Chronik des Euro-Hawk-Debakels

Eine Drohne vom Typ Euro Hawk im Flug - Foto: Jürgen Dannenberg (HSG Zander/dpa)

Hunderte Millionen Euro kostete die Entwicklung der Aufklärungsdrohne „Euro Hawk“. Bis vor Kurzem hielt Verteidigungsminister Thomas de Maizière an dem Projekt fest, obwohl sich Probleme lange abzeichneten. Eine Chronik.

Bereits 2001 leitete die rot-grüne Bundesregierung die Entwicklung einer Aufklärungsdrohne für Deutschland ein. Unter fünf Verteidigungsministern wurde das unbemannte Flugzeug „Euro Hawk“ geplant und erprobt, obwohl es offenbar frühzeitig Warnungen vor Zulassungsproblemen gab. Wir dokumentieren das Projekt vom Start bis zu dessen plötzlichem Ende.

2001

Verteidigungsminister Rudolf Scharping (SPD) bringt mit der rot-grünen Bundesregierung die Entwicklung einer Aufklärungsdrohne auf den Weg. Sie soll in mehr als 20 Kilometern Höhe fliegen und mit modernster Technik Funk- und Radarsignale erfassen. Hersteller wird das US-Rüstungsunternehmen Northrop Grumman, die Aufklärungstechnik kommt vom europäischen Luftfahrtkonzern EADS, so sieht es die Planung vor.

2003

Zur Amtszeit von Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) fliegt die US-Drohne „Global Hawk“ zum ersten Mal zu Testzwecken über Deutschland. Dieser Typ soll zum Euro Hawk weiterentwickelt werden. Die sechs erfolgreichen Flüge bilden die Grundlage für die spätere Zusammenarbeit der Konzerne mit dem Verteidigungsministerium.

2004

Die Bundeswehr fordert die Firmen EADS und Northrop Grumman auf, ein Angebot über die Entwicklung, Herstellung und Auslieferung eines Euro Hawks anzubieten.

Erste Zweifel an dem Projekt werden laut. Ein Mitarbeiter von EADS warnt, dass insbesondere während des Starts und der Landung ein Kollisionsschutzsystem nötig sei. Auch Flugsicherung, Industrie und Bundeswehr sollen mehrfach auf das Problem hingewiesen haben.

2005

EADS und Northrop Grumman gründen im November für das Drohnenprojekt die Euro Hawk GmbH, im Dezember geben sie ein Angebot ab.

Rückblickend sagte jetzt der damalige Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) der „Bild am Sonntag“, der Vertrag über den Euro Hawk habe sowohl eine Regressklausel enthalten als auch einen automatischen Kollisionsschutz festgeschrieben. Eine öffentliche Ausschreibung des Drohnenprojekts gibt es offenbar nicht.

2007

Der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages genehmigt Ende Januar das Programm. Das Verteidigungsministerium unterschreibt daraufhin mit der Euro Hawk GmbH einen Vertrag über das Drohnenprojekt. Es hat einen Umfang von 430 Millionen Euro.

2009

Im Sommer 2009 schlagen Prüfer der Bundeswehr wegen Problemen bei der Zulassung Alarm, so aktuelle Recherchen des „Spiegels“. Ihre Kritik: Der Hersteller habe keine anerkannten Konstruktionsunterlagen zur Verfügung gestellt. Unklar sei auch, ob die Angehörigen des deutschen Militärs überhaupt die Befugnis hätten, der Drohne die Flugtauglichkeit zu bescheinigen.

Dennoch habe später auf Druck des von Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) geleiteten Verteidigungsministeriums ein Bundeswehr-Prüfer die nötigen Tests für eine vorläufige Zulassung vorgenommen.

2010

Der Euro Hawk ist im Juni erstmals in der Luft unterwegs. Die Drohne fliegt im US-Bundesstaat Kalifornien vom Northrop-Grumman-Werk in Palmdale zur Edwards Air Force Base. Der Flug dauert zwei Stunden.

2011

Am 20. Juli startet die Überführung nach Deutschland. Nach 22 Stunden Flugzeit landet die Drohne auf dem Fliegerhorst Manching bei Ingolstadt.

Offiziell wird dies als Erfolg gewertet. Der Flug läute eine neue Ära der Aufklärung ein, heißt es euphorisch. Zu dem Zeitpunkt besitzt die Drohne eine vorläufige Verkehrszulassung. Sie darf deshalb nur in gesperrten Lufträumen starten und landen.

Während des Flugs soll der Kontakt zur Drohne abgebrochen und das Flugzeug vom programmierten Kurs abgewichen sein. Die US-Sicherheitsbehörden hatten offenbar zudem eine Überfluggenehmigung für den Euro Hawk über die Vereinigten Staaten abgelehnt.

Das Bundesverteidigungsministerium, jetzt unter Ressortchef Thomas de Maizère (CDU), stellt fest, dass eine Musterzulassung der Drohne nur mit Mehrkosten von 500 bis 600 Millionen Euro möglich ist.

2012

Auf der Luftfahrtkonferenz in Montreal im Dezember 2012 bekräftigt die deutsche Delegation, dass sie am Projekt festhält, auch wenn der automatische Kollisionsschutz bei der Drohne fehlt. „Das Fehlen einer zusätzlichen Detect-and-Avoid-Kapazität erscheint akzeptabel“, heißt es damals. Eine solche Technik ist aber für eine Zulassung im europäischen Luftraum zwingend erforderlich.

Der Bundesrechnungshof beklagt, dass das Verteidigungsministerium den Zugang zu Unterlagen über den Euro Hawk verweigert.

2013

Die Drohne fliegt Anfang des Jahres sechs Stunden lang über Deutschland. Der Test wird ebenfalls als Erfolg gewertet.

Dennoch stoppt Verteidigungsminister de Maizière im Mai das Drohnenprojekt wegen massiver Probleme bei der Zulassung für den europäischen Luftraum. Für 120 Komponenten fehlen die Konstruktionsdokumente. Weil die Kritik immer lauter wird, kündigt de Maizière zudem an, dem Bundesrechnungshof die sensiblen Dokumente zum Euro Hawk ungeschwärzt zukommen zu lassen.

Kurz darauf teilen Northrop Grumman und EADS mit: „Medienberichte über Probleme mit der Flugsteuerung und ungeheure Kosten für die Beendigung des Zulassungsverfahrens treffen nicht zu.“ Das ganze Euro-Hawk-System habe einwandfrei und sicher über die gesamte Testphase hinweg funktioniert. Damit widersprechen die Konzerne dem Verteidigungsministerium. Das hatte den Abbruch eben mit den zu erwarteten Mehrkosten von bis zu 600 Millionen Euro für eine Zulassung begründet.

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