Afghanistan und die Drogen: Verteidigt die NATO am Hindukusch das größte Geschäft der Welt?

Es war ein Silvesterkracher der besonderen Güte: Zum Jahreswechsel lief die Meldung über die Nachrichtenticker, das NATO-Einheiten am Hindukusch höchst unsaubere Geschäfte betrieben.



»Die britischen Militärkräfte in Afghanistan sollen in den Drogenhandel des Landes verwickelt sein«. Das sagte der Berater des afghanischen Präsidenten Karsai, Waezi. »Es gebe Beweise dafür, dass die englischen Truppen in der Provinz Helmand nicht nur nichts gegen Drogenschmuggel unternähmen, sondern sogar in den Drogenhandel verwickelt seien«, sagte Waezi dem Nachrichtensender Press TV. Auch beim Opiumanbau und bei der Drogenproduktion in Afghanistan sollen die britischen Soldaten die Hände im Spiel haben, hieß es.

Nur Wochen zuvor hatte sich der russische Aussenminister Sergej Lawrow im internationalen Forum „Entwicklungsziele des Millenniums in Osteuropa und Zentralasien“ „befremdet“ darüber geäussert, dass die mit den Briten verbündeten USA nicht gewillt waren, die Anbauflächen des Opiummohns in Afghanistan zu vernichten. Der ehemalige General der russischen Streitkräfte in Afghanistan, Mahmut Gareev,ging in seiner Bestandsaufnahme noch einen Schritt weiter. In einem Interview mit RussiaToday sagte er: „Die Amerikaner stoppen nicht die Drogenproduktion in Afghanistan, vielmehr finanzieren sie sich damit. … Die Amerikaner geben zu, dass sie Drogen oftmals in ihren eigenen Flugzeugen außer Landes bringen. Der Drogenhandel bringt ihnen im Jahr 50 Milliarden Dollar ein. Sie tun nichts, um den Drogenhandel zu stoppen.“

Die Profitschätzung des russischen Militärs liegt niedrig, aber sie reicht, um zu erklären, warum ein global Player wie die USA daran Interesse finden kann, durch seine und verbündete Staaten den Drogenhandel staatlich „sichern“ zu lassen. Zur Aufbesserung „Schwarzer Kassen“, mittels derer sich dann, ohne den mühsamen Umweg parlamentarischer Mittelbeschaffung beschreiten zu müssen an allen Gremien vorbei Finanzbetrügereien, Geheimdienstoperationen (Iran Contra) und unpopuläre Bürger- bzw. reguläre Kriege elegant finanzieren lassen.

Tatsächlich gibt es wohl keinen Staat, der durch Regierungsbehörden den internationalen Rauschgiftkonsum ebenso versteckt wie massiv unterstützt und gefördert hat wie die USA. Alfred W. McCoy, Professor für südostasiatische Geschichte an der University of Wisconsin, dokumentiert dies in seinem Buch „Die CIA und das Heroin. Weltpolitik durch Drogenhandel“.

Die „Agency“ verfuhr so, indem sie dem gegen Maos rote Chinarevolution ankämpfenden Tschiang Kai-Tschek Generals Li Mi beim Aufbau des „Goldenen Dreiecks“ half. Aus dem damaligen Herz des Drogenanbaus transportierte die CIA die wertvolle Ware mit ihren Flugzeugen heraus. Im gleichen Sinne kooerierte der US-Geheimdienst mit der antikommunistischen Hmong-Guerillaarmee des Drogenbarons Van Pao. Der baute mitten auf einem geheimen CIA-Stützpunkt zur Tarnung eine Coca-Cola-Fabrik, in der die Drogen zum Konsum aufbereitet wurden. Die eigens für den geheimen Indochinakrieg der CIA gegründete Fluglinie Air America brachte Waffen an die Front und das Rauschgift nach Bangkok und Saigon. Nach dem Krieg zog sich Van Pao unbehelligt nach Kalifornien zurück. Aber seine Freunde von der CIA machten weiter. Theodore Shackley und andere aus dem Laos-Team nahmen bald in Lateinamerika den Kokainhandel unter ihre Fittich.

Sie trafen auf Männer wie Mike Harari, den Vertrauten von Ariel Scharon und Mossad-Agenten, der Lateinamerika für Waffen aus Israel öffnete und nebenbei in Panama die Drogengelder von Manuel Noriega verwaltete. Später kam Geld, welches für das US-Training von Osama bin Ladens afghanischen Mudschahedin gegen die Sowjetunion benötigt wurde, von Schweizer Konten eines gewissen Albert Hakim, der für den drogengelderfahrenen Iran-Contra-Verschwörer Oliver North agierte. Andere Geldströme der CIA gingen über die Zürcher Shakarchy Trading Company, bei dem der türkische Drogenboss Musululu seine Milliarden „sauber wusch“. Hier haben wir einen Vertreter des „Tiefen Staats“, einer Organisationsstruktur, die eng mit der NATO kooperiert, und deren Treiben in die Dönermordserie hineinreicht. Womit wir wieder in der Gegenwart angekommen sind – und in Afghanistan.

Vor den tragischen Ereignissen vom 11. September 2001 gehörte Afghanistan nicht zu den Global Playern im Anbau von Mohn, dem Ausgangsstoff sowohl von illegalem Heroin als auch von Morphium für pharmazeutische Zwecke. Mittels eines religiösen Rechtsgutachtens, einer so genannten „Fatwa“, hatte der Taliban-Führer Mullah Mohammed Omar im Juli 2000 den Opiumanbau landesweit verboten, weil er gegen die Grundsätze des Islam verstoße. Die afghanischen Opiumbauern hatten sich weitestgehend an dieses Verbot gehalten und waren auf Getreide umgestiegen. Worauf sich innerhalb eines Jahres die Anbaufläche von geschätzten 82.000 Hektar um nicht weniger als 91 Prozent reduzierte. In dem Bemühen, den Mohn im Land auszurotten, hatten die Taliban sogar aktiv Mohnfelder zerstört, wie die Pittsburgh-Post-Gazette am 16. Februar 2001 in einem Artikel mit dem Titel »Opiumproduktion des Landes praktisch ausgerottet« berichtete.

Für den weltweiten Drogenmarkt und dessen Nutznießer hatte diese Angebotsverknappung selbstredend horrende Folgen. Nicht zuletzt Geheimdienste wie die CIA, die weite Teile des weltweiten Drogenhandels kontrolliert, erlitten empfindliche Geschäftseinbußen. Man schätzt, dass der CIA durch das Anbauverbot für Opium in Afghanistan ab dem Jahr 2000 Jahreseinnahmen von etwa 600 Milliarden US-Dollar an Schwarzgeld durch die Lappen gingen.

Seit dem Einmarsch der USA in Afghanistan, seit ihrer Kooperation mit den Drogenbaronen der Nordallianz, seit dem Sieg über die Taliban blüht dort der Mohnanbau wie nie zuvor: Die Produktion wurde, so der Londoner Guardian, um 3.600 Prozent gesteigert. Bereits 2002 war der vor dem Opium-Verbot erreichte Stand wieder hergestellt. In den Folgejahren erklommen die Ernteerträge der afghanischen Opiumbauern jedes Jahr neue, nie da gewesene Höhen. Afghanistan ist weltweit der Spitzenreiter unter allen Drogenproduzenten, mehr als 80 Prozent der gesamten in der Welt produzierten und illegal verbreiteten Opiate entfallen auf dieses Land.

Später berichtete die New York Times (NYT), dass der Bruder des derzeitigen afghanischen Präsidenten Hamid Karzai mindestens acht Jahre lang auf der Gehaltsliste der CIA gestanden habe, bevor dies 2009 öffentlich bekannt wurde. Ahmad Wali Karzai war ein entscheidender Player bei der Wiederaufnahme des Opiumhandels des Landes – bekannt als Goldener Halbmond –, und die CIA hatte das Unternehmen hinter den Kulissen finanziert.

Das „Schweizmagazin“ schreibt hierzu vielsagend: Man gibt einerseits vor, den Kampf gegen Drogen weltweit mit allen Mitteln und größter Konsequenz zu führen – und füllt sich gleichzeitig die eigenen Taschen mit dem Rauschgifthandel. In Afghanistan bewachen deutsche und US-Soldaten die Felder der Opiumbauern, anstatt sie zu zerstören. Im Umkehrschluss heißt dies: Deutsche Soldaten sterben am Hindukusch, damit Europa weiterhin mit billigem Heroin überflutet werden kann. Jeglicher Kampf gegen die tödliche Drogensucht wird so zwangsläufig zur Spiegelfechterei. Solange die Quelle sprudelt, wird es unmöglich sein, den Strom aufzuhalten. Und die CIA verdient kräftig mit in diesem perfiden Spiel. Schöne, neue Welt.


Quelle: http://www.doriangrey.net/index.php?issue=24&page=article&p=1&id=a&c=2

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