Der enttarnte Chef der Schatten-CIA

George Friedman betrieb sein Geschäft im Verborgenen. Doch seit dieser Woche stehen die Geheimdienstmethoden seiner Firma Stratfor offen im Netz – und offenbaren peinliche Einblicke.

Schon im Jahr 2004 global orientiert: Stratfor-Chef George Friedman. Quelle: dapdSchon im Jahr 2004 global orientiert: Stratfor-Chef George Friedman. Quelle: dapd


Ein Ratschlag wie aus einem James Bond-Film. „Wenn die Quelle wertvoll ist, dann musst Du sie unter Kontrolle bringen”, schrieb George Friedman am 6. Dezember 2011 an eine Mitarbeiterin in Venezuela. „Kontrolle bedeutet: finanzielle, sexuelle oder psychologische Kontrolle bis zu dem Punkt, an dem die Quelle bereit ist, Anweisungen entgegenzunehmen.“

George Friedman ist enttarnt. Der Mann, der aussieht wie der nette Opa von nebenan, der sich stets unscheinbar gab und seine Rolle herunterspielte so weit es nur ging, hat keinen Zug mehr frei. Vor wenigen Tagen veröffentlichte die Internetplattform Wiki-Leaks rund 150 E-Mails der US-Strategieberatung Stratfor, die Friedman 1996 gründete. Es sind die ersten Tropfen eines gigantischen Unwetters – Wiki-Leaks wurden nach eigenen Angaben fünf Millionen dieser Mails zugespielt.

Friedman ist damit in der schlimmsten Lage, die man sich für einen Mann wie ihn vorstellen kann. Seine Firma, lebt von Geheimnissen. Zu ihren 30.000 Kunden zählen US-Militärs und Hedge-Fonds-Manager, hohe Politiker und internationale Konzerne. Wofür genau sie Stratfor bezahlten, war bisher unbekannt. Dann drangen Hacker in das Firmennetz ein.

Nun liegt alles offen. Psychologische Kontrolle von Quellen, Überweisungen an Informanten im Mittleren Osten, Spitzelaktionen für den Chemiekonzern Dow Chemical. Aber Friedman bleibt schmallippig. Das graue Haar ordentlich gekämmt, die Stirn in Sorgenfalten gelegt, die braunen Augen mit einem Dackelblick versehen, verschickt Friedman über die Stratfor-Internetseite eine Videobotschaft.

„Wir bei Stratfor erklären, was passieren wird“

Darin tadelt Friedman mit leiser Stimme die Diebe, die ihm seine Daten gestohlen haben. Gleichzeitig sträubt er sich gegen jede Frage, die die Daten nahelegen. Durch die Beantwortung solcher Fragen, sagt Friedman, würde sich Stratfor „ein zweites Mal zum Opfer machen.“

Doch ob er sie nun beantwortet oder nicht – die Fragen stehen im Raum. Welchen Zugang hat Stratfor zu US-Botschaften? Friedmans Vize Fred Burton war früher selbst Agent des diplomatischen Sicherheitsdienstes im US-Außenministerium. Suchen Firmen wie Dow Chemical und Coca Cola deshalb Rat bei Stratfor, weil die Firma wie ein Geheimdienst arbeitet, aber nicht wie ein Geheimdienst kontrolliert wird?

Friedman wies den Vorwurf, eine Schatten-CIA zu führen, stets zurück. Der Politologe, der als Sohn ungarischer Eltern in den 1950er Jahren in die USA kam, verfolgte in seiner ersten Lebenshälfte eine akademische Karriere, und lehrte an einem traditionsreichen College in Pennsylvania, wo er sich mit dem Marxismus und der Frankfurter Schule beschäftigte. Sein Talent als Zukunftsforscher erkannte er erst später.

„Journalisten erklären, was in der Welt passiert, sagt Friedman. „Wir bei Stratfor erklären, was passieren wird.“ Seine Prophezeiungen sind allerdings oft nicht nur gewagt. 1991 erklärte Friedman in seinem Buch „Der kommende Krieg mit Japan“ auf 430 Seiten, warum die US mit Raketen und Panzern um die Weltherrschaft kämpfen würden. In seinem 2009 erschienenen Buch „Die nächsten 100 Jahre“ beschreibt Friedman einen Krieg zwischen den USA und Polen auf der einen und Japan und der Türkei auf der anderen Seite. Den Hackerangriff auf seine eigene Firma sah er nicht voraus.

Quelle:  http://www.handelsblatt.com/unternehmen/management/koepfe/george-friedman-der-enttarnte-chef-der-schatten-cia/6279224.html

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