Hat das türkische Modell ausgedient?

Junge Frauen protestieren am Taksim-Platz in Istanbul gegen die Regierung Erdogan.
Junge Frauen protestieren am Taksim-Platz in Istanbul gegen die Regierung Erdogan. (Bild: Redux / Laif)

Die Türkei ist in den letzten Jahren als Modell für die arabische Welt bezeichnet worden. Die Protestbewegung offenbart jedoch die Mängel. Sie könnte den Anstoss dazu geben, das Land weiter zu demokratisieren.

Inga Rogg, Istanbul

Ein Land, in dem junge Pärchen in aller Öffentlichkeit knutschen, Frauen herumlaufen können, wie es ihnen gefällt, es auch im Fastenmonat Ramadan Alkohol gibt, in dem konservative Werte wie Familie und Ehre trotzdem wichtig sind und fromme Muslime auf ihre Kosten kommen, weil sich niemand über ihre Bet-, Ess- und Kleidergewohnheiten mokiert. Ein Land, dessen Wirtschaft boomt, dessen Regierung demokratisch legitimiert ist und das vor Selbstbewusstsein strotzt. Ob der Geschäftsmann aus Teheran, die Aktivistin aus Kairo, die Studentin aus Kuwait oder der Angestellte aus dem Irak – die Besucher aus dem Nahen Osten sind fasziniert von der Türkei. Als erfolgreiche Mischung der eigenen Kultur und europäischer Ordnung nehmen viele die Türkei wahr.

Unvollendete Reformen

Nun haben die Proteste das positive Image beschädigt, zu dem auch die beliebten türkischen Seifenopern beigetragen haben. Von einem «türkischen Frühling» analog zum «arabischen Frühling» ist die Rede, der Taksim-Platz wird mit Kairos Tahrir-Platz verglichen.

Mit einem Schlag scheint das Modell der Türkei, die Verbindung von Islam und Demokratie, gescheitert zu sein. Die Reaktionen in der arabischen Welt spiegeln freilich eher die internen Auseinandersetzungen in diesen Ländern wider oder zeigen, wie im Fall von Syrien, Iran und des Iraks, die aussenpolitischen Verwerfungen und die Spannungen zwischen Sunniten und Schiiten. Anhänger der Muslimbrüder in Nordafrika werfen der türkischen Protestbewegung vor, sie wolle das Rad zurückdrehen und den Wandel stoppen, den die islamische türkische Regierung auf den Weg gebracht habe. Ihre Gegner sehen es genau umgekehrt. Staatsnahe iranische Medien berichten genüsslich über die Proteste, der Irak und Syrien warnen ihre Bürger vor Reisen in die Türkei. Die Schadenfreude ist dabei kaum zu überhören.

Wer jetzt den türkischen Weg für gescheitert erklärt, schüttet das Kind aber womöglich mit dem Bade aus. Denn viele Reformen, die in den Ländern des «arabischen Frühlings» erst noch auf den Weg gebracht werden müssen, hat die Türkei längst vollzogen, allen voran die wirtschaftliche Liberalisierung. Als einziges mehrheitlich muslimisches Land hat die Türkei eine breite Mittelschicht, zu der auch viele Fromme und Konservative gehören. Die Gefahr, dass putschende Generäle mit Panzern aufmarschieren und die Demonstranten am Galgen landen, ist gebannt. Weiterhin sitzen freilich mehrere tausend Aktivisten, Politiker, Journalisten und Anwälte im Gefängnis, vor allem Kurden. Medien werden eingeschüchtert, Selbstzensur ist weit verbreitet, wie die nur zögerliche Berichterstattung über die Proteste gezeigt hat. Korruption und Vetternwirtschaft gibt es auch in der Türkei. Das türkische Modell hatte also schon immer dunkle Seiten. Die Protestbewegung könnte dazu führen, dass diese am Ende verschwinden.

Mehr Rechte

Sieht man sich am Taksim-Platz und anderswo um, fällt vor allem auf, wie wenig sich die Demonstranten über einen Kamm scheren lassen. Neben eingefleischten türkischen Nationalisten stehen Kurden, die Autonomie wollen. Angehörige der Minderheit der Aleviten demonstrieren mit gläubigen Sunniten, die Spassgesellschaft versammelt sich neben Herren in Anzügen. Die alten Kategorien von links und rechts, die über Jahrzehnte die politischen Auseinandersetzungen in der Türkei bestimmten, gelten nicht mehr. Es gibt keine Strassenschlachten zwischen den politischen Lagern wie in der Vergangenheit. Selbst der Widerspruch Säkulare gegen Islamisten trifft nur teilweise zu. Am ehesten ist es eine Bewegung, die sich mit den Jugendbewegungen in Europa vergleichen lässt. Die meisten lehnen den Obrigkeitsstaat ab, der die Türkei in vielerlei Hinsicht immer noch ist. Sie wollen eine sozial und politisch liberalere Gesellschaft. Insofern könnte die Bewegung den Anstoss für weitere Reformen geben. Gelingt ihr das, könnte die Türkei tatsächlich zum Vorbild für den Nahen Osten werden.

Versöhnliche Töne des stellvertretenden Regierungschefs

(Reuters/afp) ⋅ Nach tagelangen Protesten und Kritik am harten Einschreiten der Polizei gegen die Demonstranten geht die türkische Regierung auf die Protestierenden zu. «Die exzessive Gewalt, die anfangs gegen jene eingesetzt wurde, die ihre Sorge um die Umwelt äusserten, war falsch und unfair», erklärte der stellvertretende Ministerpräsident Bülent Arinc am Dienstag in Istanbul. Er sei bereit, sich mit Organisatoren der Kundgebung zur Erhaltung des Taksim-Platzes zu treffen, sagte Arinc. Diese Worte stehen im Kontrast zu den zuvor geäusserten harten Vorwürfen von Ministerpräsident Erdogan. Am Dienstag begann die Gewerkschaft des öffentlichen Dienstes einen zweitägigen Streik, um gegen den harten Einsatz der Polizei zu protestieren. Am Montag war ein zweiter Demonstrant umgekommen. Der 22-Jährige sei bei einer Kundgebung der Regierungsgegner in Antakya erschossen worden, teilte die Regionalregierung der Provinz Hatay mit. Wer geschossen hat und die genauen Umstände waren zunächst unklar. Am Tag zuvor war in Istanbul ein Demonstrant von einem Taxi angefahren und tödlich verletzt worden. Innenminister Güler präsentierte am Dienstag eine vorläufige Schadensbilanz. «Sicher müssen wir von Schäden in der Höhe von mehr als 70 Millionen Lira (rund 35 Millionen Franken) ausgehen», sagte der Minister in einer Parlamentsdebatte in Ankara.

Quelle:  http://www.nzz.ch/aktuell/international/hat-das-tuerkische-modell-ausgedient-1.18093189

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