Charlie Hebdo und das Zarnajew-Verfahren: Cui bono?

Dr. Paul Craig Roberts

Wie sollte man den angeblichen Terroranschlag auf das französische Satiremagazin Charlie Hebdo bewerten? Dazu gibt es zwei Sichtweisen. Gemäß der einen wäre derartige Satire in der englischsprachigen Welt – oder zumindest in weiten Teilen – als »Hassrede« eingestuft worden und die Urheber wären verhaftet worden. In Frankreich dagegen sind Muslime von dieser privilegierten Kategorie ausgenommen, weshalb sie an der Satire Anstoß nahmen und Vergeltung übten.

 

Aber warum sollten sich Muslime die Mühe machen? Inzwischen müssten sie doch die Scheinheiligkeit und die Doppelmoral des Westens gewohnt sein. Die Muslime sind aufgebracht, weil man ihnen nicht denselben Schutz wie anderen Minderheiten zukommen lässt, das steht wohl außer Frage, aber dennoch: Warum sollten sie Vergeltung für Satire nehmen, aber nicht dafür, dass sich Frankreich an Washingtons Kriegen gegen Muslime beteiligt, an Kriegen also, die Hunderttausende das Leben gekostet haben? Getötet zu werden ist doch gewiss eine ernstere Angelegenheit, als zur Zielscheibe einer Satire zu werden?

Gemäß der zweiten Sichtweise steckt hinter dem Angriff die Absicht, Frankreichs Status als Vasall Washingtons zu festigen. Das hat den Vorteil, dass die Verdächtigen schuldig und gleichzeitig Sündenböcke sein können. Man denke nur an all die terroristischen Verschwörungen, bei denen das FBI die Fäden gezogen hat und die dazu dienten, Amerikanern einzubläuen, wie groß die Terrorgefahr sei.

Unter den Sanktionen, die Washington gegen Russland verhängt hat, leidet auch Frankreich. Werften können von Russland bestellte Schiffe nicht ausliefern und schuld ist Frankreichs Status als Vasall Washingtons. Und auch weitere Teile der französischen Wirtschaft erleiden negative Folgen dadurch, dass Washington seine NATO-Marionetten gezwungen hat, die Sanktionen gegen Russland mitzutragen.

Diese Woche hat der französische Präsident (ebenso wie der deutsche Vizekanzler Sigmar Gabriel) ein Ende der Sanktionen gegen Russland gefordert.

Aus Sicht Washingtons geht Frankreich in seiner Außenpolitik einen zu eigenständigen Weg. Hat Washington deshalb die Operation Gladio wieder ins Leben gerufen? Damals, in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, führte die CIA Bombenanschläge in Europa durch. Die Schuld wurde den Kommunisten in die Schuhe geschoben, weil man ein gutes Abschneiden der Kommunisten bei den Wahlen in Europa verhindern wollte. Damals wurde der Welt weisgemacht, Kommunisten steckten hinter den Anschlägen, die im Rahmen der Operation Gladio erfolgten. Heute heißt es, Muslime seien schuld an den Angriffen auf ein französisches Satiremagazin.

 

Cui bono, Latein für »Wem zum Vorteil?«, das ist wie immer die Frage. Ganz gewiss nicht Frankreich, ganz gewiss nicht den Muslimen, sondern der Weltherrschaft der USA. Welthegemonie der USA ist das Ziel, das die CIA unterstützt. Welthegemonie steht im Mittelpunkt der Außenpolitik, die die Neokonservativen den USA aufgezwungen haben.

Laut National Public Radio (NPR) geht es bei Charlie Hebdo um freie Meinungsäußerung. In den USA gebe es freie Meinungsäußerung, behaupten die Experten von NPR, aber in Frankreich hättendie Terroristen die Meinungsfreiheit zerstört.

Die USA haben also Meinungsfreiheit? Wie kann es dann angehen, dass der New-York-Times-Reporter James Risen massiv psychologisch unter Druck gesetzt wurde, seine Quelle aufzudecken? Die US-Verfassung und die Bestimmungen zum Schutz von Whistleblowern gelten auch für Risen und seine Quelle. Aber in den USA sticht »nationale Sicherheit« offenbar alles andere.

Dabei hat »nationale Sicherheit« überhaupt nichts mit nationaler Sicherheit zu tun, sondern nur damit, die Verbrecher in der US-Regierung davor zu schützen, dass sie jemand für ihre Verbrechen zur Verantwortung zieht. Wann immer Washington sich auf »nationale Sicherheit« beruft, können Sie mit hundertprozentiger Gewissheit davon ausgehen, dass die Regierung wieder einmal ein Verbrechen begangen hat. Nationale Sicherheit ist der Deckmantel, hinter dem Washington seine kriminellen Machenschaften versteckt. »Nationale Sicherheit« verhindert, dass die Verbrechen der Regierung ans Licht kommen und die Regierung Rechenschaft ablegen muss.

Da muss man sich doch fragen, welche Rolle das Thema »nationale Sicherheit« bei dem Gerichtsverfahren gegen Dschochar Zarnajew spielen wird, den angeblichen Bomber vom Boston-Marathon. Seit April 2013 befindet sich Zarnajew in Haft und am 22. April 2013 wurde Anklage gegen ihn erhoben. Doch erst jetzt, im Januar 2015, beginnt die Auswahl der Geschworenen. Warum diese lange Verzögerung? Das Gesetz sagt allen Bürgern ein Recht auf zügige Verhandlung zu, aber das bedeutet heutzutage offenbar nichts mehr.

Angesichts all der Anklagepunkte über den Bombenanschlag hinaus ist die lange Wartezeit rätselhaft, zumal die Regierung angeblich Augenzeugen und Schuldgeständnisse auffahren kann und die Zarnajew-Brüder in den Medien ohnehin bereits vorverurteilt wurden. Und bislang haben wir noch nichts von Dschochar Zarnajew selbst gehört. Wurde das Verfahren so lange aufgeschoben, um seine Konditionierung abzuschließen, ihn von seiner Schuld zu überzeugen und die vielen Fragen der alternativen Medien vergessen zu lassen? Dieser Gedanke drängt sich auf.

Printmedien und Fernsehen haben die Erklärungen der Regierung geschluckt und weiterverbreitet, ohne der Sache auf den Grund zu gehen. Die alternativen Medien dagegen haben großen Anstoß an jedem einzelnen Aspekt des Falls genommen. Seit der Regierung Clinton wissen wir: Am besten fährt man, wenn man der Regierung nicht ein einziges Wort glaubt.

Besonders verdächtig war das Tempo, mit dem ein Heer von 10 000 schwer bewaffneten Polizisten aus diversen Zuständigkeitsbereichen und mit militärischem Gerät bestückte Nationalgardisten auf den Straßen Bostons zu finden waren. Sogar Panzer und Panzerwagen hatten sie dabei. Noch nie zuvor wurde eine derart große Truppe mit schwerem militärischem Gerät zur Jagd auf Verbrecher eingesetzt, schon gar nicht für die Jagd auf einen einzelnen verletzten, unbewaffneten 19-Jährigen.

Eine derartige Streitmacht so rasch zusammenzustellen und in den Einsatz zu schicken, geht eigentlich gar nicht ohne vorherige Planungen. Was uns als Jagd auf einen schwer verwundeten Verdächtigen verkauft wurde, wirkt eher wie eine Übung und wie ein Präzedenzfall dafür, amerikanische Metropolen abzuriegeln. Mit vorgehaltenen Waffen wurden amerikanische Staatsbürger aus ihren Häusern vertrieben, damit wahllos Häuser durchsucht werden konnten – Maßnahmen, die nicht das Geringste zur Ergreifung des vermeintlichen Verdächtigen beitrugen. Die Wahrscheinlichkeit liegt doch praktisch bei null, dass ein Haushalt einen schwer verwundeten, unbewaffneten Flüchtling beherbergt, der an fehlender medizinischer Versorgung stirbt.

Und es war ja nicht nur so, dass Boston und die Vororte abgeriegelt waren. Die Luftfahrtbehörde schränkte den Flugverkehr über Boston ein und ordnete an, sämtliche Flüge vom Logan Airport zu stoppen. Warum?

Mehrere andere Städte in Massachusetts und sogar einige andere Bundesstaaten versetzten ihre Polizei in Alarmbereitschaft. Warum?

Vor Ort waren das FBI, das Amt für Alkohol, Tabak, Schusswaffen und Sprengstoffe, die CIA, die Drogenbehörde DEA und das National Counterterrorism Center. Der Bundesstaatsanwalt setzte sämtliche Ressourcen des Justizministeriums ein. Warum?

Darauf gibt es nur eine einzige plausible Antwort: Es sollte Angst und Schrecken verbreitet werden, damit die Öffentlichkeit nicht murrt, wenn Boston abgeriegelt wird und die Polizei serienweise die Privatsphäre von Bürgern verletzt. Ein einzelner, schwer verwundeter und unbewaffneter 19-Jähriger rechtfertigt in keinster Weise einen derartigen Aufwand und derart eklatante Verletzungen der Verfassungsrechte der Bürger.

Wer nicht an Gutgläubigkeit leidet, muss sich doch fragen, ob der Bombenanschlag in der Absicht geplant wurde, dass Zentral-, Bundesstaats- und Kommunalregierung hermetisch eine Großstadt abriegeln können. Bei einer im vergangenen Juli durchgeführten Umfrage unter Bewohnern Bostons gaben 42 Prozent an, sie hätten Zweifel an der offiziellen Darstellung der Ereignisse.

Wer gutgläubig ist, führt an dieser Stelle gerne an, dass sich doch bestimmt jemand verplappert hätte, wenn eine derartige Verschwörung real wäre. Aber die Menschen reden doch, es bewirkt nur nichts. Während der ersten Amtszeit von George W. Bush beispielsweise steckte ein NSA-Whistleblower der New York Times, dass die NSA unter Umgehung des für Auslandsgeheimdienste zuständigen Gerichts und ohne richterlichen Beschluss amerikanische Bürger bespitzelte. Gemäß US-Gesetz machten sich NSA und Regierung Bush damit der Absprache zum Verüben schwerer Straftaten (möglicherweise zum Zwecke der Erpressung) schuldig. Aber die New York Times legte die Geschichte ein Jahr lang – bis nach Bushs Wiederwahl – zu den Akten, was der Regierung Zeit genug gab, rückwirkend die Straftaten zu legalisieren.

Operation Gladio blieb jahrzehntelang geheim, bis der Präsident von Italien die Existenz des Programms aufdeckte.

Auch das Northwoods Project blieb jahrelang geheim, bis die zweite Kennedy-Kommission es aufdeckte.

Über 100 Ersthelfer, Polizisten und Feuerwehrleute gaben an, sie hätten Stock für Stock und sogar im Keller der Twin Towers Explosionen gehört und beobachtet. Was geschah auf diese Aussagen hin? Nichts.

Um die Erklärung der Behörde NIST zum Einsturz von World Trade Center 7 zu widerlegen, reichte ein einzelner Physiklehrer aus. Es ist schlüssig bewiesen worden, dass dieses Gebäude durch eine kontrollierte Zündung zum Einsturz gebracht wurde. Wie hat sich das auf die offizielle Darstellung ausgewirkt? Gar nicht.

In Büchern erklären Vorsitzende und Rechtsexperten der 9/11-Kommission, man habe ihnen Informationen vorenthalten, das US-Militär habe sie belogen und die Kommission sei von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen, das sei mit Absicht erfolgt. Weder der Kongress, noch die Medien oder die amerikanische Öffentlichkeit zeigten ein Interesse daran, der Frage nachzugehen, warum Informationen zurückgehalten wurden, warum das Militär gelogen hat und warum das Scheitern beabsichtigt war. Es sind außergewöhnliche Aussagen derjenigen, die die offiziellen Ermittlungen durchgeführt haben, aber welche Folgen hatten sie? Keine.

Selbst heute noch glaubt eine Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung Washingtons Propaganda, derzufolge Russland in der Ukraine eingefallen ist und einige Provinzen annektierte. Für ihr Urteilsvermögen und ihre Intelligenz sind weder die amerikanische Öffentlichkeit noch Amerikas Geschworenengerichte bekannt.

Die Regierung füttert die amerikanische Bevölkerung mit einer zusammengelogenen Geschichte und haut sich dann auf die Schenkel über die Gutgläubigkeit ihrer Bürger.

Amerikas Öffentlichkeit ist heutzutage gespalten. Auf der einen Seite stehen diejenigen, die sich auf die »Mainstream-Medien« verlassen, auf der anderen Seite diejenigen, die sich auf die alternativen Medien im Internet verlassen. Nur letztere haben auch nur ansatzweise eine Ahnung davon, was tatsächlich vor sich geht.

Bei den Geschichten von Charlie Hebdo und den Zarnajew-Brüdern werden nicht die Fakten im Mittelpunkt stehen, sondern die Interessen der Regierung. Und wie in der Vergangenheit werden die Interessen der Regierung den Vorzug vor den Fakten bekommen.

 

Copyright © 2015 by PaulCraigRoberts

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