Polkov – Promised Land

 

Nashville liegt an der Mur

von Dominik Oswald

Wer glaubt, dass man von Graz aus keinen zeitlosen Americana-Folk-Klassiker machen kann, irrt. Polkov kriegen das bereits auf dem Debüt hin.

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Copyright: Alex Krischner, Phonotron

Die einen werden sagen, Graz, das ist ein Dorf. Die anderen werden aber sagen, Graz, das ist ein Biotop. Ein Biotop, in dem sich ein ganzer Haufen Musiker tummelt, um dann in sich immer ändernden Besetzungen neue Dinge auszuprobieren, neue Projekte zu starten und dann, im Idealfall, ganz wunderbare Alben herausbringen. Polkov sind genau so eine Grazer Band, alle Mitglieder haben schon ihre Abdrücke hinterlassen, unter den ehemaligen und noch aktuellen Bandprojekten finden sich steirische Kaliber wie Stereoface, Shaun Berkovits, Marta oder auch Farewell Dear Ghost.

Aber wo schon manch einer von der hundertsten Indie-Inkarnation zittert, nehmenPolkov einen bei den Hörnern und präsentieren auf ihrem selbstbetitelten Debütwunderbarsten Folk-Rock, der wahrlich keinen Vergleich – auch mit den allerallergrößten – scheuen muss. Vor allem jetzt, wenn die Winterzeit einem nicht nur kurzfristig eine Stunde mehr Fortgehzeit schenkt, sondern einem bewusst werden lässt, dass jetzt tatsächlich bald Winter ist und dass man den Parka entmotten muss, machen Polkov die Forward-Taste zur No-Go-Area. Streifzüge durch mittlerweile doch eisige Groß- und Kleinstädte werden zu Fernweh-Epiphanien. Liegt nicht nur am Wetter, sondern an Polkov. Man will nicht mehr in Graz, Wien oder Völkermarkt sein, man will nach Nashville, nach Memphis, nach Portland/Oregon, nach Omaha. Ins Land, wo zwar nicht Milch und Honig, aber Bourbon und Pedal-Steel-Gitarren fließen.

Das klingt nicht nach Graz, das darf gar nicht sein

Es ist nicht ganz so leicht, als europäische Band so amerikanisch zu klingen. Wie gesagt, kein Vergleich muss gescheut werden: So hätten Foxygen klingen können, wenn die sich zusammengerissen und den Glam zuhause gelassen hätten. So haben Whiskeytown auf ihrem Höhepunkt geklungen, auch Band of Horses, so um 2007 herum, sind nicht die allerschlechtesten Referenzen. Da macht es auch nichts, dass die omnipräsente und sehr präzise Pedal-Steel von keinem Grazer gespielt wird, sondern von Jon Graboff aus New York, der auch schon Norah Jones und Noel Gallagher unterstützt hat. Sänger und Mastermind Laurenz Jandl, der sich tatsächlich zum Ryan Adams der Murmetropole aufschwingt, singt dazu meistens – obwohl er sich natürlich dem 70ies-Flair seiner SpielkameradInnen bewusst ist – in unpeinlich gutem Englisch dann von postmodernen Themen, Nerd-Folk my ass. Da geht es um Zelda oder etwa Hermione Granger.

»Polkov« fängt dann als Großreinemachen an: »This Is Where It Ends / Seems Like a Good Place to Start« vom Opener und der ersten Single – sieht man auch immer häufiger –»Kamaro’s Song« zeigt so den Weg an – das Hintersichlassen aller musikalischen Altlasten, hin zu diesem, auch in Graz nicht so oft gehörtem, Folk-Rock, der, wenn man ihm beim Sex hört, immer ein bisschen sehr viel Intimität herstellt. Die wird aber meistens aufgebrochen, »Put Back The Vinyl in It’s Order, Babe / I Told You a Million Times to Keep Your Hands of My Shit« aus »Changes« ist da nur ein Beispiel daraus.

Das an Höhepunkten und Hits nicht arme Debüt entfaltet vor allem in der zweiten Single»Promised Land« seine volle Wirkung, die Bar, die darin besungen wird, die ganz in der Nähe des Grazer Stadtparks liegt, ist die Kombüse.Sonst gibt es ja nicht mehr viele Orte der Gegenkultur in Graz. Und dass Jandl im Refrain »I’m Sad, So Very Very Sad« singt, lässt halt auch die Herzen der Americana-Fans unter uns schmelzen. Und dass selbst Stereoface-Mastermind Paul Pfleger, der hier ins zweite Glied rückt, mit »Paul’s 316th Dream« seinen überhaupt besten Song ever für »Polkov« aufhebt, sagt auch einiges. Auch wenn sein Traum nicht ganz so gut zu den anderen Lieder passt.

Ohne sich aus dem Fenster zu lehnen

Das Album hört sich wunderbar durch, es gibt nur den einen Moment in »Strangers«, wo der Höher aus der umkuschelnden Geborgenheit, die einen über die gesamte Albumlänge einnimmt, gerissen wird, wenn auf einmal alles drunter und drüber geht, Feedback sich an Free-Jazz-Bläser reibt und alles kakophon grausam werden lässt, nur um gleich nach dem Abebben wieder alles in alte Bahnen zurückzulenken. Es sind eben diese Bahnen, die »Polkov« zum – in der Redaktion nicht ganz unwidersprochen aber doch wirklich – besten österreichischen Album des Jahres, das nicht von Problembär Records stammt, machen. Ohne Schmäh.

 

»Polkov« von Polkov erscheint am 31. Oktober 2014 via Phonotron. Tags zuvor, also am 30.10. gastieren sie in der Fluc Wanne, Support kommt von den nicht minder guten Bluesrockern Marta, deren Debüt wohl im nächsten Frühjahr erscheint. Am 31.10. spielen Polkov im Forum Stadtpark in Graz, der Kombüse nicht unnah, und am 13.12. im St. Pöltner Kling Klang.

Quelle:  http://www.thegap.at/musikstories/artikel/nashville-liegt-an-der-mur/

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