Darf Satire alles? Im Prinzip ja. Natürlich darf sich ein Satiremagazin in einer freiheitlichen Gesellschaft über jedes Thema und jede Gruppe lustig machen oder deren Agenda auch in überspitzter Form kritisieren.

Die entscheidende Frage – und dies wird in den Medien völlig ausgeblendet – ist also nicht, was Satire darf, sondern, ob es überhaupt noch Satire ist, was die mutmaßlichen Täter letztlich zu ihrem Verbrechen getrieben hat. Die westlichen Medien, die sich jetzt scheinheilig vor “Charlie Hebdo” stellen und in heuchlerischer Weise die angebliche Meinungsfreiheit verteidigen, behaupten, es sei Satire, was dort gegen den Islam vorgebracht wurde und es sei deshalb legitim, schließlich würden auch andere Religionen karikiert und müssten sich damit abfinden.

Tatsächlich hat aber das, was in den vergangenen Jahren über den Islam ausgekübelt wurde, nichts mehr mit Satire zu tun und es ist hier schon allein die Menge, die den Unterschied macht.

Dieser Unterschied, zwischen gesellschaftlich notwendiger Satire und gesellschaftsschädlicher Volksverhetzung, ist der gleiche, wie der Unterschied zwischen dem Schluck Wasser und dem Folterinstrument Waterboarding. Ein täglicher Schluck Wasser ist lebensnotwendig, ein Übermaß ist lebensbedrohlich und zu viel Wasser ist tödlich. Das gilt gleichermaßen für Satire. In kleinen Dosen und selbst eingenommen ist sie Inspiration und für die Selbstreflektion einer Gesellschaft notwendig, aber in größeren Dosen und großflächig verabreicht, ohne dass man sich ihr entziehen könnte, wirkt sie volksverhetzend und letztlich tödlich.

Wenn ein kleines französisches Satiremagazin oder ein dänisches Provinzblatt Karikaturen über den Islam veröffentlichen, wird das in der breiten Gesellschaft nicht mehr als ein Achselzucken hervorrufen. Wenn aber eine ideologisch gleichgeschaltete Presselandschaft meint, es sei ein notwendiger Akt der Solidarisierung, dass man diese Karikaturen nachdruckt, um der angeblichen Pressefreiheit zur Seite zu springen, dann verwandelt sich Satire – allein durch das Übermaß der Dosis und die Gleichschaltung der veröffentlichten Meinung – in Volksverhetzung.

Ein weiterer Grund dafür, dass islamistische Täter der Meinung sein könnten, mit einer solchen Tat unter Gleichgesinnten auf großen Rückhalt zu stoßen, ist die evidente Doppelmoral und Heuchelei, mit der eine anglo-amerikanisch kontrollierte und subtil gleichgeschaltete Presse, Hetze gegen den Islam aus ideologischen und letztlich geopolitischen Gründen rechtfertigt oder selbst aktiv betreibt, während gleichzeitig jede auch nur vorsichtig geäußerte Kritik am israelischen Zionismus im Nahen Osten mit einem einstimmigen Chor aus “Antisemitismus“-Gekreisch abgestraft wird.

Die gleichen Hetzblätter und Schmierenjournalisten, die sich heute selbstgerecht, verlogen und um Beifall heischend, wegen ihres angeblichen Mutes, vor die vermeintliche Pressefreiheit stellen, indem sie ganz gezielt anti-islamische Hetzkarikaturen verbreiten, wissen genau, dass sie schon morgen vernichtet wären, wenn sie in gleicher Weise gegen Israel oder das Judentum agitieren würden. Diese Doppelmoral und Verlogenheit wird auch bei den Tätern den Eindruck bestärkt haben, Menschen zweiter Klasse und Anhänger einer Religion zu sein, die von der Mehrheit abgelehnt und in der Öffentlichkeit zur Verunglimpfung freigegeben ist.

Berliner Kurier
Sondersendung “Hart aber fair” in der ARD zum Anschlag auf Charlie Hebdo. Minutenlang weidet sich die Sendung an einer so verlogenen, wie hetzerischen Karikatur des Berliner Kuriers. Dass weite Teile der islamischen Welt in Blut versinken, ist in erheblichem Maß das Ergebnis westlicher Kolonial- und Imperialpolitik.

Mitverantwortlich für dieses Verbrechen sind all jene, die aus legitimer Satire eine breite Hetzkampagne gemacht und damit den Tätern berechtigte Gründe gegeben haben, zu glauben, sie wären die Einzigen und Letzten, die in einer christlichen Mehrheitsgesellschaft ihre islamische Religion gegen Verunglimpfung verteidigen. Dieses Verbrechen – von mutmaßlich in Frankreich sozialisierten Tätern – hätte in einer tatsächlich freien und ausgewogenen Presselandschaft, in der Journalisten eben auch sagen: wir finden es zwar legitim, dass derlei Karikaturen veröffentlicht werden, aber wir lehnen eine breite Hetzkampagne gegen den Islam entschieden ab, sehr wahrscheinlich nicht stattgefunden.

Für eine Tat wie in Paris muss erst der Nährboden bereitet werden und dieser liegt eben nicht in den Glaubenssätzen einer Religion – deren Mitglieder in überwältigender Mehrheit friedlich mit ihren Nachbarn leben – sondern in einem gesellschaftlichen Umfeld, das Menschen wegen ihrer Herkunft oder Religion ausgrenzt und ihnen den nicht unberechtigten Eindruck vermittelt, sich nicht anders, als durch Gewalt, Gehör und Aufmerksamkeit verschaffen zu können.

Satire darf alles – aber sie darf nicht zur Volksverhetzung missbraucht werden.