrechen drohte und kaum jemandem in Großbritannien an einem kontinentalen Krieg gelegen war, wollte die Londoner Regierung auf keinen Fall eine Schwächung Frankreichs zulassen.

Frankreich war zwar im Sommer 1914 noch nicht für einen Krieg mit den Mittelmächten gerüstet, aber bei einem Staatsbesuch vom 20. bis 23. Juli in Sankt Petersburg hatten der französische Staatspräsident Raymond Poincaré und der französische Ministerpräsident René Viviani dem russischen Zaren ausdrücklich zugesichert, Russland im Ernstfall unterstützen zu wollen.

Russland bereitete sich zwar auf eine militärische Auseinandersetzung vor, benötigte dafür aber noch zwei, drei Jahre. Dass die Habsburger auf dem Balkan weiter vordrangen, wollten die Russen dennoch verhindern – daran ließen sie keinen Zweifel.

Als sich die Krise Ende Juli zuspitzte, drängte die russische Militärführung den Zaren, die Mobilmachung anzuordnen, da sie dafür wesentlich längere Zeit benötige als das hochorganisierte deutsche Heer. Am 29. Juli ließ der Zar in den südwestlichen Grenzbezirken mobilmachen, und am Abend des folgenden Tages ordnete er die Gesamtmobilmachung an.

Die Mittelmächte gingen nun entschlossen vorwärts. Am 31. Juli um die Mittagszeit wurde in Wien die Gesamtmobilmachung befohlen. Dazu hatte Generalstabschef Helmuth von Moltke seinem österreichischen Amtskollegen Conrad Franz Graf von Hötzendorf ausdrücklich geraten.

Um den Schlieffen-Plan verwirklichen zu können, mussten die Deutschen unverzüglich den Krieg im Westen vorbereiten. Um einen Kriegsgrund zu schaffen, wurde der deutsche Botschafter in Paris am Nachmittag des 31. Juli beauftragt, von der französischen Regierung eine Neutralitätserklärung und gegebenenfalls die französischen Festungen Toul und Verdun als Pfand zu verlangen. Das Ultimatum war bis vier Uhr morgens am darauffolgenden Tag befristet.

Um Mitternacht erklärte der deutsche Botschafter in Petersburg, seine Regierung müsse mobilisieren, wenn Russland nicht binnen zwölf Stunden seine eigene Mobilmachung zurücknähme.

Die französische Regierung beantwortete das deutsche Ultimatum ausweichend und ordnete am 1. August um 16 Uhr die Mobilmachung an. Die russische Regierung antwortete überhaupt nicht. Um 17 Uhr wurde die deutsche Mobilmachung befohlen, und das Deutsche Reich erklärte Russland den Krieg.

Tags darauf forderte das Deutsche Reich ultimativ von Belgien ein Durchmarsch-Recht (2. August 1914). Die Belgier lehnten ab. Noch am gleichen Tag besetzten deutsche Truppen Luxemburg. In der deutschen Presse erschienen Falschmeldungen von französischen Übergriffen auf deutschem Gebiet. Am 3. August erklärte das Deutsche Reich der französischen Republik den Krieg. Am nächsten Morgen marschierten deutsche Truppen in Belgien ein.

Als sich die Belgier zäh gegen die übermächtigen Deutschen wehrten, schwenkte die öffentliche Meinung in Großbritannien um. Am 4. August überreichte der britische Botschafter in Berlin dem deutschen Reichskanzler ein bis Mitternacht befristetes Ultimatum mit der Forderung, die belgische Neutralität zu achten. Da deutsche Truppen die belgische Grenze bereits überschritten hatten, kam dies einer Kriegserklärung gleich.

Damit waren endgültig alle deutschen Illusionen zerstoben, Großbritannien werde nicht in den Krieg eingreifen. Auch diese Prämisse der deutschen Außenpolitik hatte sich als falsch erwiesen.

Es folgten Kriegserklärungen Serbiens an das Deutsche Reich (6. August), Österreich-Ungarns an Russland (6. August), Frankreichs und Großbritanniens an die Doppelmonarchie (11./12. August), Japans an das Deutsche Reich (23. August), Österreich-Ungarns an Japan (23. August). Nur einige wenige Staaten der Erde blieben im Ersten Weltkrieg neutral; die Mittelmächte führten am Ende Krieg gegen fast die ganze Welt.

Italien und Rumänien wollten trotz ihrer Bündnisverträge mit den Mittelmächten neutral bleiben und beriefen sich darauf, dass der casus foederis nur im Fall eines unprovozierten Verteidigungskrieges gelte.

Die beiden Verlierer der Balkankriege, die Osmanen und die Bulgaren, verbündeten sich mit den Mittelmächten (türkisch-deutsches Bündnis, 2. August 1914; bulgarisches Bündnis mit dem Deutschen Reich und mit Österreich-Ungarn, 6. September 1914).

Erster Weltkrieg:
Reaktionen auf den Kriegsausbruch
Die Kriegsfreiwilligen standen im August 1914 vor den deutschen Meldebehörden Schlange; begeistert zogen die Soldaten in den Krieg und wurden dabei von der Bevölkerung umjubelt. Eine Woge nationaler Solidarität ging quer durch alle sozialen Schichten und politischen Gruppierungen. Kaiser Wilhelm II. rief am 4. August vor dem Reichstag: „Uns treibt nicht Eroberungslust, uns beseelt der unbeugsame Wille, den Platz zu bewahren, auf den uns Gott gestellt hat […] Ich kenne keine Parteien mehr; ich kenne nur noch Deutsche!“Tatsächlich blieb der befürchtete Zusammenstoß mit den Sozialdemokraten und den Gewerkschaften aus.Allerdings argumentierten die Sozialdemokraten bis zuletzt gegen den Krieg; noch am 25. Juli waren viele Tausende überall in Deutschland einem Aufruf des SPD-Parteivorstandes gefolgt und hatten gegen den drohenden Krieg demonstriert.

Am 31. Juli reiste Hermann Müller (1876 – 1931), ein Sekretär des SPD-Parteivorstandes, nach Paris, um mit französischen Sozialisten gemeinsame Maßnahmen gegen den Krieg abzusprechen – wie es 1907 auf dem Stuttgarter Kongress der Zweiten Internationale beschlossen worden war. Obwohl am selben Tag der pazifistische französische Sozialistenführer Jean-Jacques Jaurds (1859 – 1914) von dem radikalen Nationalisten Raoul Villain ermordet wurde, ließen sich die französischen Sozialisten nicht davon abbringen, im Kriegsfall ihrem Vaterland beizustehen („union sacrée“).

Die deutschen Sozialdemokraten waren aus den 13. Reichstagswahlen am 12. Januar 1912 als weitaus stärkste Fraktion hervorgegangen: knapp 35 Prozent der abgegebenen Stimmen und 28 Prozent der Reichstagsmandate hatten sie erhalten. Die SPD nahm damit eine Schlüsselposition ein; ohne ihre Zustimmung wäre das Deutsche Reich schwerlich in der Lage gewesen, Krieg zu führen. Aber dem ParteivorsitzendenFriedrich Ebert gelang es, seine Genossen davon zu überzeugen, dass sich das Deutsche Reich gegen die erdrückende Übermacht der Feinde im letzten Augenblick zur Wehr setzen müsse: „In der Stunde der Not lassen wir unser Vaterland nicht im Stich.“ Am 4. August stimmte die sozialdemokratische Reichstagsfraktion geschlossen für die Bewilligung der beantragten Kriegskredite. Eine von Karl Liebknecht (1871 – 1919) und Rosa Luxemburg (1870 – 1919) geführte Minderheit in der SPD opponierte gegen diesen „Burgfrieden“, diffamierte Andersdenkende als „kaiserliche Sozialisten“ und spaltete sich schließlich von den (Mehrheits-) Sozialisten ab (Gruppe Internationale, Spartakusbund, Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands).

Erster Weltkrieg: Westfront 1914
Während die erwarteten französischen Angriffe in Elsass-Lothringen abgewehrt wurden (Schlacht bei Mühlhausen, 9. August 1914; Schlacht in Lothringen, 20. – 22. August 1914), legten die deutschen Truppen, die im Westen die Offensive vorantrieben, innerhalb von drei Wochen 400 Kilometer zurück. Am 20. August 1914 besetzten sie Brüssel. Am 30. August standen sie an der Somme. Doch an diesem Tag wurde der Schlieffen-Plan aufgegeben! Spätestens als zwei Armeekorps des rechten Flügels an die Ostfront verlegt wurden (26. August), reichten die deutschen Kräfte nicht mehr für das geplante „Super-Cannae“ aus. Die deutschen Truppen wurden nun statt um Paris herum in einem engeren Bogen östlich an Paris vorbei geführt und stießen zur Marne vor. Am 3. September setzte sich die französische Regierung nach Bordeaux ab.An der Marne, zwischen Paris und Verdun, stellten sich die Franzosen und ein britisches Expeditionskorps den Deutschen entgegen. Joseph Jacques Césaire Joffre (1852 – 1931), der französische Oberbefehlshaber, entschloss sich, von Paris aus in die westliche Flanke der deutschen Truppen hineinzustoßen (Marneschlacht, 6. – 9. September). Mit Hilfe requirierter Taxis schaffte er seine Truppen an die Front („Les taxis de la Marne!“). Überhastet zog Alexander von Kluck (1846 – 1934) Teile seiner 1. Armee zurück und riss damit eine 40 bis 50 Kilometer breite Lücke in die deutsche Front. Daraufhin wich auch Karl von Bülow (1846 – 1921) mit der 2. Armee zurück. In der Nacht vom 8. zum 9. September ordnete Generalstabschef Helmuth von Moltke an, die gesamte Frontlinie bis an die Aisne zurückzunehmen. Die Franzosen konnten es kaum glauben („das Wunder an der Marne“).Damit war die deutsche Westoffensive gescheitert, und nach Schlieffens Logik war der Krieg für die Deutschen nicht mehr zu gewinnen.

Der preußische Kriegsminister Erich von Falkenhayn löste Moltke als Generalstabschef ab. (Ab 14. September war Falkenhayn formal Moltkes Stellvertreter; erst am 9. Dezember übernahm er dessen Aufgaben offiziell.) Falkenhayn warf junge, unzureichend ausgebildete Soldaten an die Westfront, um wenigstens zu den Kanalhäfen vorzudringen (Ypernschlacht, 20. Oktober – 22. November), doch auch dieser „Wettlauf zum Meer“ geriet ins Stocken und endete im zermürbenden Grabenkampf.

Von November 1914 bis März 1918 erstarrte die Westfront; eine nennenswerte Verschiebung gab es kaum.

Am 20. Dezember 1914 kehrte die französische Regierung aus Bordeaux nach Paris zurück.

Erster Weltkrieg: Ostfront 1914
Die russische „Dampfwalze“ rollte früher als erwartet an. Nachdem der Befehlshaber der 8. deutschen Armee nach der unentschiedenen Schlacht bei Gumbinnen (Gussew), südlich der Memel, am 20. August 1914 seine Truppen zurückgenommen hatte, wurde er abgelöst. Generalmajor Erich Ludendorff (1865 – 1937), der am 20. August 1914 mit einem spektakulären Handstreich Lüttich erobert hatte , sollte die Russen zum Stehen bringen. Da es sein militärischer Rang allerdings nicht erlaubte, ihm förmlich den Befehl über eine Armee zu übertragen, wurde der sechsundsechzigjährige Generaloberst Paul von Beneckendorff und Hindenburg (1847 – 1934) eigens aus dem Ruhestand geholt und zum Kommandeur der 8. Armee ernannt (22. August). Ludendorff wurde ihm unterstellt, aber Hindenburg war phlegmatisch genug, ihm die faktische Armeeführung zu überlassen. Am 23. August 1914 trafen Hindenburg und Ludendorff in Ostpreußen ein.Unverzüglich griffen sie die Narew-Armee an, obwohl die Njemen-Armee nicht weit entfernt davon stand und ihnen die beiden russischen Armeen weit überlegen gewesen wären, wenn sie gemeinsam gekämpft hätten. Nachdem Hindenburg und Ludendorff die Narew-Armee in der Schlacht bei Tannenberg vernichtet hatten (23. – 31. August 1914), zog sich die Njemen-Armee aus Ostpreußen zurück, unterlag aber den nachrückenden Deutschen in der Schlacht an den Masurischen Seen (6. – 15. September 1914). Mit den glänzenden Erfolgen begann der Mythos der „Sieger von Tannenberg“.Ostpreußen mussten die Russen räumen, aber in Galizien warfen sie die österreichisch-ungarischen Truppen zurück (Schlachten bei Lemberg, 26. – 30. August, 6. – 12. September 1914); Wien musste Ostgalizien und die Bukowina verloren geben.

Im Dezember 1914 erstarrte auch die Ostfront.

Der Erste Weltkrieg: Ein totaler Krieg

 

Die deutschen Soldaten, die im Sommer 1914 unter dem Jubel der Bevölkerung in den Krieg gezogen waren, hatten geglaubt, Weihnachten schon wieder zu Hause zu sein. Kaum ein Staat hatte sich auf eine längere Dauer des Krieges eingestellt. Niemand hatte daran gedacht, rechtzeitig Rohstofflager und Lebensmittelvorräte anzulegen. Dabei verwandelte sich der Erste Weltkrieg rasch in einen mörderischen Stellungskrieg, in dem der Materialeinsatz eine Rolle spielte wie nie zuvor, und die Mittelmächte wurden durch die englische Flotte jahrelang von Einfuhren abgeschnitten.Am 2. November 1914 erklärte Großbritannien die gesamte Nordsee zur Kriegszone, legte Minenfelder im Kanal sowie zwischen der englischen Ostküste und Norwegen an, wies der neutralen Schifffahrt bestimmte Routen zu und begann Handelsschiffe nach Konterbande zu durchsuchen. Die schrittweise verschärften Blockademaßnahmen verstießen gegen die (nicht ratifizierten) Beschlüsse der Londoner Seerechtskonferenz (Dezember 1908 – Februar 1909), von denen sich Großbritannien und Frankreich am 7. Juli 1916 auch formell lossagten.Am 9. August 1914 wies der Industrielle Walther Rathenau (1867 – 1922) – der Sohn des AEG-Gründers – den preußischen Kriegsminister Erich von Falkenhayn darauf hin, dass alle kriegswichtigen Rohstoffe staatlich kontrolliert werden müssten. Zunächst unter seiner Leitung wurde noch im selben Monat eine „Kriegsrohstoff-Abteilung“ im Kriegsministerium eingerichtet, die verfügbare Produktionskapazitäten auf den Kriegsbedarf hin umstellte, aber auch Surrogate und neuartige Herstellungsverfahren entwickeln ließ. Der umsichtigen Arbeit der Kriegsrohstoff-Abteilung war es zu verdanken, dass die deutsche Rohstoffversorgung bis zum Ende des Krieges nicht zusammenbrach.

Überall fehlten Arbeitskräfte, da die Männer als Soldaten an den Fronten kämpften und die gefallenen, verwundeten und in Gefangenschaft geratenen wieder ersetzt werden mussten.

Fleisch wurde zu Konserven verarbeitet und an die Front geschickt. Fischkutter konnten nicht mehr in die Nordsee ausfahren, und der Fischbestand in der Ostsee war zu gering, um den Ausfall ersetzen zu können. An Brot, Milch, Fett, Fleisch und Fisch mangelte es („Kohlrübenwinter“ 1916/17). Für private Haushalt gab es kaum noch Kohlen, und im Winter wurden auch öffentliche Einrichtungen geschlossen, um Brennstoff zu sparen. Die gesamte Wirtschaft produzierte schließlich für den militärischen Bedarf. Die notdürftige Versorgung der Bevölkerung mit Lebenmitteln, Kleidung und Brennstoffen wurde streng rationiert („den Mangel verteilen“). Tausende von Zivilisten starben an den Folgen der Not, aber die Leistungsfähigkeit der deutschen Rüstungsindustrie und die Kampfkraft der deutschen Truppen blieben auf diese Weise erhalten.

Der Erste Weltkrieg war ein totaler Krieg, kein Kabinettskrieg, den Fürstenhäuser mit Hilfe von Söldnertruppen gegeneinander führten; die gesamte Bevölkerung litt, auch weit hinter der eigentlichen Front („Heimatfront“).

Daran änderte auch die „Haager Landkriegsordnung“ nichts.

Am 24. August 1898 hatte Zar Nikolaus II. angesichts der erschöpften russischen Staatsfinanzen eine internationale Konferenz über Rüstungsbeschränkungen und die Erhaltung des Friedens angeregt. 1899 und 1907 hatten sich die Repräsentanten zahlreicher Staaten in Den Haag getroffen, aber auf keiner der beiden Haager Friedenskonferenzen waren Rüstungsbegrenzungen oder Maßnahmen zur Friedenssicherung beschlossen worden. Als Ergebnisse bleiben der Ständige Schiedshof (Cour Permanente d’Arbitrage, Permanent Court of Arbitration) in Den Haag und die am 29. Juli 1899 und am 18. Oktober 1907 verabschiedeten – unter der Bezeichnung „Haager Landkriegsordnung“ zusammengefassten – Abkommen zur „Humanisierung“ des Krieges, die an die Genfer Konvention vom 22. August 1864 anknüpften und die rechtliche Stellung von Parlamentären, Spionen, Kriegsgefangenen regelten, Plünderungen verboten, die Verwendung von Giftkampfstoffen untersagten und der Bevölkerung in besetzten Gebieten eine Reihe von Rechten garantierten.

Bis zum Ersten Weltkrieg waren die Militärstrategen unbeirrt davon ausgegangen, dass sich ein Krieg nur in der Offensive gewinnen lasse und die Defensive allenfalls dazu tauge, eine Entscheidung hinauszuzögern. Dass diese Theorie nicht mehr galt, stellte die militärische Führung im Verlauf des Ersten Weltkriegs fest.

Die Frontsoldaten lagen sich in Schützengräben und Unterständen gegenüber – oft nur ein paar hundert Meter voneinander entfernt. Nachts rückten Spähtrupps vor, um die Lage zu erkunden und Soldaten der anderen Seite gefangen zu nehmen. Tagsüber beschoss die Artillerie feindliche Stellungen und versuchte, durch – mitunter tagelang anhaltendes – Trommelfeuer („Stahlgewitter“) den Gegner zu zermürben. In diesen Materialschlachten kam es darauf an, auszuharren. Ausfälle brachten eher die Angreifer in Not, wenn sie vergeblich gegen die feindlichen Verteidigungslinien anrannten und mit Maschinengewehren beschossen wurden.

Erster Weltkrieg: Waffensysteme
Das erste echte Maschinengewehr hatte der britisch-amerikanische Ingenieur Sir Hiram Maxim (1840 – 1916) in den Achtzigerjahren in London erfunden. Während bei älteren Konstruktionen eine Handkurbel gedreht werden musste, um nachzuladen, funktionierte das Maxim-Gewehr automatisch. 450 Schuss pro Minute konnten damit abgefeuert werden. Besonders die deutschen Militärs interessierten sich für die Erfindung und ließen Maxims Modell während des Ersten Weltkriegs zum legendären MG 08/15 weiterentwickeln.Das Schnellfeuer-Geschütz war um die Jahrhundertwende aufgekommen. Die deutsche Artillerie verwendete einen seit 1911 von Krupp gefertigten Mörser, der auf eine Räderlafette montiert wurde und bis zu 15 km weit schoss („Dicke Berta“). Besonders schwere Geschütze wurden auf Eisenbahnwaggons montiert. So auch die fünf ebenfalls von Krupp hergestellten Langrohrgeschütze, mit denen 1918 von Laon aus Paris beschossen wurde („Pariser Kanonen“) wobei die 110-Millimeter-Granaten im Extremfall eine 38 km hohe und 120 km weite ballistische Bahn durchmaßen!Gegen Granatensplitter konnte die 1842 in Preußen eingeführte Pickelhaube – ein Lederhelm mit Stahlspitze und metallenen Beschlägen – nicht ausreichend schützen. Obergeneralarzt August Bier (1861 – 1949) regte deshalb an, die Pickelhaube durch einen Stahlhelm zu ersetzen. Ende Januar 1916 wurden in Verdun 30 000 Stahlhelme an die deutschen Soldaten ausgegeben, und bald schon bewährte sich der Stahlhelm auch bei anderen Streitkräften.

Flammenwerfer wurden im Herbst 1914 von den Franzosen erprobt.

Kampfgas verwendeten zuerst die Deutschen. Bei „günstigem“ Wind öffneten sie am 22. April 1915 um 5 Uhr morgens auf einem 6 km breiten Frontabschnitt bei Ypern die Hähne an den Fässern mit einem vom Kaiser-Wilhelm-Institut entwickelten Chlorgas. Dichter, gelber Rauch trieb in einer wenige Meter hohen Schicht auf die französischen Stellungen zu. Viele Franzosen starben sofort. Von der verheerenden Wirkung des Atemgifts waren die deutschen Offiziere überrascht – und deshalb auch nicht darauf vorbereitet, in die entstandene Lücke nachzustoßen.

Erst 1917 verfügten die meisten Streitkräfte über Atemmasken mit Aktivkohlefiltern. Aber von diesem Jahr an setzten die Deutschen auch Gelbkreuz-Kampfstoffe (Senfgas) ein, die nicht primär über die Atemwege wirkten, sondern alle unbedecktem Hautpartien schwer verätzten.

Deutsche Luftschiffe bombardierten Paris, London und die englische Ostküste, bewährten sich jedoch nicht. Flugzeuge wurden zunächst für Aufklärungszwecke verwendet. Schließlich wurden sie bewaffnet (Jagdflugzeug): 1915 montierten die Fokker-Werke ein starres Maschinengewehr vor das Cockpit, das so mit der Propellerrotation synchronisiert war, dass es durch den Propellerkreis schießen konnte. Bomben wurden anfangs mit der Hand abgeworfen. Eine bis zu 750 Kilogramm schwere Bombenlast konnte die 1918 in Dienst gestellte „Handley Page 0/400“ tragen, die – ebenso wie das britische Jagdflugzeug „Sopwith Camel“ – weitgehend aus Holz und Stoff gefertigt war, obwohl bereits am 12. Dezember 1915 das erste Ganzmetallflugzeug, die „J 1“ von Hugo Junkers (1859 – 1935), zum Jungfernflug gestartet war.

Verworfen hatten die Deutschen und die Österreicher den 1905 konstruierten Austro-Daimler-Panzerkraftwagen, ein zwei Tonnen schweres, auf allen vier Rädern angetriebenes, 50 Stundenkilometer schnelles gepanzertes Automobil, aus dessen schwenkbaren Turm ein Maschinengewehr feuern konnte. Die Briten erprobten dagegen am 15. September 1916 einige gepanzerte Kettenfahrzeuge (tank) in der Normandie, und im November 1917 durchstießen dreihundert englische Panzer die deutschen Stellungen bei Cambrai (Tankschlacht bei Cambrai, 20. – 30. November 1917).

Erster Weltkrieg: Seekrieg 1914/15
Am 23. August 1914 waren die deutschen Kreuzer „Goeben“ und „Breslau“ von dem österreichischen Adriahafen Pola (Pula) aus in See gestochen und schließlich am 10. September bis zu den Dardanellen vorgedrungen. Unter türkischer Flagge, aber weiterhin mit einer deutschen Besatzung, kontrollierten die beiden Kriegsschiffe die Durchfahrt durch die Meerengen – die am 26. September auch für Handelsschiffe gesperrt wurden – und beschossen am 28. Oktober russische Schwarzmeerhäfen. Russland, Frankreich und Großbritannien erklärten daraufhin dem Osmanischen Reich den Krieg (2. – 5. November).Die deutsche Hochseeflotte vermochte lediglich, die Russen in der Ostsee von alliierten Nachschublieferungen abzuriegeln, nicht aber, die Briten zur Neutralität zu zwingen, oder deren Seeblockade zu durchbrechen. Daran änderten auch einzelne Heldentaten nichts. Felix Graf von Luckner (1881 – 1966), der Kapitän des Dreimastvollschiffes „Seeadler“, kaperte mehr als zwanzig Schiffe der Alliierten im Atlantik. Der Kreuzer „Emden“ brachte zwei Dutzend Schiffe der gegnerischen Nationen auf und schoss die Petroleumtanks bei Madras in Brand, bevor er am 9. November 1914 vor den Kokosinseln (Keeling Islands) im Indischen Ozean von dem australischen Kreuzer „Sydney“ versenkt wurde. Dem von Vizeadmiral Maximilian Reichsgraf von Speekommandierten deutschen Ostasien-Geschwader gelang es zwar am 1. November 1914, vor der chilenischen Küste ein englisches Geschwader aufzureiben (Seeschlacht bei Coronel), aber am 8. Dezember wurde es seinerseits von britischen Kriegsschiffen bei den Falklandinseln vernichtet.Am 2. Februar 1915 erklärte das Deutsche Reich die Gewässer rings um die britischen Inseln zur Kriegszone und kündigte an, in diesem Gebiet feindliche Handelsschiffe zu versenken – gegebenenfalls ohne Vorwarnung.

Zu diesem Zeitpunkt verfügte die deutsche Marine über neun für Fernfahrten verwendbare U-Boote. Um feindlichen Schiffen zu entkommen, oder selbst unbemerkt anzugreifen, fluteten sie spezielle Tanks, stellten den Antrieb vonDiesel– auf Elektromotoren um und tauchten. Dabei blieben Tauchtiefe und
–dauer, Geschwindigkeit und Aktionsradius eng begrenzt. Bewaffnet waren die „grauen Wölfe“ mit Torpedos.

Die deutschen U-Boote versenkten im Frühjahr 1915 gerade ein halbes Prozent der Handelsschiffe, die in britische Häfen einliefen oder von dort in See stachen.

1198 Menschen starben jedoch, als „U 20“ am Nachmittag des 7. Mai 1915 beim Kap Old Head of Kinsale an der irischen Südostküste den britischen Luxusdampfer „Lusitania“ torpedierte. Das Schiff versank innerhalb einer Viertelstunde; von den 2000 Passagieren und Besatzungsmitgliedern konnten weniger als die Hälfte gerettet werden. 128 Amerikaner waren unter den Toten, obwohl der deutsche Botschafter in den USA die Passagiere vor dem Auslaufen in New York auf die Gefahr hatte hinweisen lassen. Als US-Präsident Woodrow Wilson vom Deutschen Reich verlangte, die Versenkung des Passagierdampfers als Rechtsbruch anzuerkennen und Schadenersatz zu leisten, trat Außenminister William Bryan zurück, weil er befürchtete, dass die Vereinigten Staaten von Amerika durch Wilsons ultimative Forderungen in den Krieg verstrickt werden könnten. Die Deutschen beriefen sich darauf, die „Lusitania“ habe auch Kriegsmaterial an Bord gehabt. Am 6. Juni verbot Kaiser Wilhelm II. jedoch insgeheim, weiterhin Passagierschiffe ohne Vorwarnung zu versenken. Vertraulich wurde Wilson über diese Anordnung unterrichtet.

Erster Weltkrieg: Kolonien
Britische und französische Truppen besetzten Togo (Kapitulation am 26. August 1914) und eroberten Kamerun (Kapitulation am 18. Februar 1916). Vergeblich verlangte der Burengeneral Christiaan Rudolph Dewet (1854 – 1922) von seiner Regierung, Partei für das Deutsche Reich zu ergreifen. Er selbst stellte sich mit einigen tausend Afrikaanders den Deutschen in Südwestafrika zur Verfügung. Aber südafrikanische Truppen überwältigten die Rebellen und besetzten die deutsche Kolonie (Kapitulation am 9. Juli 1915). In Ostafrika konnte Oberst Paul von Lettow-Vorbeck (1870 – 1964) allerdings trotz britischer, belgischer, portugiesischer und südafrikanischer Angriffe nicht zur Kapitulation gezwungen werden; wenn er sich auch gegen Ende des Krieges mit seiner kleinen Truppe nach Moçambique (November 1917) und Rhodesien (September 1918) zurückziehen musste.Samoa und Deutsch-Neuguinea wurden im Herbst 1914 von neuseeländischen und australischen Streitkräften besetzt. Die übrigen deutschen Kolonien in der Südsee eigneten sich die Japaner an, und Tsingtao kapitulierte nach kurzer japanischer Belagerung am 7. November 1914.Die Japaner griffen in den Krieg ein, um im Windschatten der Ereignisse die eigene imperiale Machtstellung im Fernen Osten auszubauen. Am 18. Januar 1915 verlangten sie von der Regierung in Peking, ein japanisches Protektorat anzuerkennen, aber unter britischem Druck musste Japan darauf verzichten, China unmittelbar zu kontrollieren und stattdessen versichern, die Souveränität des chinesischen Reiches zu respektieren (Lansing-Ishii-Vertrag, 2. November 1917).
Erster Weltkrieg: 1915
Im Frühjahr 1915 verhandelte Italien mit der Entente und den Mittelmächten zugleich. Österreich zeigte sich schließlich bereit, als Preis für die italienische Neutralität das Trentino anzubieten. Die Alliierten warben für eine italienische Beteiligung am Krieg und stellten dafür nicht nur Südtirol in Aussicht, sondern darüber hinaus Triest, Istrien, Norddalmatien und afrikanische Kolonialgebiete. Die italienische Regierung ließ sich vom sacro egoismo leiten und schloss am 26. April 1915 in London ein Geheimabkommen mit England und Frankreich. Am 3. Mai kündigte das italienische Königreich mit sofortiger Wirkung seine Mitgliedschaft im Dreibund auf; drei Wochen später folgte die Kriegserklärung an Österreich-Ungarn (23. Mai). Im Juni begannen die italienisch-österreichischen Kämpfe am Isonzo, einem in den Julischen Alpen entspringenden Adria-Zufluss (Isonzoschlachten, 1915 – 1917). Am 28. August 1915 erklärte Italien auch dem Deutschen Reich den Krieg.Weder die deutsche Ypernoffensive (22. April – 25. Mai 1915) noch die französischen Offensiven in der Champagne und im Artois (16. Februar – 19. März, 9. Mai, 18. Juni, 22. September – 14. Oktober) veränderten den Verlauf der Westfront.Nachdem die Russen am 22. März 1915 die galizische Festung Przemysl erobert hatten, verlegte Falkenhayn starke Kräfte an die Ostfront und begann dort am 2. Mai mit einer groß angelegten Sommeroffensive (Mai – September). Die neugebildete 11. Armee unter August von Mackensen (1849 – 1945) durchbrach in Galizien die russischen Linien (Schlacht von Gorlice und Tarnow, 2./3. Mai). Die Russen wurden manchenorts fast fünfhundert Kilometer weit zurückgeworfen, und am Ende der Offensive standen die deutschen Soldaten in Galizien, Polen, Litauen und Kurland.

An den Meerengen versuchten die West-Alliierten, eine weitere Front zu schaffen und den Seeweg für Nachschublieferungen an ihre russischen Verbündeten gewaltsam zu öffnen. Ein britisch-französischer Flottenangriff scheiterte am 18. März 1915. Am 25. April 1915 landete ein 75 000 Mann starkes britisch-französisches Expeditionskorps auf der Halbinsel Gallipoli, aber nach schweren Verlusten zog es sich am 9. Januar 1916 wieder zurück.

Die von König Konstantin I. gewahrte griechische Neutralität missachtend, landeten alliierte Streitkräfte am 5. Oktober 1915 in Saloniki, um in die bevorstehenden Kämpfe auf dem Balkan einzugreifen.

Der österreichische Angriff auf Serbien war Ende 1914 gescheitert. Am 7. Oktober 1915 begannen deutsche und österreichisch-ungarische Truppen einen neuen Feldzug gegen Serbien zu führen. Die Bulgaren hatten sich am 6. September 1915 den Mittelmächten angeschlossen (Viererverband); am 14. Oktober erklärten sie dem serbischen Königreich den Krieg und beteiligten sich an den militärischen Auseinandersetzungen. Die Alliierten konnten nicht verhindern, dass die Mittelmächte im Winter 1915/16 Serbien, Montenegro und Albanien eroberten.

Erster Weltkrieg: Naher Osten
Der Weg von Berlin nach Konstantinopel war frei. Die Deutsche Reichsbahn richtete eine regelmäßige Zugverbindung zwischen den beiden Metropolen ein: Am Morgen des 14. Januar 1916 fuhr der erste Balkanexpress in Berlin ab; über Dresden, Prag, Wien, Budapest, Belgrad, Sofia erreichte er am Abend des übernächsten Tages Konstantinopel.Am 29. April 1916 kapitulierte das britische Expeditionskorps in Mesopotamien, und zehntausend Briten gerieten in türkische Kriegsgefangenschaft. Colmar Freiherr von der Goltz („Goltz-Pascha“, 1843 – 1916) hatte die siegreiche 6. türkische Armee kommandiert, bis er am 19. April an Fleckfieber gestorben war.Trotz der Niederlage verständigten sich die Briten heimlich mit den Franzosen darüber, die osmanischen Territorien im Nahen Osten in eine britische und eine französische Interessensphäre aufzuteilen (Sykes-Picot-Abkommen, 16. Mai 1916).

Die Engländer wiegelten Araber gegen die osmanische Herrschaft auf und setzten dabei besonders auf die Rivalen Ibn Saud und Husain Ibn Ali.

Das Haus Ibn Saud, das die streng puritanische Auffassung der Wahabiten vertrat, war 1883 aus Zentralarabien vertrieben worden und hatte in Kuweit Zuflucht gefunden. Von dort aus hatte sich Abd Al Asis III. Ibn Saud (1880 – 1953) nach der Jahrhundertwende angeschickt, das zentralarabische Reich seiner Vorfahren zurückzuerobern. Er nahm Ar Rijad und das Emirat Nadschd ein, musste allerdings zunächst die osmanische Suzeränität anerkennen. Die Briten sicherten Ibn Saud am 26. Dezember 1915 vertraglich zu, die Unabhängigkeit seiner Herrschaft zu respektieren.

Husain Ibn Ali (um 1835 – 1931) stammte aus der Haschimiden-Dynastie. Seit 1908 beherrschte er Mekka und das umliegende Land (Hedschas). 1915/16 führte Husain einen Briefwechsel mit Sir Henry McMahon (1862 – 1949), dem britischen Hochkommissar in Ägypten, über einen gemeinsamen Kampf gegen die Osmanen und die britische Anerkennung seiner vollen Souveränität. Im Mai 1916 knüpfte ein britischer Geheimdienstagent Kontakte mit ihm an: Thomas Edward Lawrence („Lawrence von Arabien“, 1888 – 1935). Der britische Archäologe hatte sich von 1912 bis zum Ausbruch des Krieges an verschiedenen Ausgrabungen im Nahen Osten beteiligt und war dann in den Dienst des britischen „Arab Bureau“ in Kairo getreten. Er befreundete sich mit Faisal I. Ibn Husain (1883 – 1933), dem dritten Sohn des Haschimiden-Herrschers, und kämpfte mit diesem gegen die osmanische Herrschaft in Arabien. Husain Ibn Ali beanspruchte ab Ende 1916 den Titel eines „Königs der arabischen Länder“.

Erster Weltkrieg: 1916
Obwohl das Vereinigte Königreich ein Heer von zweieinhalb Millionen Freiwilligen aufgestellt hatte, eine Streitmacht, in der neben den Briten auch Kanadier, Inder, Australier und Neuseeländer kämpften, musste 1916 in England die allgemeine Wehrpflicht eingeführt werden (Parlamentsbeschluss am 24. Mai 1916).Die Briten rüsteten zunehmend Handelsschiffe mit getarnten Kanonen aus und lockten damit deutsche U-Boote in die Falle. Am 11. Februar 1916 kündigte deshalb die deutsche Marineleitung an, dass sie bewaffnete Handelsschiffe ebenso wie Kriegsschiffe ohne Vorwarnung angreifen werde.Vergeblich hatte Großadmiral Alfred von Tirpitz (1849 – 1930) versucht, einen noch schärferen U-Boot-Krieg gegenüber der politischen Führung durchzusetzen. Am 12. März 1916 reichte er als Leiter des Reichsmarineamtes seinen Rücktritt ein; zu seinem Nachfolger ernannte der Kaiser den sechzigjährigen Eduard von Capelle.

Am 18. März 1916, in einer Rede vor dem Reichstag, warnte Bethmann-Hollweg erneut davor, dass ein unbeschränkter U-Boot-Krieg die Amerikaner veranlassen könne, in den Krieg gegen Deutschland einzugreifen („Man wird uns erschlagen wie einen tollen Hund!“).

Am 18. April drohte US-Präsident Woodrow Wilson, die diplomatischen Beziehungen zum Deutschen Reich abzubrechen. Daraufhin wurde in Berlin beschlossen, die Prisenordnung wieder einzuhalten (24. April 1916). In einer Note versicherte die deutsche Regierung den Vereinigten Staaten am 4. Mai 1916, Handelsschiffe der Gegner allenfalls zu versenken, nachdem die Passagiere in Sicherheit gebracht worden seien.

Am 31. Mai 1916 lief die deutsche Hochseeflotte nach Norwegen aus. Die Briten hatten am Vortag aus aufgefangenen und decodierten Funksprüchen von der deutschen Absicht erfahren und die Grand Fleet in Bewegung gesetzt. Vor dem Skagerrak lieferten sich die beiden Flotten eine zwölfstündige Seeschlacht, die trotz der zahlenmäßigen Überlegenheit der Briten bei hereinbrechender Dunkelheit nicht entschieden war. In der Nacht suchte die deutsche Flotte die Heimathäfen auf; die Grand Fleet wagte es nicht, sie zu verfolgen. 6800 britische und 3000 deutsche Seeleute waren gefallen, mehr Schiffe als die Deutschen hatten die Briten verloren, aber es war der deutschen Hochseeflotte nicht gelungen, die blockierten Nordseeausgänge aufzubrechen, geschweige denn die britische Seeherrschaft in Frage zu stellen.

1916 suchte die Oberste Heeresleitung die Entscheidung erneut an der Westfront zu erzwingen. Falkenhayn ging davon aus, dass die Franzosen die Festung Verdun – einen Eckpfeiler ihres Befestigungssystems – nicht aufgeben konnten und wollte sie dort in einer gewaltigen Abnutzungsschlacht „ausbluten“ lassen.

Am 21. Februar 1916 begann der Kampf um Verdun. Auf engstem Raum lagen sich bald eineinhalb Millionen Soldaten gegenüber und beschossen sich mit allem, was sie an Munition nachgeliefert bekamen („Hölle von Verdun“). Nach vier Monaten waren die Deutschen zwei Kilometer näher an Verdun herangekommen! Vom 11. Juli an verzichtete Falkenhayn auf weitere Angriffe. Im Herbst begannen die Franzosen, das verlorene Terrain zurückzuerobern. Am 15. Dezember endete der Kampf um Verdun. 360 000 Franzosen und 335 000 Deutsche waren gefallen.

Um die Deutschen von Verdun abzulenken, hatten englisch-französische Streitkräfte am 24. Juni 1916 mit einer groß angelegten Offensive an der Somme begonnen. Nach einwöchigem Artilleriefeuer war am 1. Juli die Infanterie vorgerückt. Auf einer Breite von fünfzig Kilometern hatten die Alliierten die Deutschen zwölf Kilometer weit zurückgedrängt. Auch diese Offensive hatte sich festgebissen, und am 28. November 1916 war die Schlacht an der Somme abgebrochen worden. Eine Million Tote hatte sie gefordert.

Nach den gescheiterten Vorhaben wurden sowohl in Deutschland als auch in Frankreich die militärischen Führungen ausgewechselt. Am 29. August 1916 übernahmen Hindenburg und Ludendorff Falkenhayns Aufgaben in der Obersten Heeresleitung. Joseph Jacques Césaire Joffre wurde am 3. Dezember als Oberbefehlshaber der französischen Streitkräfte von Georges Robert Nivelle abgelöst.

Rascher als erwartet hatten sich die Russen von dem Schlag im Sommer 1915 erholt. Am 4. Juni 1916 griff General Aleksei Alexejewitsch Brussilow (1853 – 1926) in Südwestrussland auf einer Breite von 250 Kilometern die deutsch-österreichischen Stellungen an (Brussilow-Offensive, Juni – Dezember 1916).Während der bayerische Generaloberst Felix Graf von Bothmer (1852 – 1937) mit seinen Truppen standhielt, wichen die Österreicher zurück. Als es den Russen gelang, die rumänische Regierung zu zwingen, Österreich-Ungarn den Krieg zu erklären (27. August) und in Siebenbürgen einzugreifen, drohte die Doppelmonarchie vollends zusammenzubrechen. Deutschen Streitkräften gelang es noch einmal, die Lage zu stabilisieren. Gegen Ende des Jahres erlahmten die Aktionen der Russen, weil ihnen das Material ausging. Auch die Westalliierten waren nicht in der Lage, den dringend benötigten Nachschub zu liefern, da die Ostsee und die Meerengen von den Mittelmächten kontrolliert wurden.

Während der Brussilow-Offensive verfielen die Deutschen auf die Idee, den Polen einen autonomen Staat in Aussicht zu stellen, um polnische Hilfstruppen für den Krieg gegen Russland zu gewinnen. Am 5. November 1916 proklamiertenKaiser Wilhelm II. und Kaiser Franz Joseph I. das Königreich Polen, das nach dem Krieg innerhalb noch festzulegender Grenzen die Souveränität übertragen bekommen sollte. Joséf Klemens Pilsudski (1867 – 1935), der in der „Polnischen Legion“ mit den Österreichern gegen Russland gekämpft hatte, um sein Land von der Fremdherrschaft zu befreien, durchschaute allerdings die wahren Absichten der Mittelmächte und gab sich mit dem Erreichten nicht zufrieden.

Erster Weltkrieg: Friedenssondierungen
Am 12. Dezember 1916 bot Reichskanzler Theobald von Bethmann-Hollweg der Entente im Namen der Mittelmächte förmlich Friedensverhandlungen an. US-Präsident Woodrow Wilson (1856 – 1924) war am 7. November wieder gewählt worden; und sowohl Wien als auch Berlin wollten einer von ihm nun erwarteten Friedensinitiative zuvorkommen. Das Deutsche Reich und seine Verbündeten schlugen den Gegnern vor, über einen Friedensvertrag zu verhandeln. Konkrete Friedensbedingungen nannten sie nicht, betonten aber ihre „unüberwindliche Kraft“, die „gewaltigen Erfolge“ und ihren Willen, „den ihnen aufgezwungenen Kampf nötigenfalls bis zum Äußersten fortzusetzen“. Die Deutschen waren noch immer zuversichtlich; sie glaubten, den Krieg gewinnen zu können, wenn sie nur alle Kräfte anspannten. Paris und London wären jedoch auf keinen Fall bereit gewesen, auf den Vorschlag einzugehen: Obwohl deutsche Truppen noch immer tief in Frankreich standen und die alliierten Vorstöße an allen Fronten gescheitert waren, meinten die Westmächte, dass die Zeit für sie arbeitete. In einer gemeinsamen Note lehnte die Entente deshalb am 10. Januar 1917 das Angebot der Mittelmächte ab.Woodrow Wilson sprach sich in seiner Jahresbotschaft an den Senat für einen „Frieden ohne Sieg“ aus (22. Januar 1917).Am 21. November 1916 war Kaiser Franz Joseph I. gestorben, und sein Großneffe, Kaiser Karl I., wollte den Krieg so rasch wie möglich beenden. Im Frühjahr 1917 versuchte er heimlich, mit der Entente ins Gespräch zu kommen und nutzte dafür die Familienbeziehungen seiner Frau Zita, deren Bruder Sixtus von Bourbon-Parma (1886 – 1934) als Offizier in der belgischen Armee diente. In einem Brief an Raymond Poincaré versicherte Karl I. am 24. März 1917, er werde sich für die Rückgabe von Elsass-Lothringen an Frankreich und die Wiederherstellung Belgiens einsetzen. Aber die Italiener wären nicht bereit gewesen, einem Sonderfrieden mit Österreich-Ungarn zuzustimmen (Konferenz von St. Jean de Maurienne, April 1917). Als das Schreiben später veröffentlicht wurde, geriet der österreichische Kaiser in eine peinliche Situation (Sixtus-Affäre, April 1918).
Erster Weltkrieg: 1917
Am 9. Januar 1917 beschloss der deutsche Kronrat, den uneingeschränlcten U-Boot-Krieg ab 1. Februar wieder aufzunehmen. Die Militärs hatten sich gegenüber der politischen Führung durchgesetzt, weil sie behaupteten, damit innerhalb eines halben Jahres die Briten niederringen zu können. Am 3. Februar versenkte ein deutsches U-Boot die amerikanische „Housatonic“. Daraufhin brachen die Vereinigten Staaten von Amerika die diplomatischen Beziehungen zum Deutschen Reich ab.Am 1. März veröffentlichte der britische Geheimdienst eine Depesche Arthur Zimmermanns (1864 – 1940) an die mexikanische Regierung (Zimmermann-Depesche vom 19. Januar 1917). Der Staatssekretär im Auswärtigen Amt hatte Mexiko nahegelegt, sich auf der Seite der Mittelmächte am Krieg zu beteiligen.US-Präsident Woodrow Wilson gab am 2. April im Kongress eine Erklärung ab, derzufolge sich die Amerikaner nicht länger aus dem Krieg in Europa heraushalten könnten, und die Abgeordneten stimmten ihm zu: Am 6. April 1917 erklärten die USA dem Deutschen Reich den Krieg.

Im Frühjahr 1917 nahm die Oberste Heeresleitung die Westfront zwischen Arras und Soissons auf eine verkürzte (über St. Quentin und La Fère verlaufende) und vorher sorgfältig ausgebaute Verteidigungslinie zurück („Siegfriedstellung“). Vergebens rannten die Alliierten im April und Mai dagegen an.

Britische Soldaten versuchten im Sommer und im Herbst vergeblich, das westliche Belgien zurückzuerobern (Flandernschlacht, 7. Juni / 31. Juli – 10. November 1917). Im November durchbrachen britische Panzer zwar deutsche Stellungen bei Cambrai (Tankschlacht bei Cambrai, 20. – 30. November), aber die Deutschen eroberten innerhalb einer Woche das verlorene Terrain zurück.

Die deutschen U-Boote versenkten zwar mehr Schiffe, als die militärische Führung Anfang 1917 in Aussicht gestellt hatte, doch die Briten glichen die Verluste durch Neubauten aus. Ab Mai 1917 zogen die Alliierten ihre den Atlantik überquerenden Schiffe zu größeren Verbänden zusammen (Konvoi-System), um U-Boot-Attacken besser abwehren zu können. Trotz des unbeschränkten U-Boot-Krieges war Großbritannien im Sommer 1917 nicht am Boden.

Die deutschen U-Boote konnten auch nicht verhindern, dass amerikanische Soldaten ab 26. Juni in Frankreich landeten und die USA direkt in den Krieg eingriffen.

Der griechische König Konstantin I. gab am 12. Juni 1917 dem anhaltenden Druck der Briten und Franzosen nach, trat zurück und ging ins Exil. Der 1915 vom König entlassene Ministerpräsident Eleftherios Venizelos (1864 – 1936), der bereits am 16. Oktober 1916 eine provisorische Regierung ausgerufen hatte, kehrte in das Amt zurück und erklärte den Mittelmächten den Krieg.

Erster Weltkrieg:
Führungswechsel in Paris und London
Als sich der Krieg immer länger hinzog und ein Ende – geschweige denn ein Sieg – nicht abzusehen war, nahmen in London und Paris starke Männer die Zügel in die Hand:David Lloyd George (1863 – 1945), der nach dem Tod Horatio Herbert Kitcheners (1850 – 1916) am 5. Juni 1916 als Kriegsminister berufen wurde, erläuterte am 28. September 1916 gegenüber Journalisten, dass das Deutsche Reich mit aller Macht niedergerungen werden müsse („Knockout-Interview“). Mit Hilfe konservativer Anhänger gelang es ihm, Herbert Asquith (1852 – 1928) aus dem Amt zu drängen und selbst vom König mit der Regierungsneubildung beauftragt zu werden: Am 7. Dezember 1916 stellte er sein aus Konservativen und Liberalen zusammengesetztes „Kriegskabinett“ vor. Durch staatliche Maßnahmen erzwang Lloyd George die harte Anspannung aller Kräfte zur Kriegsführung gegen die Mittelmächte.An der Westfront begannen nach der gescheiterten Offensive Anfang Mai 1917 französische Einheiten zu meutern. Daraufhin wurde George Nivelle am 15. Mai als Oberbefehlshaber der französischen Streitkräfte von Philippe Pétainabgelöst, dem einundsechzigjährigen „Retter von Verdun“. Der griff hart durch, um die Disziplin wiederherzustellen. Mehr als fünfhundert Todesurteile wurden verhängt.

Am 20. März 1917 übernahm Alexander Ribot das Amt des französischen Ministerpräsidenten von Aristide Briand, musste aber seinerseits am 7. September 1917 zurücktreten. Sein Nachfolger, Paul Painlevé, wurde am 13. November gestürzt, und am 15. November beauftragte der Staatspräsident den früheren Ministerpräsidenten George Clemenceau (1841 – 1929) mit der Regierungsbildung. Clemenceau ging energisch gegen den Defätismus vor und kämpfte entschlossen für den französischen Sieg.

Erster Weltkrieg:
Kontroversen im Deutschen Reich, 1917
Die staatliche Führung in Berlin war zu Beginn des Ersten Weltkrieges überzeugt gewesen, einen notwendigen Verteidigungskrieg zu führen. Nachdem Millionen von Soldaten gefallen waren, verbreitete sich jedoch die Auffassung, dass es Frieden nur dann geben dürfe, wenn die gewaltigen Opfer durch entsprechende Entschädigungen und Annexionen gerechtfertigt werden könnten (Kreuznacher Programm, Frühjahr 1917).Heftig protestierte die USPD gegen die Fortsetzung des Krieges und die Vorstellungen von einem „Siegfrieden“. Die – von Hugo Haase (1863 – 1919) und Wilhelm Dittmann (1874 – 1954) geführte – Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands hatte sich im April 1917 konstituiert (Tagung in Gotha, 6. – 8. April 1917). Initiiert worden war die Parteigründung von achtzehn ehemaligen SPD-Abgeordneten, die am 24. März des Vorjahres eine eigene Reichstagsfraktion („Sozialdemokratische Arbeitsgemeinschaft“) gebildet hatten, weil sie nicht länger für die Bewilligung der geforderten Kriegskredite votieren wollten.Sozialistische Parteien hatten im September 1915 auf einem internationalen Treffen in Zimmerwald bei Bern beschlossen, in ihren Heimatländern gegen den Krieg zu protestieren, und bei einer weiteren Zusammenkunft im April 1916 in Kiental bei Bern waren die Sozialisten für Friedensverträge ohne Annexionen und Kontributionen eingetreten.

Angesichts der Opfer und Anstrengungen aller Gesellschaftsschichten sah Kaiser Wilhelm II. ein, dass das preußische Dreiklassenwahlrecht nicht mehr unverändert beibehalten werden konnte. In seiner Osterbotschaft vom 7. April 1917 versprach er deshalb, nach dem Krieg das preußische Wahlrecht zu reformieren. Die halbherzige kaiserliche Osterbotschaft konnte jedoch nicht verhindern, dass die Kriegsunlust der Bevölkerung weiter zunahm. Am 16. und 17. April 1917 streikten Hunderttausende von Arbeitern im Deutschen Reich, um für den Frieden zu demonstrieren.

Gegen den erklärten Willen der Reichsregierung verabschiedete der Reichstag am 19. Juli 1917 eine Resolution, in der er sich für einen Verständigungsfrieden aussprach und Annexionen und Kontributionen verwarf.

In einer offiziellen Note bot Papst Benedikt XV. am 1. August 1917 an, zwischen den Krieg führenden Mächten zu vermitteln. Seine Bemühungen scheiterten jedoch, weil die Entente auf Gebietsforderungen gegenüber den Mittelmächten nicht verzichten wollte und das Deutsche Reich nicht bereit war, die Wiederherstellung eines unabhängigen belgischen Staates vorab zu garantieren.

Am 2. August gingen in Wilhelmshaven Matrosen der „Prinzregent Luitpold“ unerlaubt von Bord ihres Schiffes, um eine Protestversammlung gegen die Weiterführung des Kriegs zu veranstalten. Als Rädelsführer wurden die beiden Heizer Albin Köbis (1892 – 1917) und Max Reichpietsch (1894 – 1917) am 5. September standrechtlich erschossen.

Um mit Plakaten und Flugblättern, auf Versammlungen und Kundgebungen gegen einen Frieden ohne deutsche Annexionen („Verzichtfrieden“) zu agitieren, wurde am 3. September 1917 die „Deutsche Vaterlandspartei“ gegründet.

Die Auseinandersetzung über die Frage, ob der Krieg so rasch wie möglich zu beenden oder fortzusetzen sei, verschärfte sich und führte auch dazu, dass innerhalb eines halben Jahres zweimal der Reichskanzler ausgewechselt wurde: Am 14. Juli 1917 nahm Theobald von Bethmann-Hollweg seinen Abschied, und sein Nachfolger Georg Michaelis machte am 1. November Platz für Georg Graf von Hertling.

Oktoberrevolution
Nach der russischen Revolution von 1905, in der „Ära des Scheinkonstitutionalismus“ (1906 – 1917), hatte Ministerpräsident Pjotr Stolypin jegliche Opposition gegen das Zarenregime unterdrückt und Tausende von Verdächtigen hängen lassen („stolypinische Krawatte“). Sechs Attentate auf den russischen Regierungschef waren gescheitert, aber am 16. September 1911 erlag er den Schussverletzungen, die ihm vier Tage zuvor in einem Theater in Kiew zugefügt worden waren.Am 30. Dezember 1916 wurde der „heilige Teufel“ Grigorij Rasputin (1871 – 1916) ermordet. Der sibirische Bauernsohn hatte sich als angeblich wundertätiger Mönch von 1905 an trotz seines skandalösen Lebenswandels das Vertrauen der Zarin erworben. Alexandra Fjodorowna (1872 – 1918), eine geborene Prinzessin von Hessen-Darmstadt und Enkelin der Königin Viktoria, hatte sich von Rasputin erhofft, dass er ihren Sohn Alexej von der Hämophilie befreien könne. Da sie ihrerseits den Zaren beherrschte, war es Rasputin gelungen, durch skrupellose Intrigen die (Personal-)Politik des Hofes maßgeblich zu beeinflussen.Auch in Russland verlangte der Krieg von allen Gesellschaftsschichten große 0pfer, aber der Zar war nicht bereit, die Verfassung zu reformieren, wie es allgemein von ihm gefordert wurde. Wofür aber sollte das russische Volk kämpfen, wenn ihm alle demokratischen Rechte vorenthalten blieben?! Als die zuversichtlich begonnene Brussilow-Offensive Ende 1916 zusammenbrach, verbreitete sich eine defätistische Einstellung unter den Soldaten, und die Arbeiter in den Rüstungsbetrieben legten wiederholt die Arbeit nieder.

In Petrograd – so hieß Sankt Petersburg seit Kriegsbeginn – begann eine Streikbewegung, die zur Rebellion anschwoll. Soldaten, die dazu abkommandiert wurden, den Aufstand niederzuschießen, verbrüderten sich mit den demonstrierenden Arbeitern (Februarrevolution, 8. – 16. März 1917; nach russischem Kalender: 23. Februar – 3. März).

Als der Zar sich weigerte, die Duma einzuberufen, bildete diese am 12. März spätabends ohne seine Zustimmung ein Vollzugs-Komitee und setzte am 14. März eine provisorische Regierung unter dem liberalen Fürsten Gregori Jewgenjewitsch Lwow (1861 – 1925) ein. Im anderen Flügel des Taurischen Palastes versammelten sich am 12. März die Delegierten der inzwischen von den Belegschaften der Fabriken und Soldaten der Garnisonen in Petrograd gewählten Arbeiter- und Soldatenräte (Sowjets), konstituierten sich neben der Duma als revolutionäres Parlament und bildeten ebenfalls eine provisorische Exekutive.

Ohne sich mit der Duma-Regierung abzustimmen, trat der Petrograder Arbeiter- und Soldatenrat am 14. März für einen Frieden ohne Annexionen und Kontributionen ein. Die russischen Soldaten forderte er in seinem Nachrichtenblatt („Iswestija“) auf, in allen Einheiten Komitees zu wählen und das Offizierskorps zu entmachten.

Am 15. März dankte Zar Nikolaus II. zugunsten seines Bruders Michail Alexandrowitsch ab, der seinerseits am Tag darauf erklärte, die Krone nur zu übernehmen, wenn eine konstituierende Nationalversamlung dies wolle.

Alexandr Fjodorowitsch Kerenski (1881 – 1970), der sowohl in der provisorischen Regierung Lwow als auch im Petrograder Sowjet mitarbeitete, vermittelte zwischen den rivalisierenden Institutionen im Taurischen Palast. Am 15. März verständigten sich diese darauf, dass der Zar abgesetzt sei; eine verfassunggebende Nationalversammlung wollten sie einberufen und bis dahin die von der Duma gebildete Regierung anerkennen.

Wladimir Iljitsch Lenin (1870 – 1924) war 1907 erneut emigriert. 1912 hatte er sich mit den Bolschewisten endgültig von den Menschewisten getrennt, eine eigene Parteiführung gebildet und die „Prawda“ (Wahrheit) als offizielles Parteiorgan gegründet. Nach dem liberalen Umsturz im März 1917 brannte er darauf, die bolschewistische Revolution in Russland durchzuführen. Da man sich in Berlin von einer Fortsetzung der russischen Revolution eine militärische Entlastung an der Ostfront versprach, ermöglichte die deutsche Regierung es Lenin, im April 1917 mit dreißig Gefolgsleuten aus der Schweiz nach Skandinavien zu reisen. Während der Bahnfahrt durch Deutschland durfte die Gruppe allerdings mit niemandem Kontakt aufnehmen.

Am 16. April 1917 stieg Lenin am Finnischen Bahnhof in Petrograd aus dem Zug. Sogleich verlangte er von seinen Anhängern, alle Befugnisse dem Petrograder Sowjet zu übertragen („Alle Macht den Räten!“) und die provisorische Regierung nicht länger zu unterstützen (April-Thesen, 17. April 1917). Ein bolschewistischer Aufstand im Juli brach allerdings nach wenigen Tagen zusammen (16. – 20. Juli 1917). Lenin floh nach Finnland und hauste dort monatelang in einer primitiven Hütte.

Nachdem Außenminister Pawel Nikolajewitsch Miljukow am 9. April hatte verlauten lassen, dass er die Meerengen annektieren wolle, musste Fürst Lwow am 16. Mai seine Regierung umbilden. Der bisherige Justizminister Kerenski übernahm das Kriegsministerium. Als Lwow sich schließlich in Fragen der Agrarpolitik mit seinem Kabinett überwarf, trat er am 20. Juli selbst zurück und überließ Kerenski das Amt des Regierungschefs.

Wenn das Zarenregime beseitigt sei, so hatten die Russen gehofft, werde der Krieg in ihrem Land zu Ende gehen. Aber die provisorische Regierung schloss keinen Frieden, sondern ordnete neue Offensiven an (2. Brussilow-Offensive, 29. Juni – 7. Juli; Kerenski-Offensive, 31. Juli – 9. August). Dennoch drangen die Deutschen im Baltikum Anfang September weiter nach Osten vor. General L. G. Kornilow (1870 – 1918) gab Riga den Deutschen preis, denn der neue Oberbefehlshaber der russischen Streitkräfte wollte die russische Bedrängnis als Plattform für einen rechtsgerichteten Staatsstreich nutzen (Kornilow-Putsch, 9. September 1917).

Die Bolschewisten verschafften sich Waffen aus Rüstungsbetrieben und stellten eine „Rote Garde“ auf. Matrosen aus Kronstadt eilten nach Petrograd. Eisenbahner blockierten Züge mit Kornilow-Anhängern. Hilflos sah die provisorische Regierung zu, wie die äußerste Rechte und die extreme Linke um die Macht rangen. Kornilow unterlag und floh zu den Donkosaken nach Südrussland. Die Bolschewisten triumphierten; mit seinem Putschversuch hatte ihnen Kornilow den Weg zum Erfolg bereitet.

Am 23. Oktober 1917 kehrte Lenin heimlich nach Petrograd zurück, um mit den Bolschewisten die Macht zu ergreifen. Am Abend des 7. November (25. Oktober nach dem russischen Kalender) eröffnete der russische Panzerkreuzer „Aurora“ mit einem symbolischen Schuss auf das Winterpalais in Petrograd die Oktoberrevolution. In der Nacht besetzten Rotgardisten die strategischen Schlüsselpositionen in der Stadt. Kerenski floh. Ohne größeres Blutvergießen rissen die Bolschewisten die Herrschaft an sich.

Geführt wurden die Rotgardisten am 7. und 8. November von Leo Dawidowitsch Trotzki (1879 – 1940). Der geistige Führer des Petersburger Arbeitersowjets von 1905 war im Mai 1917 aus dem Exil zurückgekehrt, um an der Spitze des „Militär-Revolutionären Komitees“ die bolschewistische Machtergreifung vorzubereiten.

Am 7. November, spätabends, trat der Zweite Allrussische Sowjetkongress in Petrograd zusammen. Die menschewistischen und sozialrevolutionären Delegierten protestierten gegen die bolschewistische Machtergreifung („ein Verbrechen gegen das Vaterland und die Revolution“) und verließen den Sitzungssaal. Trotzki rief ihnen nach: „Eure Rolle ist ausgespielt, schert euch hin, wo ihr von nun an hingehört – auf den Kehrichthaufen der Geschichte!“ Die verbliebenen Abgeordneten schufen am 8. November als neues Regierungsorgan den „Rat der Volkskommissare“, wählten Lenin zu dessen Vorsitzenden und Trotzki als Kommissar für auswärtige Angelegenheiten. Der Sowjetkongress bot allen Krieg führenden Nationen einen Frieden ohne Annexionen und Kontributionen an („Dekret über den Frieden“, 8. November) und enteignete die Großgrundbesitzer („Dekret über Grund und Boden“, 8. November).

Die Bolschewisten liquidierten den alten Machtapparat der zaristischen und der bürgerlichen Regierungen und setzten am 21. Dezember 1917 eine „Außerordentliche Kommission“ (Tschrewytschajnaja Komisija; abgekürzt: Tscheka) ein, um konterrevolutionäre Bestrebungen zu unterdrücken.

Als die Russen am 8. Dezember 1917 eine verfassunggebende Nationalversammlung wählten, erhielten die Bolschewisten lediglich ein Viertel der Mandate. Am 18. Januar 1918 trat die Konstituante zusammen. Die Mehrheit der Versammelten wollte die Macht der Sowjetregierung durch eine neue Verfassung beschränken. Am folgenden Tag löste der Rat der Volkskommissare das Parlament auf; Rote Garden blockierten den Zugang zum Taurischen Palast und jagten protestierende Bürger auseinander.

Anstelle einer Nationalversammlung befand ein (Dritter) Allrussischer Sowjetkongress (23. – 31. Januar 1918) über die zukünftige Staatsform, gründete die „Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik“ und beschloss den Aufbau der sozialistischen Gesellschaft unter der Diktatur des Proletariats („Deklaration der Rechte des werktätigen und ausgebeuteten Volkes“).

Am 10. Februar 1918 annullierte der Rat der Volkskommissare die von zaristischen und bürgerlichen Regierungen aufgenommenen Staatsanleihen. Vier Tage später wurde der Gregorianische Kalender in Russland eingeführt. Am 6. März ließ Lenin seine Partei in „Russische Kommunistische Partei“ umbenennen. Die Sowjetregierung übersiedelte am 9. März aus dem zaristisch geprägten Petrograd in die alte russische Hauptstadt Moskau. Dort nahm der Fünfte Allrussische Sowjetkongress am 10. Juli 1918 eine sozialistische Verfassung an.

Von der Provisorischen Regierung hatten die russischen Bauern vergeblich Agrarreformen erhofft. Schließlich hatten sie begonnen, sich auf eigene Faust das Land der Gutsherren, der Kirche und des Staates anzueignen. Enttäuschend verlief auch die bolschewistische Agrarreform, die den privaten Landbesitz aufhob. Der Boden sollte neu und gerecht verteilt werden; jeder konnte ein Stück Land bestellen, solange er dies selbst, zusammen mit seiner Familie oder im Verein mit anderen tat und keine bezahlten Arbeitskräfte dabei einsetzte. Wenn aber nicht Millionen von Bauern aus dicht besiedelten Gebieten in einsamere Landesteile umgesiedelt werden sollten, blieben in vielen Gegenden die Äcker unwirtschaftlich klein, zumal der Hunger immer mehr Menschen aufs Land trieb.

Der Frieden von Brest-Litowsk
Anfang Dezember 1917 einigten sich deutsche, österreichische und russische Unterhändler in Brest-Litowsk am Bug darauf, vom 7. Dezember an zehn Tage lang die Kämpfe an der Ostfront einzustellen. Am 15. Dezember wurde der Waffenstillstand verlängert, damit über einen Friedensvertrag verhandelt werden konnte.Wegen der harten Forderungen und der unnachgiebigen Haltung der Mittelmächte verließ die von Trotzki geführte russische Delegation am 10. Februar 1918 Brest-Litowsk; der Krieg sollte zwar beendet sein, aber einen Friedensvertrag wollten die russischen Abgesandten unter diesen Bedingungen nicht unterschreiben. Vergeblich hatte Lenin versucht, Trotzki umzustimmen und ihn dafür zu gewinnen, die von den Deutschen diktierten Friedensbedingungen zu akzeptieren.Mitte Februar lief der vereinbarte Waffenstillstand aus. Am 18. Februar stießen die Mittelmächte weiter nach Osten vor („Eisenbahnvormarsch“), und obwohl die russische Regierung am 19. Februar erklärte, auf verschärfte Friedensbedingungen eingehen zu wollen, wurde der Vormarsch erst einmal nicht beendet. Ohne neu zu verhandeln, unterzeichneten am 3. März 1918 die Beauftragten aus Berlin, Wien und Petrograd in Brest-Litowsk einen Friedensvertrag.

In den russischen Randgebieten unterstützte das Deutsche Reich Unabhängigkeitsbewegungen: Finnland (7. Dezember 1917) und die Ukraine (22. Januar 1918) lösten sich aus dem russischen Staat; im Baltikum bildeten sich 1918 die unabhängigen Republiken Litauen, Lettland und Estland.

Mit der ukrainischen Regierung schlossen die Mittelmächte am 9. Februar 1918 einen Friedensvertrag, der das Agrarland zu Getreidelieferungen verpflichtete („Brotfrieden“). Rote Garden, die am 20. Februar Kiew besetzten, wurden am 1. März von deutschen Truppen vertrieben.

Trotz des Friedensvertrages blieben starke deutsche Einheiten im Osten, um dort die deutsche Herrschaft zu sichern.

Am 26. April 1918 nahmen Moskau und Berlin diplomatische Beziehungen auf.

Am 7. Mai 1918 schlossen die Mittelmächte einen Friedensvertrag mit den Rumänen, die den Deutschen ihre Ölquellen zur Verfügung stellten (Frieden von Bukarest).

Als Russland aus dem Krieg ausschied und die Auslandsschulden nicht mehr zurückzahlte, landeten britische, amerikanische, japanische und italienische Truppenkontingente in Murmansk, Archangelsk, Wladiwostok, und britische Streitkräfte drangen von Persien her in das Gebiet östlich des Kaspischen Meeres vor.

Jenseits des Urals, in Omsk, bildete sich eine national-konservative Gegenregierung unter dem ehemaligen Befehlshaber der russischen Schwarzmeerflotte, Admiral Alexandr Wassiljewitsch Koltschak (1873 – 1920), und die aus österreichischen Überläufern und Kriegsgefangenen zusammengestellte Tschechische Legion – die sich nach der Beendigung des Krieges in den fernöstlichen Häfen nach Europa einschiffen wollte – erhob sich gegen die Sowjetregierung.

Als sich die „Weißen Garden“ dem Ural näherten, ermordeten die Bolschewisten in der Nacht vom 17. Juli 1918 die in Jekaterinburg (Swerdlowsk) gefangen gehaltene Zarenfamilie.

Weitere vertragliche Zugeständnisse presste das Deutsche Reich der Sowjetregierung am 27. August 1918 ab.

 

 

Erster Weltkrieg: Kriegswende 1918

 

Am 8. Januar 1918 entwickelte Woodrow Wilson in seiner Jahresbotschaft an den Kongress in Washington einen Friedensplan („Vierzehn Punkte“). Von den Mittelmächten verlangte er, die russischen, balkanischen, belgischen und französischen Gebiete zu räumen. Elsass-Lothringen sollte Frankreich überlassen werden. Einem unabhängigen polnischen Staat wurde ein eigener Zugang zur Ostsee in Aussicht gestellt. Die Meerengen sollten für die internationale Schifffahrt geöffnet werden. Im Osmanischen Reich und in der k. u. k. Doppelmonarchie wollte der US-Präsident das Selbstbestimmungsrecht der Völker angewendet wissen. Er beschränkte sich nicht auf diese konkreten Friedensbedingungen, sondern regte darüber hinaus eine Neuorientierung der Weltpolitik an: Der Welthandel und die Schifffahrt in internationalen Gewässern sollten nie mehr behindert werden. Wilson schlug vor, die Rüstung zu beschränken, auf die Geheimdiplomatie zu verzichten und einen Völkerbund zu gründen.In der zweiten Januarhälfte und den ersten Februartagen des Jahres 1918 streikten in den deutschen und österreichischen Industriestädten Hunderttausende von Arbeitern, um für eine sofortige Beendigung des Krieges zu demonstrieren.Ohne Rücksicht auf die deutsche Kriegsmüdigkeit versuchte Erich Ludendorff 1918 noch einmal, eine militärische Entscheidung an der Westfront durchzusetzen („die große Schlacht in Frankreich“). Die Oberste Heeresleitung verlegte ihr Hauptquartier am 8. März nach Spa in den Ardennen. Am 18. März griffen die Deutschen die Nahtstelle der französischen und britischen Stellungen zwischen Cambrai und St. Quentin an. In dichtem Nebel rückten die deutschen Infanteristen zunächst so rasch vor, dass sie vorübergehend die Verbindung mit der Artillerie verloren. Jedoch endete die Offensive ohne durchschlagenden Erfolg am 5. April. Vier Tage später durchstießen deutsche Truppen zwar die britischen Stellungen bei Lille (Ypernoffensive, 9. – 29. April), aber eine Kriegswende vermochten sie nicht zu erzwingen. Manfred Freiherr von Richthofen (1892 – 1918), der erfolgreichste deutsche Kampfflieger im Ersten Weltkrieg („der rote Baron“), wurde am 21. April mit seinem Fokker-Dreidecker an der Somme abgeschossen und dabei tödlich verwundet. Auch die letzten deutschen Vorstöße in Nordfrankreich im Sommer 1918 blieben stecken (27. Mai – 6. Juni; 9. – 15. Juni; 15. – 17. Juli).

General Ferdinand Foch (1851 – 1929), dem die Briten und Amerikaner ihre in Frankreich kämpfenden Truppen unterstellt hatten („chef des armées alliés“), setzte am 18. Juli zur Gegenoffensive an. Am 8. August („schwarzer Tag des deutschen Heeres“) durchbrachen englische Panzer die deutschen Stellungen bei Amiens und brachten die Front in Bewegung.

Am 18./19. September 1918 durchbrachen die von Arabern unterstützten Briten die bis dahin von Türken und Deutschen gehaltene Palästinafront bei Jaffa (Palästinaschlacht, 18./19. September 1918). Anfang Oktober kämpfte sichLawrence von Arabien mit arabischen Truppen bis Damaskus vor und vertrieb die Osmanen aus der Stadt. In Arabien, im Nahen Osten und von Griechenland aus wurden die Türken hart bedrängt. Nachdem die Briten und die Franzosen am 29. September 1918 in Saloniki einen Waffenstillstand mit den Bulgaren unterzeichnet hatten, standen ihnen die Häfen und Eisenbahnverbindungen auch dieses Balkanstaates zur Verfügung, und die Verbindung der Türken zu ihren Bündnispartnern riss ab. Am 30. Oktober 1918 legten die Türken die Waffen nieder (Waffenstillstandsabkornmen von Mudros).

Erster Weltkrieg:
Waffenstillstandsgesuch und Oktoberreformen
Am 30. September 1918 reichte Reichskanzler Georg Freiherr von Hertling seinen Rücktritt ein. Er gab damit dem Druck der Obersten Heeresleitung nach, die im Sommer 1918 auch in den Regierungsgeschäften faktisch die Fäden zog.Hindenburg und Ludendorff gaben den Krieg im September 1918 verloren. Sie rechneten damit, dass die Alliierten nur mit einer dem Parlament – und nicht dem Kaiser – verantwortlichen Regierung über einen Waffenstillstand und einen Friedensvertrag verhandeln würden. Deshalb überredeten sie Kaiser Wilhelm II., entsprechende Änderungen des Regierungssystems anzuordnen (Demokratie-Erlass, 30. September 1918). Als neuen Reichskanzler ernannte der Kaiser am 3. Oktober den von der Obersten Heeresleitung vorgeschlagenen Prinz von Baden (3. Oktober – 9. November 1918).Am Vortag (2. Oktober) hatte Major Erich Freiherr von dem Bussche-Ippenburg in Ludendorffs Auftrag die Fraktionsführer des Reichstags schonungslos über die hoffnungslose militärische Lage aufgeklärt. Da die Oberste Heeresleitung noch im Sommer mit einem groß angelegten Propagandafeldzug die Siegeszuversicht der Deutschen zu stärken versucht hatte, löste die abrupte Einsicht in die wirkliche Situation Entsetzen aus.Max von Baden wollte es dennoch vermeiden, durch ein hastiges Waffenstillstands-Angebot die deutsche Schwäche offenzulegen; er verlangte von den Militärs, noch einen Monat durchzuhalten. Aber Ludendorff und Hindenburg bestanden darauf, dass die neue Reichsregierung in der Nacht zum 4. Oktober den amerikanischen Präsidenten bat, auf der Grundlage der „Vierzehn Punkte“ einen Waffenstillstand zu vermitteln. Während des Tages schloss sich die Wiener Regierung dem deutschen Ersuchen an.

Wilson erklärte in seinen Antwortnoten vom 8., 14. und 23. Oktober, zuerst müsse der U-Boot-Krieg eingestellt werden.

Am 21. Oktober erfüllte das Deutsche Reich diese Vorbedingung. Noch am 4. September hatte ein deutsches U-Boot in der Irischen See das damals größte Schiff der Welt versenkt, die „Leviathan“, einen ursprünglich deutschen Dampfer („Vaterland“), den sich die Amerikaner nach dem Ausbruch des Krieges angeeignet hatten.

Als deutlich wurde, dass ein Waffenstillstand nur um den Preis einer völligen Entmachung des Deutschen Reiches zu haben war, wollte die militärische Führung weiterkämpfen. Aber die politische Führung konnte nicht dafür gewonnen werden, Deutschland heldenhaft aufzuopfern. Am 26. Oktober trat Erich Ludendorff als Erster Generalquartiermeister der Obersten Heeresleitung zurück, und Wilhelm Groener (1867 – 1939) wurde zu seinem Nachfolger ernannt.

Am 28. Oktober verabschiedete der Reichstag ein Paket von Verfassungsreformen (Oktoberreformen): Die deutsche Regierung war von da an dem Parlament verantwortlich: Der Reichstag konnte den Reichskanzler durch ein Misstrauensvotum stürzen. Das war eine grundlegende Änderung – aber in der Öffentlichkeit wurde sie kaum beachtet.

Das Ende des Habsburger Reiches
Inzwischen brach das Habsburger Reich auseinander. Kaiser Karl I. hatte in Aussicht gestellt, die cisleithanische Reichshälfte auf der Grundlage des nationalen Selbstbestimmungsrechtes als Bundesstaat neu zu ordnen (Völkermanifest, 17. Oktober 1918).Am 21. Oktober hatten Reichsratsfraktionen in Wien eine „Provisorische Nationalversammlung des selbstständigen deutsch-österreichischen Staates“ gebildet. Am 28. Oktober proklamierte der Nationalrat in Prag die Unabhängigkeit der Tschechoslowakei. Mitte November kehrte Thomas Carrigue Masaryk (1850 – 1937) aus dem Exil zurück, um das Amt des Staatspräsidenten der Tschechoslowakischen Republik zu übernehmen (2. Dezember). Am 31. Oktober 1918 erschossen meuternde Soldaten in Budapest Istvan Graf Tisza (1861 – 1918), den ehemaligen ungarischen Ministerpräsidenten. Mihaly Graf Karolyi von Nagykarolyi (1875 – 1955), der neue Regierungschef, löste am 16. November alle Bindungen zu Österreich und rief die unabhängige Republik Ungarn aus. Am 24. November 1918 verkündete der Nationalrat der Slowenen, Kroaten und Serben in Agram (Zagreb) die Unabhängigkeit der südslawischen Länder. Diese schlossen sich am 1. Dezember – mit Ausnahme von Albanien – zum „Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen“ zusammen.Am 31. Oktober nahmen die österreichischen Unterhändler in Padua den Entwurf eines Waffenstillstandsvertrages von den Alliierten entgegen. Noch bevor am Nachmittag des 3. November alle Formalitäten abgeschlossen waren, legten die Österreicher die Waffen nieder. Dadurch gerieten Tausende von Österreichern in letzter Minute in italienische Gefangenschaft.

Am 11. November entsagte Kaiser Karl I. dem österreichischen und zwei Tage später auch dem ungarischen Thron.

Novemberrevolution
Ohne ihr Vorhaben mit der Reichsregierung abzustimmen, wollten die deutschen Admiräle Ende Oktober 1918 eine Seeschlacht provozieren. Doch als die Hochseeflotte auslaufen sollte, meuterten die Matrosen, am 29. Oktober in Wilhelmshaven, dann auch in anderen Häfen. Die Matrosen nahmen ihre Offiziere fest und hissten rote Fahnen auf den Kriegsschiffen.Am 7./8. November stürzte Kurt Eisner (1867 – 1919) zusammen mit ein paar sozialistischen Gefolgsleuten die Wittelsbacher-Dynastie in München, rief den „Freien Volksstaat Bayern“ aus und richtete eine „Provisorische Regierung der Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte“ ein.Seit bekannt war, dass der amerikanische Präsident Wilson die Monarchien in Berlin und Wien durch demokratische Republiken ersetzt sehen wollte, wurde in der deutschen Öffentlichkeit erörtert, ob der Kaiser zurücktreten oder den ehrenvollen Soldatentod an der Front suchen sollte. Am 29. Oktober 1918 entzog sich Wilhelm II. der Debatte, verließ die Reichshauptstadt und reiste ins Große Hauptquartier nach Spa. Endlich, am 9. November, ermächtigte Wilhelm II. Staatssekretär Paul von Hintze (1864 – 1941), den Reichskanzler wissen zu lassen, dass er zwar preußischer König bleiben wolle, aber bereit sei, als deutscher Kaiser abzudanken. Nachmittags traf das Telegramm mit der Nachricht in Berlin ein, aber Max von Baden hatte schon um die Mittagszeit eigenmächtig bekannt gegeben, dass die Hohenzollern dem Thron entsagt hätten: „Seine Majestät der Kaiser und König haben sich entschlossen, dem Throne zu entsagen.“ Ohne dazu legitimiert zu sein, hatte Max von Baden gegen 13 Uhr den sozialdemokratischen Partei- und Fraktionsvorsitzenden Friedrich Ebert(1871 – 1925) zum neuen Reichskanzler ernannt und war selbst zurückgetreten.

Der halbherzigen Reform von oben (Oktoberreformen) folgte am 9. November 1918 eine kraftlose Revolution von unten (Novemberrevolution): „Nicht wurde eine Kette gesprengt durch das Schwellen des Geistes und Willens, sondern ein Schloss ist durchgerostet“, kommentierte Walther Rathenau. Die extreme Linke versuchte, die russische Entwicklung zu wiederholen, aber die gemäßigten Sozialdemokraten verhinderten eine Radikalisierung.

Als der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann (1865 – 1939) am 9. November um die Mittagszeit davon erfuhr, dass der Spartakist Karl Liebknecht (1871 – 1919) eine Republik ausrufen wollte, zögerte er nicht länger, trat auf einen Balkon des Reichstagsgebäudes und rief der zusammengelaufenen Menge zu: „Es lebe die Deutsche Republik!“ Zwei Stunden später, um 16 Uhr, proklamierte Karl Liebknecht die „Freie Sozialistische Republik“ – ohne großen Widerhall zu finden („Wettstreit der Balkone“).

Friedrich Ebert war über Scheidemanns Vorgehen wütend, wollte er doch eine Nationalversammlung wählen und diese über die zukünftige Staatsform des Deutschen Reiches entscheiden lassen.

In der Nacht vom 9./10. November telefonierten Wilhelm Groener und Friedrich Ebert miteinander. Der General sagte dem Sozialdemokraten die Unterstützung der Obersten Heeresleitung zu. Die militärische Führung arbeitete mit den vonBismarck verfolgten und von Wilhelm II. als „vaterlandslose Gesellen“ diffamierten Sozialdemokraten zusammen! Weitaus lieber hätte die Oberste Heeresleitung eine konservative Regierung unterstützt, aber nur ein Zweckbündnis mit Ebert konnte einen weiteren Linksruck verhindern.

Nur wenige Stunden amtierte Friedrich Ebert als Reichskanzler, dann bildeten die SPD und die USPD mit Zustimmung eines im Zirkus Busch versammelten regionalen Berliner „Vollzugsrates der Arbeiter- und Soldatenräte“ eine provisorische neue Staatsführung mit exekutiven und legislativen Befugnissen: den sechsköpfigen „Rat der Volksbeauftragten“, in dem Ebert den Ton angab (10. November 1918). Ohne formell aufgelöst zu sein, spielte der Reichstag keine Rolle mehr.

Am 10. November setzte Wilhelm II. sich nach Holland ab. Innerhalb weniger Tage verzichteten auch die übrigen deutschen Dynastien auf ihre Herrschaft.

Die meisten Junker und „Schlotbarone“ überstanden den politischen Umbruch dagegen unbeschadet. Die Sozialdemokraten riskierten nämlich keine Vergesellschaftungen, weil sie befürchteten, dass die Siegermächte staatlichen Besitz als Reparationsleistung verlangen könnten. Außerdem wagten sie in der desolaten wirtschaftlichen Lage keine Sozialisierungsexperimente.

Während in Berlin die Republik ausgerufen wurde, saßen sich im Wald von Compiègne unweit von Paris die mit den Verhandlungen über einenWaffenstillstand beauftragten Delegationen in einem Salonwagen gegenüber. Den Zentrumspolitiker Matthias Erzberger (1875 – 1921) hatte Max von Baden beauftragt, die deutsche Abordnung zu leiten. Am 8. November war sie am Verhandlungsort eingetroffen. Die gegnerische Seite wurde von Ferdinand Foch geführt. Am 10. November forderte Hindenburg die deutschen Abgesandten noch einmal ausdrücklich auf, in jedem Fall einen Waffenstillstand zu vereinbaren, aber kein einziger deutscher Offizier war zugegen, als das Waffenstillstands-Abkommen in der Nacht zum 11. November unterzeichnet wurde.

Den Deutschen sollte es unmöglich gemacht werden, die Kampfhandlungen noch einmal aufzunehmen. Sie mussten sich verpflichten, ihre Truppen sofort über den Rhein zurückzunehmen. Alle Kriegsgefangenen des Deutschen Reiches waren unverzüglich freizugeben. Die deutsche Hochseeflotte wurde interniert. Flugzeuge, Lastwagen, Lokomotiven, Eisenbahnwaggons und Waffen in großer Zahl hatte das Deutsche Reich den Alliierten zu übergeben. Und trotz des Waffenstillstandes setzten die Briten die Seeblockade fort.

Das Abkommen wurde auf 36 Tage befristet; um es zu verlängern, musste das Deutsche Reich weitere schwerwiegende Zugeständnisse machen (13. Dezember 1918; 16. Januar, 16. Februar 1919).

Am 11. November 1918 trat der Waffenstillstand in Kraft. Die Deutschen konnten ihre Niederlage kaum begreifen, stand doch zu diesem Zeitpunkt praktisch kein feindlicher Soldat auf deutschem Boden, während die deutschen Armeen sich tief im Inneren Frankreichs und Russlands verkrallt hatten. Hindenburg konnte am 19. November 1919 vor dem Untersuchungsausschuss der Weimarer Nationalversammlung behaupten, das deutsche Heer sei „im Felde unbesiegt“ geblieben, aber von den „Novemberverbrechern von hinten erdolcht“ worden. Diese Rechtfertigungsideologie („Dolchstoßlegende“) wäre ungehört verhallt, wenn militärische und politische Repräsentanten des wilhelminischen Deutschlands den Waffenstillstands-Vertrag unterzeichnen hätten müssen!

Die Macht lag Ende 1918 auf der Straße. Das Heer marschierte geordnet von der Front zurück und verlief sich in der Heimat. Kasernen verwandelten sich in Bordelle und Schwarzmärkte. Gewehre waren überall zu haben. Der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Gustav Noske (1868 – 1946) fand sich schließlich bereit, im Rat der Volksbeauftragten Ende Dezember 1918 das Militärressort zu übernehmen („einer muss der Bluthund sein“), um mit Hilfe von Freikorps die Regierung zu schützen. Das war ein riskanter Balanceakt, weil die meisten der Freikorps weit rechts von der SPD standen.

Vom 16. bis 19. Dezember tagte in Berlin der „Allgemeine Deutsche Rätekongress“. Die USPD wollte, dass der Rätekongress sich selbst zum Nationalparlament proklamierte, aber die überwältigende Mehrheit der Delegierten votierte für die Ausschreibung von Wahlen zu einer verfassunggebenden Versammlung, die über die zukünftige Staatsform des Deutschen Reiches entscheiden sollte.

Als die in Berlin einquartierte Volksmarinedivision den Sold nicht rechtzeitig ausbezahlt bekam, meuterten die Matrosen am 23. Dezember und sperrten die Volksbeauftragten Friedrich Ebert und Otto Landsberg (1869 – 1957) vorübergehend ein. Als Ebert nach seiner Freilassung Soldaten gegen die meuternden Matrosen einsetzen ließ, um den als Geisel festgehaltenen Berliner Stadtkommandanten Otto Wels (1873 – 1939) zu befreien, verbrüderten sich Berliner Arbeiter mit den Rebellen, und nach blutigen Kämpfen musste die Militäraktion abgebrochen werden („Blutweihnacht“, 24. Dezember 1918). Erst als die Regierung den Matrosen zusätzlichen Sold ausbezahlen ließ, kam Wels am 24. Dezember frei.

Die USPD verließ am 29. Dezember unter Protest den Rat der Volksbeauftragten, die „Regierung der Matrosenmörder“. Zum Jahreswechsel wurde auf einer Reichskonferenz des Spartakusbundes in Berlin die Kommunistische Arbeiterpartei Deutschlands (KPD) gegründet.

Am Abend des 5. Januar 1919 besetzten bewaffnete Spartakisten das Berliner Zeitungsviertel und riefen die Arbeiter auf, den Rat der Volksbeauftragten zu stürzen (Spartakusaufstand, 5. – 12. Januar 1919). Liebknecht sollte Ebert in Berlin ablösen, wie Lenin in Petrograd auf Kerenski gefolgt war. Aber es gelang der extremen Linken nicht, die breite Masse zu mobilisieren. Selbst die Volksmarinedivision hielt sich zurück. Gustav Noske warf den Aufstand nieder. Am 15. Januar wurden Karl Liebknecht und Rosa Luxemburgzusammengeschlagen und ermordet.

Die Weimarer Nationalversammlung
Trotz der Unruhen konnten die Wahlen zur Nationalversammlung am 19. Januar 1919 geordnet durchgeführt werden. Die Kommunisten boykottierten die Wahl. Obwohl auch die Unabhängige Sozialdemokratische Partei (USPD) die parlamentarische Staatsform ablehnte und ein Rätesystem propagierte, stellte sie sich zur Wahl. Insgesamt bewarben sich neunzehn Parteien um die Wählerstimmen. Für die Interessen „des arbeitenden Volkes in Stadt und Land“ setzten sich die Mehrheitssozialisten (SPD) ein. Die Deutsche Demokratische Partei (DDP) hatte am 15. November 1918 die Nachfolge der Fortschrittlichen Volkspartei angetreten. Die linksliberale Partei stützte sich auf führende Bankiers und das mittelständische Bürgertum der Städte. Sie sprach sich für eine parlamentarisch kontrollierte unitarische Republik aus. Die zentralen Staatsgewalten föderalistisch beschränken wollte das katholische Zentrum. Die konservative Deutsche Volkspartei (DVP) vertrat die Interessen der Großindustrie. Als Sammelpartei rechtsgerichteter Gruppen war am 24. November 1918 die Deutsch-Nationale Volkspartei (DNVP) gegründet worden. Stimmberechtigt waren alle Deutschen, die das zwanzigste Lebensjahr vollendet hatten; erstmals in der deutschen Geschichte wählten und kandidierten auch Frauen. 82,7 Prozent der Wahlberechtigten gaben ihre Stimme ab; 37,9 Prozent wählten die SPD, 19,7 Prozent das Zentrum, 18,5 Prozent die DDP, 14,7 Prozent entschieden sich für eine der beiden großen konservativen Parteien, und 7,6 Prozent votierten für die USPD. Die restlichen 1,6 Prozent der Stimmen verteilten sich auf unbedeutende Parteien. Die 421 Mandate wurden proportional zum Stimmenverhältnis verteilt (Verhältniswahlrecht).Am 6. Februar 1919 wurde die deutsche Nationalversammlung einberufen, nicht in die preußische Hauptstadt Berlin, sondern in das Nationaltheater der Goethe-und-Schiller-Stadt Weimar. Das war symbolisch gemeint; zugleich blieb die Versammlung damit auch von den Berliner Unruhen verschont.Die Weimarer Versammlung hatte eine neue provisorische Zentralgewalt zu bilden, einen Friedensvertrag mit den Alliierten abzuschließen und eine neue Verfassung zu verabschieden.

Der Rat der Volksbeauftragten übergab der Nationalversammlung die Regierungsgewalt. Am 10. Februar verabschiedeten die Abgeordneten ein „Gesetz über die vorläufige Reichsgewalt“, und tags darauf wurde Friedrich Ebertmit mehr als 70 Prozent der Stimmen zum vorläufigen Reichspräsidenten gewählt. Philipp Scheidemann bildete am 13. Februar eine Koalitionsregierung mit SPD-, DDP- und Zentrums-Ministern („Weimarer Koalition“).

Als der bayrische Regierungschef Kurt Eisner am 21. Februar 1919 in München zum Landtag fuhr, vermutlich um nach dem Wahldebakel der bayrischen USPD am 12. Januar seinen Rücktritt bekannt zu geben, wurde er von Anton Graf von Arco auf Valley (1897 – 1945) erschossen. Eisners Stellvertreter, der Mehrheitssozialist Erhard Auer (1874 – 1945), unterrichtete den Landtag über das Attentat. Während er sprach, schoss ein Anhänger Eisners von der Zuschauertribüne aus auf ihn und verletzte ihn schwer. Der Kongress der bayerischen Arbeiter- und Soldatenräte, die Gewerkschaften, der Bayerische Bauernbund und die beiden sozialistischen Parteien einigten sich am 17. März auf eine Koalitionsregierung unter dem Sozialdemokraten Johannes Hoffmann (1867 – 1930). Aber am 7. April riefen ein paar Fanatiker in München die Räterepublik aus, und die Regierung Hoffmann floh nach Bamberg. Am 13. April bildeten die Kommunisten eine neue Räteregierung unter Eugen Levine (1883 – 1919). Als süddeutsche und preußische Freikorps anrückten, ließ der kommunistische Münchner Stadtkommandant am 30. April im Keller des Luitpold-Gymnasiums zehn Mitglieder der rechtsradikalen Thule-Gesellschaft misshandeln und erschießen. Nicht weniger grausam schlugen Gustav Noskes Truppen am 2. Mai die Münchner Räterepublik nieder.

Am 9. März 1919 hatte Gustav Noske angeordnet: „Jede Person, die mit Waffen in der Hand gegen Regierungstruppen kämpfend angetroffen wird, ist sofort zu erschießen.“

Der Versailler Friedensvertrag
Am 18. Januar 1871 war im Spiegelsaal des Versailler Schlosses das Deutsche Reich aus der Taufe gehoben worden. Am 18. Januar 1919 trat unter dem Vorsitz des französischen Ministerpräsidenten George Clemenceau die Friedenskonferenz in Paris zusammen. Rund dreißig Staaten waren daran beteiligt; Russland und die Mittelmächte blieben von den Beratungen ausgeschlossen. Die eigentlichen Verhandlungen wurden nicht im Plenum geführt, sondern von den Regierungschefs und Außenministern Frankreichs, Großbritanniens, Italiens und der USA sowie zwei japanischen Regierungsvertretern (Conseil des Dix). Strittige Fragen wurden letztlich von Woodrow Wilson (1856 – 1924), David Lloyd George (1863 – 1945), George Clemenceau (1841 – 1929) und Vittorio Emanuele Orlando (1860 – 1952) entschieden („Conseil des Quattre“, „die Großen Vier“). Dieses Gremium verkörperte im Frühjahr 1919 die höchste politische Autorität der Welt.Wilson reiste persönlich nach Europa und demonstrierte damit, welche Bedeutung er den Friedensverhandlungen beimaß. Aber sein Idealismus prallte in Paris auf die nationalen Interessenkämpfe der Europäer und auf die Furcht der Franzosen vor einem Wiedererstarken Deutschlands. Clemenceau wusste, dass die Entente allein zu schwach gewesen wäre, um Deutschland zu bezwingen. Er wollte das Deutsche Reich deshalb nicht nur für alle Kriegsschäden bezahlen lassen („le boche payera tout!“), sondern es in möglichst viele Teilrepubliken zerstückeln. Obwohl auch in England deutschfeindliche Parolen kursierten („hang the Kaiser!“, „squeeze them till the pips come out!“), bremste Lloyd George in Paris eher die Franzosen, weil er ahnte, dass überzogene Friedensbedingungen Gegenkräfte in Deutschland hervorrufen wurden.Am 28. April 1919 nahm die Pariser Konferenz erst einmal eine Völkerbund-Satzung an, die den Friedensverträgen als integraler Bestandteil vorangestellt werden sollte. Der von Woodrow Wilson angeregte Völkerbund (League of Nations, Société des Nations; 1920 – 1946) sollte bewaffnete Auseinandersetzungen verhindern sowie Frieden und Sicherheit gewährleisten. Die Mitglieder verpflichteten sich dazu, abzurüsten, auf Geheimdiplomatie zu verzichten und in Konfliktfällen die Schiedssprüche eines Ständigen Internationalen Gerichtshofes (Permanent Court of International Justice, Cour Permanente de Justice Internationale) anzuerkennen, der am 13. Dezember 1920 – parallel zum Ständigen Schiedsgericht der Haager Konvention – in Den Haag eingerichtet wurde. Im höchsten Organ des Völkerbundes, der jährlich in Genf tagenden Bundesversammlung, verfügte jedes Mitglied über eine Stimme. Im Völkerbund-Rat, dem bis zu fünfzehn teils ständige, teils wechselnde Mitglieder angehörten, wurde über aktuelle Konflikte beraten. Sowohl die feindlichen als auch die neutralen Staaten wurden von den Siegermächten ausgeschlossen.

Während die Siegermächte in Paris über den Frieden verhandelten, wurde auf dem Balkan und im Nahen Osten weitergekämpft, bekriegten sich in Russland die Bolschewisten und ihre – von den Westmächten unterstützten – Gegner. Polen, Tschechen, Slowaken und Ungarn versuchten, ihre Grenzen gewaltsam zu verschieben.

Eine von dem britischen Außenminister George Nathaniel Marquess Curzon of Kedlestone geleitete Kommission der Pariser Friedenskonferenz schlug am 8. Dezember 1919 eine polnisch-russische Demarkationslinie vor (Curzon-Linie). Damit aber fand Pilsudski sich nicht ab. Wegen seiner unaufhörlichen Kritik an der Polenpolitik der Mittelmächte war Joséf Klemens Pilsudski am 2. Juli 1917 in Magdeburg eingesperrt worden, hatte sich aber nach seiner Freilassung und Rückkehr nach Warschau am 10. November 1918 innerhalb weniger Tage als „Staatschef“ an die Spitze der polnischen Republik gestellt, die (statt des von den Mittelmächten am 5. November 1916 vorgesehenen Königreiches) am 3. November 1918 ausgerufen worden war. Ende 1920 ließ Pilsudski die Polen nach Kiew vorstoßen, um die Ukraine zu erobern. Sie wurden zwar von den Russen zurückgeschlagen, aber mit französischer Hilfe (General Maxime Weygand, 1867 – 1965) gelang es ihnen am Ende doch, nach Osten vorzudringen (Sowjetisch-Polnischer Krieg, 1920/21). Im Frieden von Riga (18. März 1921) einigten sich Russen und Polen darauf, ihre Grenze etwa 200 Kilometer östlich der Curzon-Linie verlaufen zu lassen.

Nachdem sich die Siegermächte auf einen vollständigen Entwurf für einen Friedensvertrag mit dem Deutschen Reich geeinigt hatten, versammelten sie sich am 7. Mai 1919 im Hotel Trianon Palace in Versailles und riefen die deutsche Delegation herein. George Clemenceau erhob sich und sprach von einem „zweiten Vertrag von Versailles“. Anschließend übergab der Sekretär der Konferenz den umfangreichen Vertragstext dem Leiter der deutschen Delegation, Ulrich Graf von Brockdorff-Rantzau (1869 – 1928). Der Deutsche stand dafür nur kurz auf, beachtete das Papier kaum und hielt seine Rede demonstrativ im Sitzen.

Dem Deutschen Reich wurde eine Frist von zwei Wochen gesetzt, um die Friedensbedingungen anzunehmen.

Am 12. Mai trat die Nationalversammlung in der Neuen Aula der Universität Berlin zusammen. Reichskanzler Scheidemann erklärte: „Dieser Vertrag ist nach Auffassung der Reichsregierung unannehmbar.“

Am 29. Mai überreichte Graf von Brockdorff-Rantzau der Friedenskonferenz die zusammengefassten Gegenvorschläge der deutschen Reichsregierung. Sie wurden mit geringfügigen Ausnahmen von den Siegermächten abgelehnt. Am 16. Juni erhielt die deutsche Delegation den endgültigen Vertragstext ausgehändigt und wurde ultimativ aufgefordert, ihn zu unterschreiben.

Daraufhin trat Reichsministerpräsident Scheidemann am 20. Juni zurück. Am folgenden Tag versenkte sich die vor Scapa Flow auf den Orkney-Inseln von den Briten bewachte deutsche Hochseeflotte. Mit 237 gegen 138 Stimmen ermächtigte die Nationalversammlung am 22. Juni die neue Reichsregierung des Sozialdemokraten Gustav Bauer (Juni 1919 – März 1920), den Friedensvertrag zu unterzeichnen – jedoch ohne eine alleinige deutsche Kriegsschuld anzuerkennen oder sich bereit zu erklären, jemanden an die Alliierten auszuliefern. Die Siegermächte verwarfen auch diese Vorbehalte und lehnten es ab, das anderntags ablaufende Ultimatum zu verlängern. Der Nationalversammlung blieb nichts anderes übrig, als auf die Vorbehalte zu verzichten (23. Juni). Am 28. Juni – genau fünf Jahre nach dem Attentat in Sarajewo – unterschrieben die Minister Hermann Müller (1876 – 1931) von der SPD und Johannes Bell (1868 – 1949) vom Zentrum im Spiegelsaal des Versailler Schlosses den Friedensvertrag.

Am 12. Juli wurde endlich die gegen das Deutsche Reich gerichtete Seeblockade aufgehoben.

Das Deutsche Reich übergab Elsass-Lothringen an Frankreich, große Teile Posens und Westpreußens an Polen, das Hultschiner Ländchen an die Tschechoslowakei, die Stadt Danzig, das Memelland und sämtliche Kolonien den Alliierten. Volksabstimmungen sollten über die Zukunft einiger weiterer deutscher Landesteile entscheiden. (Nordschleswig, Eupen und Malmedy sowie das oberschlesische Industrierevier mussten später abgetreten werden.) Das aus bayrischen und preußischen Territorien gebildete „Saargebiet“ wurde einer dem Völkerbund verantwortlichen Kommission unterstellt; nach fünfzehn Jahren sollte auch hier die Bevölkerung wählen dürfen, ob sie zu Deutschland oder zu Frankreich gehören wollte.Deutschland verpflichtete sich, Reparationen zu leisten, deren Höhe erst noch von einer eigenen Kommission festgelegt werden sollte. Als „Pfand“ besetzten die Alliierten das Rheinland. Ihre Handelsflotte überließen die Deutschen den Siegermächten. Die allgemeine Wehrpflicht in Deutschland musste aufgehoben, das Heer auf hunderttausend Mann beschränkt werden. Auf Flugzeuge, Schlachtschiffe, U-Boote, schwere Artillerie und Panzer verzichteten die Deutschen. Den Großen Generalstab lösten sie auf. Alle Festungen entlang des Rheins waren zu schleifen. Schließlich verlangten die Siegermächte, den Kaiser und weitere führende Persönlichkeiten der Wilhelminischen Ära als Kriegsverbrecher ausgeliefert zu bekommen (Artikel 228). In Artikel 231 sollte das Deutsche Reich anerkennen, zusammen mit seinen Verbündeten den Ersten Weltkrieg verursacht zu haben und für alle Kriegsschäden verantwortlich zu sein. Der Kriegsschuldparagraph war gar nicht programmatisch gedacht, sondern er hatte die Reparationsforderungen zu rechtfertigen, denn Kontributionen gab es gemäß der Vierzehn Punkte nicht mehr, aber nach wie vor konnte verlangt werden, geleistetes Unrecht wieder gutzumachen.

Der Kriegsschuldparagraph provozierte Gegenargumentationen und ließ die Deutschen nicht ruhen. „Die Geburtsstätte der nationalsozialistischen Bewegung ist nicht München, sondern Versailles“, meinte Theodor Heuss.

In zwei weiteren Verträgen, die am selben Tag unterzeichnet wurden, sagten die Briten und die Amerikaner den Franzosen für den Fall einer deutschen Aggression militärischen Beistand zu.

Da die britisch-französische mit der amerikanisch-französischen Abmachung gekoppelt war und der US-Senat es am 18. November 1919 ablehnte, die Versailler Verträge und die Völkerbund-Akte zu ratifizieren, konnte keiner der beiden Beistands-Pakte in Kraft treten. Die Vereinigten Staaten von Amerika zogen sich wieder aus der Weltpolitik zurück, hielten sich aus der Pariser Friedensregelung heraus und blieben dem von ihrem Präsidenten initiierten Völkerbund fern. Mit dem Deutschen Reich schlossen die USA später einen eigenen Friedensvertrag (25. August 1921) und ein Abkommen über die finanziellen Verpflichtungen (10. August 1922).

Am 16. Januar 1920 forderten die Alliierten die holländische Regierung auf,Wilhelm II. auszuliefern, aber diese lehnte den Antrag ab und gewährte dem Ex-Kaiser Asyl (23. Januar). Die Westmächte gaben sich damit zufrieden und bestanden schließlich auch nicht auf ihrer Forderung an das Deutsche Reich, Kriegsverbrecher auszuliefern.

Pariser Vorort-Verträge
Am 10. September 1919 unterzeichnete die österreichische Delegation im Pariser Vorort Saint-Germain-en-Laye einen ebenfalls von den Siegermächten diktierten Friedensvertrag. Den nichtdeutschen Nationen der ehemaligen k. und k. Monarchie wurde zwar das Selbstbestimmungsrecht zugestanden, aber der sowohl von der Wiener als auch von der Weimarer Nationalversammlung angestrebte „Anschluss“ des verbliebenen österreichischen Staates an das Deutsche Reich wurde von den Siegermächten ausdrücklich untersagt (22. September 1919). Österreich musste die selbstständigen Nachfolgestaaten Polen, Tschechoslowakei, Ungarn und Jugoslawien anerkennen, Südtirol, Triest, Krain und Istrien an Italien abtreten.Zwei Tage nach der Vertragsunterzeichnung in Saint-Germain (12. September) besetzte der italienische Dichter Gabriele D’Annunzio mit seinen Anhängern die dalmatinische Hafenstadt Rijeka (italienisch: Fiume) und „annektierte“ sie für Italien.Die Italiener waren über die Pariser Verhandlungen tief enttäuscht, hielten die Alliierten doch kaum eines der geheimen Versprechen, die sie dem italienischen Königreich 1915 in London und zwei Jahre später in St. Jean de Maurienne gemacht hatten.

Bulgarien musste am 27. November 1919 im Friedensvertrag von Neuilly-sur-Seine südwestthrakische Gebiete an Griechenland abtreten und verlor damit erneut den Zugang zur Ägäis.

Im Waffenstillstandsvertrag hatte die ungarische Regierung Karolyi am 13. November 1918 zusagen müssen, weite Landesteile zu räumen. Am 21. März 1919 rief der Arbeiterrat in Budapest eine Räterepublik aus, die faktisch von dem Kommunisten Béla Kun (1886 – 1939) geführt wurde. Rumänische und tschechische Angriffe brachten die ungarische Räterepublik bald in eine hoffnungslose Lage, und am 16. November 1919 zog Miklós Horthy (1868 – 1957) an der Spitze der gegenrevolutionären ungarischen Nationalarmee in Budapest ein. Die im Januar 1920 gewählte ungarische Nationalversammlung behielt die monarchische Staatsform zwar bei, berief aber keinen König, sondern setzte Horthy als Reichsverweser ein (1920 – 1944). In dem Friedensvertrag, den die ungarische Delegation am 4. Juni 1920 im Palais Grand Trianon in Versailles unterzeichnete, musste Ungarn auf rund zwei Drittel seiner Bevölkerung und seines Territoriums verzichten.

Der letzte der fünf Pariser Vorort-Verträge, der am 10. August 1920 von den Alliierten und Vertretern der türkischen Regierung in Sèvres unterzeichnete Friedensvertrag, wurde vom türkischen Parlament nicht ratifiziert und später durch die Friedensvereinbarungen von Lausanne ersetzt (24. Juni 1923).

Neun Millionen Menschen waren im Ersten Weltkrieg gefallen. Nicht nachvollzogen werden kann das Leid, das dieser Krieg verursacht hatte. Die Pariser Vorort-Verträge beendeten den Krieg. Wirklichen Frieden stifteten sie nicht.

Der ehemalige deutsche Kolonialbesitz und die osmanischen Gebiete im Nahen und Mittleren Osten wurden als Völkerbund-Mandate verteilt. Der Irak, Palästina, Tanganjika, Regionen Togos und Kameruns fielen an Großbritannien; Frankreich sicherte sich Syrien, den Libanon sowie den größeren Teil der ehemaligen deutschen Kolonien Togo und Kamerun; Ruanda-Urundi wurde Belgien zugesprochen; die Südafrikanische Union erhielt Deutsch-Südwestafrika; Nordostguinea kam an Australien, Samoa an Neuseeland, und die pazifischen Inseln nördlich des Äquators wurden Japan übertragen.

Weimarer Verfassung
Am 31. Juli 1919 wurde die im Wesentlichen von dem Berliner Staatsrechtler Hugo Preuß (1860 – 1925) konzipierte Verfassung von der Weimarer Nationalversammlung mit 262 gegen 75 Stimmen angenommen. Getragen wurde die Entscheidung von den Parteien der „Weimarer Koalition“ (SPD, DDP, Zentrum); dagegen stimmten die Parteien am rechten und am linken Rand (DNVP, DVP, USPD). Friedrich Ebert unterzeichnete die neue Reichsverfassung am 11. August 1919; drei Tage später trat sie in Kraft.Einen stärker zentralisierten Staat hatte sich Hugo Preuß zunächst vorgestellt, aber gegen unitarische Absichten hatten sich die deutschen Länder sogleich verwahrt (Reichskonferenzen der deutschen Staaten in Berlin, 25. November 1918, 25. Januar 1919). Die Weimarer Republik blieb ein föderativer Bundesstaat wie das Kaiserreich.Der Reichspräsident als das Staatsoberhaupt wurde unmittelbar vom Volk für jeweils sieben Jahre gewählt und mit weitreichenden Befugnissen ausgestattet („Ersatzmonarch“). Er ernannte die Mitglieder der Exekutive und – auf Vorschlag des Reichsrates – das Reichsgericht. Er konnte einen Volksentscheid herbeiführen, den Reichstag auflösen und aufgrund eines Notverordnungsrechts (Artikel 48) vorübergehend sogar Grundrechte außer Kraft setzen. Überdies fungierte er als Oberbefehlshaber des Heeres.

Die Legislative setzte sich aus dem Reichsrat und dem Reichstag zusammen. Im Reichsrat waren die achtzehn deutschen Länder repräsentiert. Die Abgeordneten des Reichstages wurden jeweils für eine Legislaturperiode von vier Jahren gewählt. Die Wahl war gleich und allgemein, direkt und geheim. Die Sitze wurden entsprechend der abgegebenen Stimmen zwischen den Parteien verteilt (Verhältniswahlrecht); eine Sperrklausel gab es nicht. Wahlberechtigt waren alle deutschen Männer und Frauen, die das zwanzigste Lebensjahr vollendet hatten. Der Reichstag kontrollierte das Staatsbudget, ratifizierte die Staatsverträge, und die Regierung war von seinem Vertrauen abhängig, denn der Reichstag war befugt, den Reichskanzler abzulösen.

Die Weimarer Verfassung enthielt darüber hinaus plebiszitäre Elemente (Volksbegehren, Volksentscheid).

57 Artikel umfasste der Katalog der Grundrechte.

Anstelle der schwarz-weiß-roten Flagge des Kaiserreiches führte die Nationalversammlung an 3. Juli 1919 Schwarz-Rot-Gold als Farben der Weimarer Republik ein und knüpfte damit an den Vormärz und die Revolution von 1848 an.

Am 20. August 1919 wurde Reichspräsident Ebert auf die neue Verfassung vereidigt. Die Weimarer Nationalversammlung arbeitete als Reichstag in Berlin weiter.

 

http://www.dieterwunderlich.de/weltkrieg_i.htm

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