Der Spiegel und die „Gewalt gegen Männer“

Häusliche Gewalt SpiegelOnline präsentiert die Ergebnisse einer Gesundheitsstudie (DEGS1). Überraschende Botschaft des Beitrages: „Männer sind Opfer“. Doch stimmt das überhaupt?

Der Spiegel und die "Gewalt gegen Männer"

Andernorts demonstriert man gegen Gewalt gegen Frauen
Joel Saget / AFP / Getty

SpiegelOnline präsentierte gestern die Ergebnisse einer groß angelegten Gesundheitsstudie (DEGS1), die u.a. vom Robert Koch-Institut durchgeführt wurde. Überraschende und viel diskutierte Botschaft des Beitrages: „Gewalt gegen Männer„.

Referenz des Artikels ist der Teilbericht der DEGS1-Studie „Körperliche und psychische Gewalterfahrungen in der deutschen Erwachsenenbevölkerung„. Und gleich im Anreisser des Artikels wird darauf verwiesen, dass Frauen in Partnerschaften gewalttätiger seien als Männer:

„Frauen werden ihrem Partner gegenüber häufiger gewalttätig als Männer“

 

Von der Studie zur Schlagzeile

Gespickt mit traurigen Homestorys von Männern mit Gewalterfahrung aus ihren Partnerschaften, werden die einzelne  Zahlen und Einschätzungen aus der Gesundheitsstudie vorgetragen. Auch wenn  an keiner Stelle behauptet wird, dass Männer in Partnerschaften stärker von Gewalt betroffen seien, als Frauen,  wird durch die Zusammenstellung einzelnen Studienergebnisse und aus dem Zusammenhang gerissener Zitate genau dieser Eindruck erweckt.

Ein Beispiel. Im Artikel der beiden Autoren Hendrik Ternieden und Benjamin Schulz heisst es:

…Fälle, in denen Männer die Opfer sind, und glaubt man den Ergebnissen der Studie, sind sie häufiger, als gemeinhin angenommen wird. „Gewalt ist nicht ausschließlich eine Erfahrung von Frauen“, sagt Hölling. „Uns haben die Ergebnisse überrascht.“ Der Befund: Frauen sind „häufiger als Männer Ausübende körperlicher Partnergewalt, aber auch Ausübende von Gewalt gegenüber sonstigen Familienmitgliedern“.

Die journalistische Aussage („Männer sind häufiger Opfer  als gemeinhin angenommen“) wird explizit und auch gleich im Folgesatz mit der vorliegenden Studie begründet („glaubt man den Ergebnissen der Studie“). Doch weder die Zahlen noch die Zitate von Heike Höfling sind geeignet, diese These zu belegen.

Zwar sagt die Autorin der Studie in Bezug auf die Ergebnisse der Untersuchung, dass „Gewalt ist nicht ausschließlich eine Erfahrung von Frauen“ sei – aber sie trifft eben keine Aussage darüber, dass Männer häufiger Opfer von Gewalt werden.  Statt dessen wird sie mit der Einschätzung zitiert, Frauen seien „häufiger als Männer Ausübende körperlicher Partnergewalt„.

Das klingt nur auf den ersten Blick wie ein Beleg für die unterschätzte Opferrolle der Männer. Die Studienergebnisse korrekt wiedergegeben, hätte es heißen müssen: „Frauen gaben häufiger als Männer an, Ausübende körperlicher Partnergewalt zu sein„.

Klingt ganz ähnlich, ist aber ein gravierender Unterschied: Während im SpiegelOnline-Beitrag Tatsachen suggeriert werden („sind“), verweist die Studie auf die hochgradig subjektive Komponente(„gaben an“ ) solcher Surveys.

Was sagen uns die Zahlen?

Kann die Studie die These von der Gewalt gegen Männer in Partnerschaften bestätigen? Was sagt uns die Studie? Erst einmal, dass Frauen häufiger als Männer davon berichten, Gewalt in der Partnerschaft auszuüben und Männer trotzdem nicht häufiger als Frauen Opfer partnerschaftlicher Gewalt werden. Klingt verwirrend – und ist es auch.  Leider hat der Beitrag bei SpiegelOnline nicht dazu beigetragen, Licht in diese Konfusion der Zahlen und Fakten zu bringen und sich für eine sehr einseitige Interpretation entschieden.

Was sagen und die Ergebnisse der Umfrage? Die Diskrepanz zwischen den Angaben zu Gewalterfahrungen und eigenen Gewalttätigkeiten durchzieht die gesamte Studie und wird im SpiegelOnline-Artikel auch sachkundig als das Problem der „sozialen Erwünschtheit“ benannt:

„Wie ehrlich und umfassend die Befragten Auskunft gaben, lässt sich bei einem solch heiklen Thema nur schwer sagen.“

Kein Wunder also, dass es mehr Angaben zu Gewalterfahrungen gibt, die den Befragten widerfahren sind, als offen eingestandene Gewalttätigkeiten. Während 4,8% der Befragten angeben, in den letzten 12 Monaten* Opfer von körperlicher Gewalt geworden zu sein, geben nur 3,7% an, selbst eine solche ausgeübt zu haben. Die Differenz zwischen Gewalterfahrung und eingestandener Gewaltausübung beträgt demnach knapp 23 Prozent. Die Differenz zwischen Gewalterfahrung von Männern (6,9%) und ihren eigenen Gewalttätigkeiten (3,9%) fällt dabei deutlich größer aus als bei den Frauen (3,3% vs. 3,4%).

 * (alle Zahlen der Studie beziehen sich auf erlebte und ausgeübte Gewalterfahrungen in den letzten 12 Monaten vor der Befragung. Neben der Scham, über Gewalterfahrungen zu sprechen, einer der Gründe warum die Zahlen auf den ersten Blick so harmlos wirken.)

Markante Geschlechtsunterschiede im Antwortverhalten

In der von SpiegelOnline so prominent diskutierten Sphäre der häuslichen und partnerschaftlichen Gewalt wird diese Geschlechterdifferenz in Form einer markante Antinomie der subjektiven Erfahrungen besonders deutlich: Nur ein knappes Viertel der Gewalterfahrungen gegen Frauen (1,2%) wird von den eingestandenen Gewalttätigkeiten von Männern (0,3%) gedeckt. Wenn wir davon ausgehen, dass überwiegend Probanden in Hetero-Partnerschaften befragt wurden, dann wirft dieses Missverhältnis vor allem Fragen zum Antwortverhalten der befragten Männer auf. Während sie in vielen anderen Bereichen die Ausübung körperlicher Gewalt relativ offen zugeben, scheint sich ausgerechnet für den Bereich der Gewalt in Partnerschaften eine maßgebliche Verzerrung durch die ’sozial erwünschten Antworten‘ zu ergeben. Die Studie zeigt an dieser Stelle vor allem eines: Wenn Männer ihre Partnerinnen verhauen oder misshandeln, hat der größte Teil von ihnen es spätestens bis zur Befragung wieder „vergessen“. Das Tabu scheint sich also eher auf die „Gewalt gegen Frauen“ zu beziehen – womit sich aus der Studie also genau das Gegenteil der Behauptung des Artikles herauslesen lässt.

Diese männliche Verdrängungsleistung hätte eine spannendes journalistisches Thema sein können – war es aber für die beiden Autoren von Spiegel Online nicht. Trotz der konfusen Datenlage wird die Studie von den beiden Journalisten als Beleg für das angeblich tabuisierte Thema der Männer als Opfer herangezogen. Im Artikel heisst es:

‚Männer als Gewaltopfer‘ sind gesellschaftlich noch weitgehend tabuisiert

Gibt das die Untersuchung tatsächlich her? Schauen wir uns also auf der Suche nach den männlichen Opfern partnerschaftlicher Gewalt die Ergebnisse der Studie genauer an.  Welche Fakten werden dort präsentiert:

  • Die Erfahrung von körperlicher Gewalt in der Partnerschaft liegt bei Frauen (1,2%) um ein Drittel höher als bei Männern (0.9%).
  • Während 1,3% der Frauen angeben, selbst körperliche Gewalt in der Partnerschaft ausgeübt zu haben, berichten nur 0.9% der Männer davon, diese erlebt zu haben.
  • Auf der anderen Seite haben 1,2% der befragten Frauen Gewalt in der Partnerschaft erfahren, aber nur 0,3% geben an, selbst gewalttätig gewesen zu sein.

Können diese Zahlen, die Männer-sind-häufiger-Opfer-These bestätigen? Nein. Sie zeigen jedoch,

a) dass  mehr Frauen als Männer von Gewalterfahrungen in der Partnerschaft berichten und

b) Männer sich selbst in Bezug auf Gewalt in der Partnerschaft häufiger als Opfer denn als Täter sehen. Die Gewalterfahrungen von Frauen deuten jedoch auf eine erhebliche Dunkelziffer männlicher Gewalttäter in Partnerschaften.

Statt über die „Tabuisierung der Gewalt gegen Männer in Partnerschaften“ zu philosophieren, erscheint es mir sinnvoll, der Frage nachzugehen, ob denn die Gewalt in Partnerschaften für Männer überhaupt ein empirisch relevantes Problem darstellt.

Ein Blick auf die Zahlen lässt eher das Gegtenteil vermuten. Die Studie zeigt, dass Männern in allen Kontexten außerhalb der Partnerschaft von mehr Gewalterfahrungen berichteten. Eine kleine Rangliste männlicher Gewalterfahrungen:

  1. Unbekannte:  3,8%
  2. sonstige Bekannte: 1,3%
  3. Kollegen/Vorgesetzte: 1,0%
  4. sonstige Familienangehörige: 1,0%
  5. Partner: 0,9%

Das Ergebnis der Studie: Für Männer weist die Partnerschaft die geringsten Gefahr auf, Opfer körperliche Gewalt zu werden. Die Zahlen zeigen, dass der Bereich der Partnerschaft für die allgemeine Gewalterfahrung von Männern nur eine untergeordnete Rolle spielt. Das angebliche Tabu könnte sich so womöglich als empirische Irrelevanz herausstellen.

Wie sehen die berichteten Gewalterfahrungen der Frauen aus? Auch hier eine Rangfolge nach Anteilen von Berichten über widerfahrene körperliche Gewalt:

  1. sonstige Bekannte: 1,5%
  2. Partner: 1,2%
  3. Kollegen/Vorgesetzte: 0%
  4. sonstige Familienangehörige: 0,5%
  5. Unbekannte:  0,5%

Das Ergebnis de Studie: Für Frauen ist die Partnerschaft gleich nach den ’sonstigen Bekannten‘  der Bereich aus denen die meisten Gewalterfahrungen berichtet werden.

Den Ergebnissen der Studie entsprechend hätte die Schlagzeile bei SpiegelOnline ebensogut lauten können: „Studie bestätigt Gewalt gegen Frauen“.  Hat sie aber nicht, wäre vermutlich ’nichts Neues‘ gewesen, und deshalb auch nicht berichtenswert.   Dieser Mann-beisst-Hund-Journalismus erscheint mir für eine ernsthafte Auseinandersetzung (nicht nur zu diesem Thema) nicht wirklich geeignet.

Quelle:  http://www.freitag.de/autoren/andrej-holm/der-spiegel-und-die-gewalt-gegen-maenner

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