YouNow

Den Kids in Echtzeit beim Leben zusehen

Auf der Website YouNow erzählen pubertierende Jugendliche Fremden via Webcam live aus ihrem Leben. Jugendschützer sind entsetzt. Dabei hat der Blick in den Alltag der Teenager auch etwas Großartiges.

Von Peter Praschl

Vivi* ist schon anderthalb Stunden auf Sendung, aber immer noch überschwänglich. „Dicke Titten, Kartoffelsalat“, sagt sie, der Refrain eines Sommerhits von einem Knallkopf namens Ikke Hüftgold. Gleich danach wechselt Vivi den Song und rappt SDP featuring Weekend: „Ich tanz, tanz, tanz aus der Reihe, in der Schule hatte ich immer Langeweile, ich nehm‘ Anlauf und spring durch die Scheibe, weil ich immer übertreibe.“

Sie sei 16, sagt Vivi, und das könnte hinkommen, obwohl man das bei Teenagern ja nie so genau weiß. Ihr Gesicht – voller Mund, beeindruckende Augenbrauen, nachlässige Blondierung – sieht ein wenig seltsam aus, weil sie nicht nur in ihre Laptopkamera, sondern gleichzeitig auch auf ihr Handy schaut, das einen bläulichen Schein zurückwirft, aber das ist egal, weil Vivi gut drauf ist. Sie kann einfach nicht aufhören, zu reden. „Hey, schön, dass du da bist, mein Tag war lang, ich hatte bis sieben Schule, dicke Titten, Kartoffelsalat.“

Hey, schön, dass du da bist, mein Tag war lang, ich hatte bis sieben Schule, dicke Titten, Kartoffelsalat

Vivi, 16, auf YouNow

Sara dagegen ist eher der introvertierte Typ, spricht sparsam und mit langen Nachdenkpausen dazwischen. Irgendwie kommt ihr Stream nur langsam in die Gänge. Sie würde alles erzählen, sagt sie, „na ja, fast alles, stellt mir ruhig Fragen“, aber niemand will etwas von ihr wissen, vorläufig jedenfalls.

„Wir könnten etwas spielen“, sagt Sara, „ich denke an ein Wort, und ihr versucht, es zu erraten.“ Eine recht ambitionierte Spielidee mit geringeren Chancen als die auf den Gewinn einer Sofortrente. Und dann denkt Sara tatsächlich an ein Wort und sagt lange nichts, aber von den fünf Menschen, die ihr laut Zähler zusehen, äußert niemand eine Vermutung. „Na ja, egal“, sagt Sarah, „dann eben etwas anderes.“ Einer von den fünf Zuschauern bin übrigens ich.

Im Grunde geht es wie bei Bezahlsexchats zu

Ich treibe mich auf YouNow herum, einer Website, die bei Teenagern das neue heiße Ding sein soll. So steht es jedenfalls seit einigen Tagen in der Presse. Überprüfen lassen sich solche Aussagen nicht, wenn man selbst nicht viele Teenager kennt, aber die Auskunft, dass sich alle Mädchen jetzt aus Gummibändern Rainbow-Loom-Armreifen fummeln, hat ja auch ihre Richtigkeit, also wird es vielleicht stimmen.

YouNow ist eine amerikanische Website, die es jungen Menschen ab 13 ermöglicht, mit Handy- und Computerkameras ihr Leben ins Netz zu streamen, und allen anderen – auch Menschen wie mir, die deutlich älter sind – erlaubt, dabei zuzusehen und wie in einem Chat zu kommentieren oder Fragen zu stellen.


YouNow ist eine amerikanische Website, die es jungen Menschen ab 13 ermöglicht, mit Handy- und Computerkameras ihr Leben ins Netz zu streamen

Das Leben, das man zu sehen bekommt, sieht meistens so aus: Ein Teenager liegt in seinem Teenagerzimmer auf seinem Teenagerbett, hält sein Teenagergesicht sehr nahe an die Kamera und erzählt von seinem Tag, seiner Laune oder seinen Lieblingsfilmen („Ich mag Johnny Depp sehr gerne, aber jetzt ist der immer so betrunken.“) und reagiert auf die Beiträge der für ihn unsichtbaren Zuschauer („In der Nähe von Dortmund, mehr sag ich nicht.“, „Nein, ich habe keine Freundin.“, „Danke, dass du mich likst.“).

Im Grunde geht es wie bei diesen Bezahlsexchats im Netz zu, bei denen man nackten, erwachsenen Frauen mitteilen kann, was sie vor der Kamera tun sollen – nur dass YouNow nichts kostet, nichts mit Sex zu tun hat (jedenfalls, wenn die Regeln eingehalten werden), die Menschen, die man zu sehen bekommt, nicht nackt oder halb nackt vor der Kamera sitzen, sondern Rollkragenpullover, Hoodies oder Message-T-Shirts tragen, das Ambiente nichts Verfängliches hat (Schmetterlingssticker, Fußballposter) und dass die Mädchen und Jungs nur ihren Geist enthüllen.

„Pädophile lieben diese App“

Dennoch schlagen die Erwachsenenmedien Alarm, aus den üblichen Gründen. Nicht auszudenken, was so junge Menschen in ihrer Naivität alles preisgeben könnten, heißt es. „Pädophile lieben diese App“, befand der „Stern“. „Mutproben auf YouNow können lebensgefährlich sein“, gab eine Medienexpertin namens Petra Grimm in den „Stuttgarter Nachrichten“ durch. Ein Kölner Medienanwalt wies vorsorglich darauf hin, dass die Teenies sich der Urheberrechtsverletzung schuldig machen könnten, wenn während ihrer Broadcasts ein gemageschütztes Lied aus dem Radiolautsprecher käme. Es klang fast wie eine Ermunterung, Abmahnungen zu verschicken.

Mutproben auf YouNow können lebensgefährlich sein

Petra Grimm
Medienexpertin in den „Stuttgarter Nachrichten“

Aber so ist es ja immer: Sobald Erwachsene wittern, dass Kinder etwas machen, das sie nicht überwachen können, sehen sie nur noch die Gefahren – als gäbe es auf Spielplätzen bloß Spitzen und Kanten statt Schaukeln, Wippen und Klettergerüste.

Jonny ist immer noch dabei, obwohl es schon halb elf ist und er morgen früh in die Schule muss. Er sei 15, hat er gesagt, und wohne in der Nähe von München. Man hört ihm an, dass er ein gut erzogener, intelligenter Junge ist: schöne lange Sätze, kein Gepose, keine Beeindruckungssprüche, nur Unverfängliches über sein Leben. Dabei trinkt er einen Milchshake von McDonald’s.

„Was esst ihr denn gerne?“, fragt er. „KFC“, sagt einer. „Gibt es bei uns nicht“, sagt Jonny. So geht das dahin, bis er irgendwann zuerst die Kamera, dann das Licht ausmachen und einschlafen wird.

Manchen kann man beim Schlafen zusehen

Ursprünglich ist YouNow 2011 als Social Television erfunden worden, um Jugendlichen die Gelegenheit zu geben, ihr Können als Sänger oder Performer vorzuführen und von ihresgleichen beurteilen zu lassen. Doch statt an einer permanenten Internettalentshow teilzunehmen, beschlossen die Teenies, sich einfach zu zeigen, wie sie sind.

Kann sein, dass es mittlerweile ein mächtigeres Bedürfnis ist, authentisch zu sein, als für ein paar Likes den Hampelmann zu machen. Kann sein, dass Kids das Gefühl haben, sowieso ständig etwas abliefern zu sollen, das in den gängigen Formaten gefangen bleibt (ein Drei-Minuten-Lied, einen Rap, ein Essay von 200 Worten und so weiter), und es deswegen an der Zeit ist, einmal ohne all diesen Kram auszukommen.


Manchen Jugendlichen kann man bei YouNow auch beim Schlafen zusehen

Jedenfalls sitzen neuerdings rund um die Uhr Tausende und Aberzehntausende junge Menschen vor Kameras (in Deutschland ist der Firma zufolge in den letzten zwei Monaten die Zahl der Nutzer um 250 Prozent gewachsen) und streamen ins Netz, wie sie sind – in Klamotten, die sie auch sonst tragen, in Zimmern, in denen sie wohnen, auf Betten, in denen sie einschlafen werden. Manchen von ihnen kann man auch beim Schlafen zusehen, so wie man manchmal den eigenen Kindern beim Schlafen zusieht. Fast ist es, als würde man sie bewachen.

Die Kids haben längst Medienkompetenz

Für den Gründer von YouNow, einen New Yorker Mittvierziger namens Adi Sideman, war diese Wendung der kollektiven Jugendpsychologie ein Glücksfall. Anfang 2014 stand sein Unternehmen schon knapp vor der Pleite, doch seit die Kids YouNow in eine Website verwandelt haben, auf der man ihnen in Echtzeit beim Leben zusehen kann, investieren alle möglichen Wagniskapitalgeber viel Geld, obwohl nicht genau ersichtlich ist, wie man mit YouNow Gewinne machen könnte. Aber bei Google und Facebook hat es ja auch ein paar Jahre gedauert, bis man das herausgefunden hat.

Vorläufig ist das Beste an YouNow, dass da gar nichts passiert, nichts Wesentliches jedenfalls. Niemand erzählt von Krebstherapien, mörderischem Liebeskummer, den Streitereien der Eltern im Nebenzimmer und all den anderen Katastrophen, die ein Teenagerleben aus der Bahn werfen können. Da ist nur dieses mittige Alltagsleben, im Vertrauen darauf ins Netz geströmt, dass es irgendwo auf der Welt Menschen geben könnte, die sich das ansehen.

Sobald jemand versucht, einen Broadcaster unangenehm anzuquatschen („Tu mal so, als würdest du einen Salzstreuer über deinen Mund schütteln.“), wird er ignoriert. All die Fragen, mehr zu zeigen oder Klarnamen zu verraten, werden stoisch ausgesessen. Die Medienkompetenz, um die sich Erwachsene so sorgen, ist bei den Kids längst vorhanden, merkt man beim Zusehen schnell – was selbstverständlich nicht bedeutet, dass da nie etwas Unangenehmes passieren wird.

Auch Erwachsenen täte es gut, sich mal leer zu reden

Was das alles soll, erklären einem die für die Psychologie von Jugendlichen zuständigen Experten und Journalisten mit den üblichen Formeln: Es gehe den Kids um Aufmerksamkeit. Als ob es erstens unverständlich, zweitens eine kindische Marotte, drittens gefährlich wäre, Aufmerksamkeit zu wollen – ausgerechnet in einer Welt, in der sich jedes noch so unglamouröse Unternehmen einen Facebook-Auftritt zulegt und Social-Media-Botschafter anstellt.

Wenn sie nicht so ängstlich und herablassend wären, fiele Erwachsenen möglicherweise das Großartige an YouNow auf: Wann hat es das schon gegeben, dass Teenager stundenlang erzählen können, wie ihr Leben so ist, ohne dass ihnen jemand ins Wort fällt, sie auf später vertröstet, korrigiert, mit Ratschlägen zuspamt? Schade eigentlich, dass es das nur für junge Leute gibt. Schließlich könnten auch Erwachsene es gut gebrauchen, sich leer reden zu dürfen.

Natürlich kann man sich leicht ausrechnen, wie das alles weitergehen wird. Irgendwann werden findige PR-Leute merken, dass YouNow eine tolle Werbeplattform ist, und dann wird es Teenager geben, die total unauffällig coole Produkte bei sich im Zimmer stehen haben, und es wird YouNow-Stars geben, die es in die traditionellen Medien schaffen, und irgendwann wird sich auch die eine oder andere unangenehme Geschichte ereignen, bei der ein YouNow-User zu Schaden kommt, und die Skeptiker werden kundtun, dass sie es immer schon gesagt haben.

Kurzum: Es wird wie immer enden, in einer Erwachsenenwelt. Den Kids allerdings wird dann schon wieder etwas anderes eingefallen sein.

*alle Pseudonyme wurden von der Redaktion verändert

Quelle:  http://www.welt.de/vermischtes/article137270114/Den-Kids-in-Echtzeit-beim-Leben-zusehen.html

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